Vorschau zum Einzelzeitfahren von Caen

Evenepoel, Pogacar oder Vingegaard: Wer holt Gelb?

Von Felix Mattis

Foto zu dem Text "Evenepoel, Pogacar oder Vingegaard: Wer holt Gelb?"
Remco Evenepoel (Soudal - Quick-Step) auf dem Weg zum Zeitfahrsieg beim Critérium du Dauphiné im Juni. | Foto: Cor Vos

09.07.2025  |  (rsn) – 33 Kilometer Einzelzeitfahren auf einem weitgehend flachen Parcours mit langen Vollgaspassagen und wenig technischen Kurven: Auf der 5. Etappe der Tour de France (Startzeiten aller Fahrer hier) rund um Caen wird erstmals bei dieser Frankreich-Rundfahrt so richtig Gesamtwertung gemacht werden. Denn auch ohne schwereren Anstieg ist der Kampf gegen die Uhr lang und schwer genug, um für Abstände zu sorgen – auch wenn man wohl nicht mit riesigen Zeitgewinnen jenseits der Minutenmarke rechnen sollte.

Der große Top-Favorit auf den Tagessieg ist natürlich Zeitfahr-Olympiasieger und -Weltmeister Remco Evenepoel (Soudal – Quick-Step). Schon auf einer hügeligeren Strecke wäre er das, doch auf diesem flachen Parcours kommt die Aerondynamik des Belgiers umso mehr zum Tragen.

Dazu kommt, dass einige der größten Spezialisten für einen solchen Parcours gar nicht dabei sind: Stefan Küng (Groupama – FDJ) und Joshua Tarling (Ineos Grenadiers) fehlen bei der Tour und Filippo Ganna (Ineos Grenadiers) sowie Stefan Bissegger (Decathlon – AG2R) schieden schon auf Etappe 1 mit Gehirnerschütterungen aus. Evenepoels größter Herausforderer dürfte daher Europameister Edoardo Affini (Visma – Lease a Bike) sein.

Doch für Evenepoel geht es am Mittwoch nicht nur um den Etappensieg – wenn der nicht gelingt, wäre das wohl schon eine große Enttäuschung – sondern auch um die Gesamtführung. "Der Abstand beträgt 58 Sekunden, also ist der Gelbe Traum möglich", sagte der 25-Jährige nach der 4. Etappe in Rouen. "Es kann passieren!"

58 Sekunden schneller als Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) und Mathieu van der Poel (Alpecin – Deceuninck) müsste Evenepoel fahren, und gleichzeitig 50 Sekunden schneller als Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike), 39 als Matteo Jorgenson (Visma – Lease a Bike) und 32 als Kévin Vauquelin (Arkéa – B&B Hotels).

Ein Kurs, wie gemacht für Evenepoel

Evenepoel hat den Zeitfahrkurs zwar im Vorfeld nicht besichtigt – eine Folge seiner Verletzung im Winter, wie er erklärte – doch er habe eine Video-Aufzeichnung durch seinen Trainer Koen Pelgrim und er werde schon früh am Mittwoch für eine Proberunde auf die Strecke gehen.

"Der Kurs scheint ziemlich geradlinig zu sein, absolut nicht technisch. Es gibt einen kleinen Anstieg am Anfang, aber nichts verrücktes. Es sollte mir wirklich liegen und ich bin wirklich motiviert, einiges an Zeit zurückzuholen", sagte er mit Blick auf die zu Gelb fehlenden 58 Sekunden, von denen er sich 39 an der Windkante auf Etappe 1 und drei im Zielsprint auf Etappe 4 einhandelte. Dazu noch 16 durch die Bonifikationen für die Top-Platzierungen von van der Poel und Pogacar in Boulogne-sur-Mer und Rouen.

Der Mann in Gelb, van der Poel, glaubt nicht wirklich an eine eigene Chance, an der Spitze des Klassements zu bleiben. Wenn ihm das gelänge, es wäre ein Deja-vu: Als er vor vier Jahren erstmals das Gelbe Trikot trug, eroberte er es ebenfalls auf Etappe 2 und musste es dann auf Etappe 5 in einem Einzelzeitfahren verteidigen. Damals gelang es um acht Sekunden vor Pogacar. Allerdings war van der Poel dort in Laval auch mit 39 Sekunden Vorsprung auf den Slowenen in den Kampf gegen die Uhr gestartet. Jetzt sind sie gleichauf.

