Evenepoel verliert Zeit, aber nicht die Vuelta-Führung

Roglic meldet sich bei Carapaz‘ zweitem Sieg zurück

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Richard Carapaz (Ineos Grenadiers) hat die 14. Etappe der 77. Vuelta a Espana gewonnen. | Foto: Cor Vos

03.09.2022  |  (rsn) – Die Vuelta a Espana ist wieder spannend geworden. Während Richard Carapaz (Ineos Grenadiers) sich aus der Gruppe des Tages an der Sierra de la Pandera gerade so vor den ersten Favoriten als Sieger der 14. Etappe ins Ziel retten konnte, verlor Remco Evenepoel (Quick-Step Alpha Vinyl) wertvolle Zeit auf den Tagesdritten Primoz Roglic (Jumbo – Visma), der zeitgleich hinter Miguel Angel Lopez (Astana Qazaqstan) auf Rang vier ins Ziel kam. Enric Mas (Movistar) kam als Sechster zwei Positionen vor dem Mann in Rot an und behauptete seine dritten Position im Klassement.

Wie schon am Donnerstag war Carapaz am Schlussanstieg der Stärkste der Ausreißer. “Es ist großartig, zwei Etappen gewonnen zu haben“, meinte der Olympiasieger im Rahmen der Pressekonferenz. Eigentlich wollte er die Spanien-Rundfahrt gewinnen, doch nach einer schlechten ersten Woche musste er umdisponieren. “Klar, für mich lief die Vuelta nicht so, wie wir es uns vorstellten. Wir wollten auf Klassement fahren, da hatte ich dann aber doch ein paar Probleme und wir mussten die Ziele umstellen“, erzählte er. “Tao (Geoghegan Hart) und Carlos (Rodriguez) sind einfach stärker als ich und die unterstütze ich. Aber wenn sich die Gelegenheit bietet, gehe ich auch auf Etappensiege. Mein Ziel ist es, für mich und für mein Team noch so viel wie möglich zu holen“, so der 29-Jährige nach seinen fünften Etappensieg bei einer Grand Tour.

Ungefähr vier Kilometer vor dem Ziel griff Roglic aus der Favoritengruppe heraus an. Evenepoel konnte nicht folgen und büßte am Ende 48 Sekunden plus vier Sekunden Zeitbonifikation auf den Gesamtzweiten ein. “Primoz wusste, dass es auf den letzten vier Kilometern extrem steil wird. Er hat sofort angegriffen“, erklärte Grischa Niermann, der Sportliche Leiter des Tagesdritten. “Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht erwartet, dass Evenepoel heute Zeit einbüßt. Aber das ist natürlich gut für uns“, fügte er an. Sein Schützling liegt nun noch 1:49 Minuten hinter Evenepoel und hat damit wieder deutlich bessere Chancen auf den vierten Gesamtsieg in Folge.

Evenepoel der Verlierer des Tages

Auch Mas machte Zeit auf den Belgier gut, konnte auf den letzten beiden Kilometern das Tempo von Roglic und Lopez aber nicht mehr mitgehen. “Ich bin mit dem Tag ganz zufrieden, ich wusste, dass der Anstieg mir nicht total liegt. Ich habe mich gut verteidigt, andere waren stärker. Aber das Ergebnis ist trotzdem gut“, befand der Spanier, dessen Rückstand auf das Rote Trikot nur noch 2:43 Minuten beträgt, gegenüber radsport-news.com.

Lopez dagegen konnte Roglic bei dessen Tempoverschärfungen folgen. Im Sprint war der Kolumbianer dann sogar schneller als der Titelverteidiger, zum Etappensieg fehlten aber acht Sekunden. “Natürlich hätte ich gerne die Etappe gewonnen, aber ich habe gezeigt, dass ich gute Beine habe, dass ich dabei bin“, sagte Lopez im Ziel zu radsport-news.com. “Ich bin im Klassement etwas weiter nach vorn gekommen, aber das interessiert mich nicht besonders. Unser Ziel bei dieser Vuelta ist es, Etappen zu gewinnen“, so der neue Gesamtsechste, der sich an Wilco Kelderman (Bora – hansgrohe) vorbeischob. Der Niederländer büßte zwei Positionen ein und ist jetzt Gesamtachter.

