Pole gewinnt 56. Amstel Gold Race

Kwiatkowskis tiefe Enttäuschung wandelt sich in Euphorie

Foto zu dem Text "Kwiatkowskis tiefe Enttäuschung wandelt sich in Euphorie"
Michal Kwiatkowski (Ineos Grenadiers) gönnt sich nach dem Siegerchaos einen Schluck vom gesponserten Bier. | Foto: Cor Vos

10.04.2022  |  (rsn) – Denkwürdig wie die letztjährige Austragung ging das 56. Amstel Gold Race zu Ende. Nach 254 Kilometern von Maastricht nach Berg en Terblijt lieferten sich Michal Kwiatkowski (Ineos Grenadiers) und Benoit Cosnefroy (AG2R Citroën) ein ebenso packendes wie enges Sprintduell, das in ein Durcheinander bei der Bekanntgabe des Siegers mündete! Zunächst jubelte der 26-jährige Franzose, während der fünf Jahre ältere Pole Tränen der Enttäuschung über den verloren geglaubten zweiten Triumph nach 2015 nicht zurückhalten konnte.

Nachdem jedoch das Zielfoto ausgewertet war, wandelte sich das Bild abrupt: Kwiatkowski wurde offiziell zum Sieger des ersten der drei Ardennenklassiker erkläre und konnte sein Glück kaum fassen. Dagegen diskutierte der sichtlich aus der Fassung gebrachte Cosnefroy tiefenttäuscht mit seinem Teamkollegen Greg Van Avermaet.

"Es war ein harter Sprint. Ich hatte das Selbstbewusstsein, dass ich gewinnen kann. Aber die letzten 50 Meter waren sehr hart. Cosnefroy hat noch beschleunigt, als ich mit ihm gleichauf war. Es war eine verwirrende Situation. Zuerst war ich sehr traurig. Sie haben alle auf mich gezählt. Aus dem letzten Jahr habe ich gelernt, dass man mit der Euphorie ein bisschen warten muss“, sagte Kwiatkowski im Sieger-Interview und spielte auf das 55. Amstel Gold Race an, in dem sich sein Teamkollege Thomas Pidcock zu früh gefreut hatte, ehe Wout Van Aert (Jumbo - Visma) zum Gewinner erklärt wurde.

Nun erlebte Ineos Grenadiers quasi ein Deja vu unter umgekehrten Vorzeichen und der Weltmeister von 2014 konnte seinen ersten Sieg seit fast zwei Jahren bejubeln - und das ausgerechnet beim Amstel Gold Race. “Ich liebe dieses Rennen. Nach den schlechten Momenten in dieser Saison, mit Corona und der Grippe, schließlich hier zu gewinnen ist unglaublich. Ich habe mir bewiesen, dass ich geduldig sein muss, dann kommen die Erfolge“, sagte Kwiatkowksi und fand auch lobende Worte für seinen Gegner: "Cosnefroy hat den Großteil der Arbeit erledigt. Da ich Tom (Pidcock) in der Gruppe hatte, konnten wir das Rennen noch auf unterschiedliche Art und Weise gewinnen. Deshalb war ich nicht in der Verantwortung."

Top-Favorit van der Poel bleibt nur der vierte Platz

Das Podium komplettierte der Belgier Tiesj Benoot (Jumbo - Visma), der sich auf der langen Zielgerade noch aus der Verfolgergruppe hatte absetzen können. Top-Favorit Mathieu van der Poel (Alpecin - Fenix) blieb nur der vierte Platz, gefolgt von den beiden Dänen Kasper Asgreen (Quick-Step Alpha Vinyl) und Alexander Kamp (Trek - Segafredo).

"Amstel ist immer ein hartes Rennen. Selbst wenn man das Geschehen kontrolliert, gibt es noch die steilen Anstiege. Alleine die tun schon weh. Beim vorentscheidenden Angriff am Keutenberg war noch alles okay. Ich bin mein eigenes Tempo gefahren und war oben wieder bei der Gruppe. Aber ich wusste, dass es gefährlich werden würde, insbesondere mit den beiden Ineos-Fahrern. Danach wurde es taktisch und ich hatte nicht die Beine, um auf alles zu reagieren. Also habe ich etwas gepokert, aber es hat heute nicht funktioniert“, kommentierte van der Poel das Ergebnis.

Hinter dem Australier Michael Matthews (BikeExchange - Jayco) folgte das Schweizer Duo Stefan Küng (Groupama - FDJ) und Marc Hirschi (UAE Team Emirates) auf den Positionen acht und neun. Der Belgier Dylan Teuns (Bahrain Victorious) komplettierte die Top Ten. 