Verteidigt van der Poel Gelb wie 2021? "Neee…"

"Ob ich das Trikot nach dem Zeitfahren noch habe? Neee", lachte er deshalb in der Mixed Zone nach der Podiumszeremonie in Rouen ob seiner Aussichten. "Die Chance ist enorm klein. Natürlich werde ich so schnell fahren, wie ich kann, aber realistisch gesehen bin ich das Trikot morgen los."

Selbst wenn van der Poel die Führung verlieren sollte, würde es sich für ihn aber lohnen, sich an eine gute Leistung vor vier Wochen beim Critérium du Dauphiné zu erinnern, wo er Sechster im etwas schwereren Einzelzeitfahren geworden war. Denn bleibt der Niederländer auf Tuchfühlung mit Gelb, so könnte er es durchaus in den kommenden Tagen in der Normandie und der Bretagne auch noch einmal zurückerobern. "Ich werden morgen voll fahren", versprach er jedenfalls und erzählte, dass er seit der Dauphiné sogar noch einmal auf dem Zeitfahrrad trainiert habe – aber eben nur einmal.

Pogacar hält sich bedeckt: "Ich werde es einfach genießen"

Die realistischsten Gelb-Kandidaten in Caen heißen neben Evenepoel aber wohl Pogacar und Vingegaard. Beide sind in herausragender Form und würden sich zwar etwas mehr Höhenmeter für den Kampf gegen die Uhr wünschen, könnten sich trotz der flachen Strecke aber vor dem Belgier halten. Pogacar verlor im Zeitfahren beim Dauphiné auf 17,4 schwereren Kilometern zwar mit 48 Sekunden erschreckend viel Zeit gegen Evenepoel, doch der Aussagekraft seiner Leistung dort traut niemand so recht über den Weg.

Der Slowene selbst hielt sich nach seinem Sieg in Rouen noch bedeckt: "Morgen gibt es den richtigen Test", sagte er und meinte: "Ich werde es einfach genießen. Aber natürlich wollen wir alle auch Gelb!"

Vingegaard heimlicher Favorit auf Gelb?

Angesichts der Vorleistungen scheinen die Chancen von Vingegaard auf der flachen Strecke noch einen Tick besser zu sein. Er war beim Dauphiné 28 Sekunden schneller als Pogacar – und das vor allem auch auf dem schnellen zweiten Teil der Strecke. Seine Leistung dort galt für viele als die Beeindruckendste. Doch auch er lehnte sich nicht weit aus dem Fenster in Rouen: "Ich werde versuchen, ein so gutes Zeitfahren wie möglich zu fahren, und dann werden wir sehen", so der Däne. "Ja, es sind nur acht Sekunden und es kann alles passieren – aber auch van der Poel oder Pogacar oder irgendwer anderes kann ein sehr gutes Zeitfahren fahren."

Vingegaards Teamkollege Campenaerts, selbst ein echter Zeitfahr-Spezialist und Aerodynamik-Guru, der sich aber bei dieser Tour voll in den Dienst seines Kapitäns stellen will und daher wahrscheinlich am Mittwoch Kräfte sparen wird, lobte den Dänen: "Jonas ist auf dem Zeitfahrrad sehr stark und er hat extrem viel Zeit im Höhentrainingslager darauf verbracht – Chapeau!"

Gleichzeitig aber erklärte er auch, dass der flache Kurs seinem Chef von den drei Top-Favoriten am wenigsten liegen dürfte. "Dieser Kurs eignet sich besser für jemanden mit größeren Wattwerten. Das ist Tadej, denn er ist schwerer. Ein so flacher Kurs wieder dieser sollte ein Vorteil für ihn sein", meinte Campenaerts – und natürlich für Evenepoel.

Van Aert: "Remco schlage ich sowieso nicht"

Der nämlich bleibt unterm Strich der klare Favorit. Das erkannte auch Wout van Aert an, der deshalb wohl ebenfalls nicht unbedingt Vollgas geben wird. "Über morgen muss ich noch gut nachdenken, denn Donnerstag und Freitag kommen noch zwei schwere Tage", sagte er. "Früher wäre ich in einem Zeitfahren immer voll gefahren. Aber ich muss realistisch sein: Remco schlage ich sowieso nicht."