Der Verlierer des Tages war am Samstag der Erste der Gesamtwertung. “Heute war nicht mein bester Tag, das hat man, glaube ich, auch gesehen“, gab Evenepoel im Ziel-Interview zu Protokoll. “Der zweite Tag nach einem Sturz ist oft der, an dem man die Folgen am meisten spürt, was alles nicht mehr geht“, suchte er nach Erklärungen für den Leistungsabfall nach zwei dominanten Wochen in Spanien. “Ich bin jetzt aber nicht besorgt, ich hoffe, das war mein Schwarzer Tag bei dieser Vuelta. Ich denke, morgen wird es schon wieder besser gehen und am Ruhetag werde ich mich komplett erholen können“, blickte 22-Jährige zuversichtlich voraus.

Brenner überzeugt wieder als Ausreißer

Marco Brenner (DSM) kam mit Verspätung zur Gruppe des Tages. Mit Raul Garcia Pierna (Kern-Pharma) schaffte er nach langer Verfolgung noch den Sprung zur zehnköpfigen Spitzengruppe, aus der allerdings am vorletzten Anstieg als zweiter Fahrer wieder herausfiel. Der 20-Jährige kam noch 1:40 Minuten hinter Jonas Koch (Bora – hansgrohe) an, der als bester Deutscher mit 18:08 Minuten Rückstand 93. wurde.

Das Bergtrikot bleibt bei Jay Vine (Alpecin – Deceuninck), der sich allerdings keine Punkte sichern konnte. Dem Australier kommt Carapaz deutlich näher. Der Tagessieger hat nur noch 19 Punkte Rückstand auf Vine. Mads Pedersen (Trek – Segafredo) gewann erneut aus der Gruppe des Tages heraus den Zwischensprint und baute damit seinen ohnehin riesigen Vorsprung um weitere 20 Punkte aus. Bester Nachwuchsfahrer ist weiterhin Evenepoel. Die Teamwertung führt auch vor der 15. Etappe UAE Emirates an.

So lief das Rennen:

146 Fahrer machten sich am Mittag auf den Weg zur Bergankunft in der Sierra de la Pandera. Vincenzo Nibali (Astana Qazaqstan) war der erste, der es gleich nach dem Start mit einer Attacke versuchte, doch der zweimalige Vuelta-Gesamtsieger wurde ebenso wieder gestellt wie kurz darauf eine fünfköpfige Gruppe um den Schweizer Gino Mäder (Bahrain – Victorious). Danach probierte es ebenso vergeblich dessen deutscher Teamkollege Jasha Sütterlin gemeinsam mit Thomas De Gendt (Lotto Soudal).

Auch im zweiten Versuch konnte sich der Belgier, diesmal gemeinsam mit Robert Stannard (Alpecin – Deceuninck) und dem kurz darauf noch dazu stoßenden Yevgenij Fedorov (Astana Qazaqstan), nicht absetzen. Es folgten in einem denkwürdigen Kampf um die Gruppe des Tages weitere vereitelte Angriffe, ehe sich nach gut 70 Kilometern Carapaz und Alexey Lutsenko (Astana Qazaqstan) lösen konnten und kurz darauf Begleitung von Clément Champoussin (AG2R Citroën), Luis Leon Sanchez (Bahrain Victorious), Bruno Armirail (Groupama - FDJ), Filippo Conca (Lotto Soudal), Kenny Elissonde und Mads Pedersen (beide Trek - Segafredo) erhielten.

Aus dem Feld setzten schließlich auch noch Brenner und Raul Garcia Pierna nach und schlossen 75 Kilometer vor dem Ziel zur Gruppe auf, die damit zehn Fahrer umfasste und sich in der Anfahrt zum Puerto de Siete Pilillas (3. Kat.). dem ersten von drei kategorisierten Bergen des Tages, schnell einen Vorsprung von rund vier Minuten erarbeitete.