So lief das Rennen:

Bei trockenem, aber kaltem Wetter bildete sich nach nur acht Kilometern die Gruppe des Tages, zu der neben Emils Liepins (Trek - Segafredo), Owain Doull (EF Education - EasyPost), Johan Jacobs (Movistar), Aaron Van Poucke (Sport Vlaanderen) und Luca Rastelli (Bardiani - CSF) auch Bora-hansgrohe-Profi Ide Schelling zählte. Auf der mit gleich 33 Anstiegen gespickten Strecke durch die niederländische Provinz Süd-Limburg bekam das Sextett einen Vorsprung von rund 4:30 Minuten zugestanden.

Vor allem van der Poels Helfer, Ineos Grenadiers und UAE Emirates sorgten für Tempo im Feld, das seinen Rückstand beständig reduzierte, ehe 96 Kilometer vor dem Ziel am Sibbergrubbe-Anstieg Stundenweltrekordler Victor Campenaerts (Lotto Soudal) und Nathan van Hooydonck zur Gruppe vorsprangen, aus der kurz darauf Rastelli zurückfiel.

Danach sorgten mehrere Stürze für Turbulenzen im Feld, aus dem heraus Florian Senechal (Quick-Step Alpha Vinyl) bei der zweiten von drei Cauberg-Passagen attackierte. Der Franzose wurde allerdings dank der Tempoarbeit von Alpecin - Fenix schnell wieder gestellt. Die auf nun sieben Fahrer angewachsene Spitzengruppe konnte ihren Vorsprung, der zwischenzeitlich auf deutlich unter eine Minute geschrumpft war, in der Folge wieder auf fast zwei Minuten ausbauen.

45 Kilometer vor dem Ziel waren die Ausreißer gestellt

Knapp 60 Kilometer vor dem Ziel konnten Schelling und Campenaerts eine Tempoverschärfung von van Hooydonck nicht mitgehen und fielen schnell ins Feld zurück, in dem wieder die Zügel angezogen wurden. Kurz darauf zog am steilen Gulperbergweg wieder van Hooydonck mächtig am Lenker, wobei Liepins nicht mehr folgen konnte. Im Feld vereitelte van der Poels Helfer Michal Gogl Attacken von Christophe Laporte (Jumbo - Visma) und Tim Wellens (Lotto Soudal).

Kurz darauf versteuerte sich van Hooydonck in einer Kurve und fiel seinerseits aus der Spitzengruppe heraus. Zwar schaffte er nochmals den Anschluss, doch im auseinander fallenden Feld hatte inzwischen Ineos Grenadiers das Kommando übernommen und stellte am Eyserbosweg 45 Kilometer vor dem Ziel die Ausreißer - als letzten van Hooydonck auf der Kuppe des Anstiegs.

Am Keutenberg versuchte Ineos Grenadiers, mit einer entschlossenen Attacken, van der Poel ins Hintertreffen zu bringen. Das gelang aber weder den Briten noch Benoot mit seinem starken Konter, bei dem der Top-Favorit allerdings zu kämpfen hatte, ehe er doch den Anschluss in die schließlich elfköpfige neue Spitzengruppe schaffte, zu der noch Thomas Pidcock (Ineos Grenadiers), sein Helfer Kwiatkowski, Benoot, Cosnefroy, Asgreen, Hirschi, Küng, Kamp, Teuns und Matthews gehörten. Aus der uneinigen Verfolgergruppe, die schon 50 Sekunden Rückstand hatte, machte sich Wellens davon, um doch noch den Anschluss zu schaffen.

Nach der vorletzten Zieldurchfahrt schlich sich Kwiatkowski davon

Nach erfolglosen Attacken bei der letzten Cauberg-Überquerung durch Hirschi und Pidcock schlich sich nach der vorletzten Zieldurchfahrt auf den letzten 20 Kilometern Kwiatkowski davon und erhielt kurz darauf Verstärkung durch Cosnefroy, der am Geulhemmerberg attackiert hatte. Das Duo fuhr sich einen Vorsprung von rund 20 Sekunden auf die Gruppe um van der Poel heraus, die mittlerweile auch wieder den zuvor attackierenden Teuns eingesammelt hatte.

Bis zum Bemelerberg, dem letzten der 33 Anstiege, betrug der Anstand zwischen Kwiatkowski und Cosnefroy und den Verfolgern sogar mehr als 30 Sekunden - der sank war auf den letzten Kilometern wieder, sogar auf 15 Sekunden nach zwei Attacken van der Poels auf den letzten beiden Kilometern. Doch auf der langen Zielgeraden ließen die beiden Ausreißer nichts mehr anbrennen, ehe Cosnefroy den Sprint eröffnete und sich ein packendes Duell mit dem Sieger von 2015 lieferte. Nach quälend langen Minuten freute sich zuerst der Franzose über den vermeintlich größten Triumph seiner Karriere, eher die Jury schließlich doch Kwiatkowski zum Gewinner kürte.

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