Und was ist mit Evenepoels Vorgänger als Zeitfahr-Olympiasieger? Primoz Roglic (Red Bull – Bora – hansgrohe) wird das Gelbe Trikot in Caen sicherlich nicht erobern. Dafür liegt der Slowene mit 1:27 Minuten Rückstand auf Gelb und 29 Sekunden auf Evenepoel schon zu weit zurück. Trotzdem aber ist das Zeitfahren für ihn ein Tag der Wahrheit. Dort muss er auf die anderen Kandidaten auf den dritten Gesamtrang bei dieser 112. Frankreich-Rundfahrt so viel Zeit, wie möglich zurückholen. Und vielleicht kann er sich mit einer Spitzenleistung und einer Top-3-Platzierung im Zeitfahren wieder weit nach vorne katapultieren. "Man weiß nie, was passiert", sagte der Red-Bull-Kapitän.

Mehr Informationen zu diesem Thema

03.03.2026Van der Poel: “So weiß man die guten Momente mehr zu schätzen“

(rsn) - Mathieu van der Poels Domäne sind die Klassiker, wie der Niederländer mit seinem perfekten Saisoneinstieg beim Omloop Nieuwsblad (1.UWT) am vergangenen Samstag ein weiteres Mal bewiesen hat.

12.11.2025Arensman: “Letztendlich ist Radsport nur eine Nebensache“

(rsn) – Bei der vergangenen Tour de France feierte Thymen Arensman (Ineos Grenadiers) die bisher größten Erfolge seiner Karriere. Aber nicht die auf der 14. Und 19. Etappe eindrucksvoll herausgef

04.11.2025Wellens erzählt von Pogacars Knieproblemen bei der Tour

(rsn) – Tim Wellens hat in einem Interview mit der französischen Sporttageszeitung L´Equipe konkreter über die Schwierigkeiten von Teamkollege Tadej Pogacar in der Schlusswoche der Tour de France

11.08.2025Gianetti: “Pogacar zu sein ist schön, aber nicht einfach“

(rsn) – Mauro Gianetti, der Teamchef von UAE – Emirates – XRG hat sich zum kommenden Rennkalender und zum Vuelta-Verzicht von Tadej Pogacar geäußert. Am Ende der Tour de Pologne sagte er gege

03.08.2025Liste der ausgeschiedenen Fahrerinnen / 9. Etappe

(rsn) - 154 Profis aus 22 Teams sind am 26. Juli im westfranzzösischen Vannes zur 4. Tour de Frances Femmes (2.WWT) angetreten, darunter sieben Deutsche, sechs Schweizerinnen und drei Österreicheri

31.07.2025Pogacar “langweilte“ sich in der zweiten Hälfte der Tour

(rsn) – Neben dem Gelben und dem Gepunkteten Trikot sicherte sich Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) bei der Tour de France 2025 vier Etappensiege. Den letzten davon feierte der Slowene ab

30.07.2025Häuslicher Unfall: Vauquelin bricht sich den Knöchel

(rsn) – Spätestens mit seinem siebten Platz bei der 112. Tour de France hat Kevin Vauquelin (Arkéa – B&B Hotels) auch international seinen Bekanntheitsgrad deutlich erhöht. Die Freude über das

29.07.2025Zwei Tage nach der Tour: Aldag verlässt Red Bull - Bora - hansgrohe

(rsn) – Rolf Aldag und Red Bull – Bora – hansgrohe gehen ab sofort getrennte Wege. Das kündigte der deutsche WorldTour-Rennstall überraschend zwei Tage nach Ende der Tour de France an, bei der

28.07.2025Lipowitz: “Manchmal ist der Sportchef nicht glücklich mit mir“

(rsn) - Nur Florian Lipowitz (Red Bull – Bora – hansgrohe) konnte in den Bergen der Tour de France ansatzweise mit Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) und dem Zweitplat

28.07.2025Im Überblick: Alle Gelbe Karten bei der 112. Tour de France

(rsn) – Drei Tage hat es gedauert, bis die UCI-Jury bei der Tour de France 2025 zum ersten Mal hart durchgegriffen und Gelbe Karten verteilt hat: Im Sturzchaos von Dünkirchen bestraften die Kommiss

28.07.2025Angst, natürlicher Schwund und finanzielle Ungleichheit

(rsn) – Die Tinte in den Radsport-Geschichtsbüchern ist gerade erst getrocknet: Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) hat bei der Tour de France 2025 im direkten Duell mit seinem großen Widersa