Quick-Step macht Tempo, doch die Ausreißer behaupten sich

Da Carapaz als im Gesamtklassement bestplatzierter der Ausreißer fast 15 Minuten Rückstand auf das Rote Trikot aufwies, hatten es Evenepoels Helfer nicht eilig damit, die Lücke wieder zu schließen. Carapaz holte sich den Bergpreis vor Sanchez und in der folgenden Abfahrt konnte die Gruppe ihren Vorsprung sogar noch auf bis zu 4:30 Minuten ausbauen. Als erster am Zwischensprint in Jaen 33 Kilometer vor dem Ziel baute Pedersen seine große Führung in der Punktewertung weiter aus und spannte sich danach für seinen Teamkollegen Elissonde vor die Spitzengruppe.

Obwohl der starke Zeitfahrer Remi Cavagna (Quick-Step Alpha Vinyl) an der Spitze des Feldes das Tempo hoch hielt, kamen die Verfolger bis zum Puerto de Los Villares (2. Kat.) kaum näher an die Ausreißer heran. Am Fuß des 10,2 Kilometer langen Anstiegs scherte Pedersen nach getaner Arbeit aus, kurz darauf setzten sich Sanchez, Lutsenko, Carapaz, Champoussin und Conca ab. Bis auf den 20-jährigen Brenner konnten aber alle zwischenzeitlich abgehängten Fahrer wieder aufschließen.

Aus dem Feld heraus gingen Esteban Chaves (EF Education - EasyPost) und Robert Gesink (Jumbo - Visma) in die Offensive, fast zeitgleich setzte Sanchez an der Spitze 1,5 Kilometer vor dem Ziel seine zweite Attacke und gewann den Bergpreis vor Carapaz und Elissonde. Das von Gesink angeführte Feld erreichte die Bergwertung zwölf Kilometer vor dem Ziel mit 2:40 Minuten Rückstand auf Sanchez, zudem in der Abfahrt mittlerweile Carapaz wieder aufgeschlossen hatte.

Carapaz stürmt zum zweiten Sieg, Roglic schüttelt Evenepoel ab

Den 8,5 Kilometer langen Schlussanstieg nahm das Spitzenduo mit rund 20 Sekunden Vorsprung auf seine ehemaligen Begleiter in Angriff, das Feld, in dem mittlerweile die Teamkollegen des Olympiasiegers das Kommando übernommen hatten, folgte gut zwei Minuten dahinter. Sieben Kilometer vor dem Ziel schaffte Champoussin den Anschluss an die beiden Spitzenreiter, kurz darauf fuhr auch wieder Conca nach vorn. Das ausgedünnte Feld hatte nach einer entschlossenen Tempoverschärfung durch Chris Harper (Jumbo – Visma) seinen Rückstand eingangs der letzten fünf Kilometer auf unter 1:40 Minuten reduziert.

Als sein australischer Helfer seine Arbeit verrichtet hatte, trat Roglic vier Kilometer vor dem Ziel in der mit bis zu 14 Prozent steilsten Passage an und riss schnell eine Lücke zu Evenepoel, der dann auch noch Mas und Lopez ziehen lassen musste. Großes Pech hatte Ayuso, der nach einem Reifendefekt sein Rad wechseln musste, dann aber wieder zum entkräfteten Evenepoel aufschloss ihn sogar kurzzeitig überholte.

Fast zeitgleich schüttelte Carapaz 3,5 Kilometer vor dem Ziel an der Spitze seine Konkurrenten ab. Während Mas wieder aus dem Verfolgertrio herausfiel, konnten Roglic und Lopez ihren Rückstand gegenüber Carapaz auf den letzten 1.000 Meter noch auf zehn Sekunden verringern, den zweiten Etappensieg des Ineos-Profis aber nicht verhindern. Mit acht Sekunden Rückstand sicherte sich Lopez den zweiten Platz vor dem zeitgleichen Roglic. Der Träger des Roten Trikots konnte den Schaden auf den letzten Metern noch begrenzen und kam 56 Sekunden hinter dem Etappengewinner als Achter knapp vor Ayuso ins Ziel.

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