28.07.2025Vingegaards “merkwürdige Tour“ endet auf Platz zwei

(rsn) – Das große Ziel hat Visma – Lease a Bike bei dieser Tour de France verfehlt. Jonas Vingegaard musste in Paris mit der zweiten Stufe auf dem Podium vorliebnehmen, der ewige Rivale Tadej Po

Weitere Radsportnachrichten

26.09.2026Radsport live im Stream, TV und Ticker: Die Rennen des Tages

(rsn) – Welche Radrennen finden heute statt? Wo und wann kann man sie live im Fernsehen oder Stream verfolgen? Und wo geht´s zum Live-Ticker?In unserer Tagesvorschau informieren wir über die wicht

25.09.2026Deutschlands Jüngste glänzen in Montreal: 16-Jährige Bieberle WM-6.

(rsn) – Die deutschen Juniorinnen haben im Straßenrennen bei den Weltmeisterschaften von Montreal in Kanada zwar keine Medaille gewonnen, mit ihrem Abschneiden aber trotzdem überzeugt. Die Plät

25.09.2026Deutsche U23 selbstkritisch: “Weit unter unseren Möglichkeiten“

(rsn) – Die Enttäuschung war den drei bestplatzierten deutschen Fahrern im U23-Straßenrennen der Männer bei den Weltmeisterschaften von Montreal anzumerken. Moritz Mauss, Paul Fietzke und Max Boc

25.09.2026Neira besorgt Spanien den nächsten U19-Titel, Grossmann holt Bronze

(rsn) – Alejandra Neira hat die spanische Siegesserie bei U19-Weltmeisterschaften fortgesetzt. Ein Jahr nach dem Triumph von Paula Ostiz bei den Juniorinnen in Kigali sowie einen Tag nach dem Sieg v

25.09.2026Barry fährt am Geburtstag in der Gruppe des Tages zum Titel

(rsn) – Noch bevor bei der Podiumszeremonie “The Star-Spangled Banner“ erklang, stimmte das Publikum “Happy Birthday to you“ an. Denn an seinem 19. Geburtstag hat sich Ashlin Barry den Tit

25.09.2026WM-Raser kommt nicht ungestraft davon

(rsn) – Der spanische Teammanager, der beim WM-Juniorenrennen der Männer mit dem Teamauto über die Strecke gerast ist, kommt nicht ungestraft davon. Eleuterio Anguita wird vom Rest der Straßen-We

25.09.2026Martinez profitiert beim CRO Race von De Gendts Pech

(rsn) – Nach zweieinhalb Jahren ohne Sieg hat Daniel Felipe Martínez (Red Bull – Bora – hansgrohe) die 4. Etappe des CRO Race (2.Pro) für sich entschieden. Der Kolumbianer war der Schnellste i

25.09.2026Walscheid beendet seine Karriere

(rsn) - Nach elf Jahren als Berufsradfahrer wird Maximilian Walscheid (Lidl – Trek) seine Karriere am Ende der Saison beenden und in eine neue Rolle in Lidls Leistungszentrum in Bad Wimpfen an der S

25.09.2026Cobo schafft den Sprung in die WorldTour

(rsn) - In unserem ständig aktualisierten Transferticker informieren wir Sie regelmäßig über Personalien aus der Welt des Radsports. Ob es sich um Teamwechsel, Vertragsverlängerungen oder Rücktr

25.09.2026Wer kann Vallieres den Titel beim Heimspiel entreißen?

(rsn) – Am Samstag möchte Magdeleine Vallieres in Montreal, 130 Kilometer von ihrer Geburtsstadt Sherbrook entfernt, ihren in Kigali errungenen Sensationstitel verteidigen. Einfach wird das Heimspi

25.09.2026Winter wollte schlau fahren, hatte aber “fast keine Ahnung, wie´s geht“

(rsn) - Obwohl sie im Straßenrennen nur knapp eine Medaille verpasste, stellte sich Mara Winter nach dem harten Rennen der U23-Fahrerinnen, das sie über zehn Runden auf dem schweren Straßenkurs in

25.09.2026WM-Fünfter Hettegger: “Musste was machen mit meinen Haxn“

(rsn) – Zum zweiten Mal seit dem Gewinn des Weltmeistertitels durch Felix Gall 2015 in Richmond in den USA hat es am Donnerstag ein Österreicher in die Top 5 der Junioren-WM geschafft: Nach Platz f

RADRENNEN HEUTE

    Radrennen Männer

  • Grand Prix Cerami (1.2, BEL)