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05.02.2026 | (rsn) – Es ist noch nicht allzu lange her, da sagte Ralph Denk, sein Team Bora – hansgrohe wolle einmal das beste Team der Welt werden. An dieser Zielsetzung hat man nun zusammen mit dem neuen Mehrheitseigner Red Bull etwas gedreht: "Wir haben die Vision entwickelt, das attraktivste Radsportteam der Welt zu werden – nicht das erfolgreichste", erklärte Denk am Medientag seines Rennstalls im Dezember auf Mallorca.
Wenn man auf die Erfolgsbilanz von UAE – Emirates – XRG aus 2025 blickt, so ist diese Anpassung sehr gut nachvollziehbar. Erfolgreicher als die Mannen um Dominator Tadej Pogacar kann man schließlich kaum werden. Attraktivität hingegen scheint mit dem Sponsoring durch Red Bull und der Verpflichtung von Remco Evenepoel fast automatisch Einzug erhalten zu haben – und wer dem nicht zustimmt, der beweist: Sie ist ohnehin nicht messbar und sehr subjektiv. Denk jedenfalls erklärte Attraktivität auf Mallorca mit den Säulen Erfolg, Entwicklung und Entertainment.
Ausgemachtes Ziel von Red Bull ist, den Radsport besser in Szene zu setzen, ihn ins Rampenlicht zu rücken. Aktionen wie das in die Luft ziehen eines Segelfliegers mit Beinkraft von Radsportlern, wie Anfang Dezember auf Mallorca, wird man künftig häufiger erwarten dürfen. Im Januar setzte Red Bull einige Radprofis zu einem Show-Event auf den Beifahrersitz der Rallye-Asse im Rahmen der Rallye Monte-Carlo. Aktionen, die vom Sponsor kommen, nicht vom Team, aber von denen der Radsport und auch das Team profitiert – oder unter denen es auch leiden könnte, je nach Betrachtungsweise. ___STEADY_PAYWALL___
“Peloton Take Off“, so hieß die Red-Bull-Aktion, bei der Profis des WorldTour-Rennstalls auf Mallorca einen Segelflieger in die Luft zogen. | Foto: Red Bull Content Pool
Aufmerksamkeit, Superlative, das ist die Welt von Red Bull. Den Gewinn des Mallorca-Mannschaftszeitfahrens Ende Januar mit einer Geschwindigkeit von 59,7 km/h verkaufte man sofort als Weltbestleistung – ohne die Einordnung freilich, dass man ein eigenständiges Teamzeitfahren, dass es so im Profi-Radsport sonst gar nicht gibt, mit Teamzeitfahren innerhalb von Grand Tours verglich. Äpfel und Birnen, aber sei's drum: Der Effekt stimmte, das war attraktiv.
Für Attraktivität auf sportlicher Seite steht, da sind sich Radsport-Fans wohl größtenteils einig, eine angriffslustige Fahrweise. Und auch die will man bei Red Bull künftig zelebrieren. Nicht umsonst wurde Zak Dempster als Sportdirektor von Ineos geholt, der beim britischen Team in den letzten Jahren mit dafür verantwortlich war, dass aus dem sehr berechnend fahrenden Team Sky eine Offensiv-Mannschaft wurde. "Ich bin ziemlich stolz auf diesen Momentums-Wechsel, den das ganze Team bei Ineos auf diese Weise geschafft hat", gab Dempster gegenüber radsport-news.com nun auch zu, fügte aber an:
"Hier ist es etwas anders. Das Team hier hat 2025 schon ein gutes Momentum aufgenommen, mit Lipos Podestplatz bei der Tour oder Roglics Katalonien-Sieg. Aber ja, wir wollen etwas 'out of the box' denken, kreativ sein. Es wird auf jeden Fall ein paar schwierige Entscheidungen zu treffen geben, wann es der richtige Zeitpunkt ist, um konservativ zu fahren und wann der richtige Zeitpunkt, um die Angst vorm Verlieren abzulegen. Wenn man die Chance hat, eine Rundfahrt zu gewinnen, dann opfert man dafür mögliche Etappensiege. Aber opfert man sie auch für einen vierten GC-Platz? Wahrscheinlich nicht!"
Florian Lipowitz hat 2025 mit seinem dritten Gesamtrang und dem Gewinn des Weißen Trikots das bislang beste Gesamtergebnis in der Geschichte seines Teams bei der Tour de France erzielt. | Foto: Cor Vos
Das ist eine klare Ansage, die Offensivgeist verspricht und an der man sich sporttaktisch auch wird messen lassen müssen – vor allem nach dem drastischen Umbruch, den das Team in der sportlichen Führung hinter sich hat. Sportdirektor Rolf Aldag und Enrico Gasparotto, der selbst für den mit Offensive errungenen Giro-Sieg von Jai Hindley 2022 stand, mussten schon Ende Juli den Hut nehmen. Nach einer Tour, während der das Team für seine Fahrweise mit einem offensiven Primoz Roglic und einem ebenfalls in Richtung Courchevel risikofreudigen Florian Lipowitz gerade von deutschen Medien scharf kritisiert wurde.
Neben Aldag und Gasparotto musste auch Heinrich Haussler gehen und auch Bernhard Eisel und Roger Hammond haben sich neue Teams gesucht. Unter Dempster und dem mit ihm von Ineos gekommenen Oliver Cookson agiert eine größtenteils neue Sportliche Leitung. Ob sie mehr Attraktivität und neben dem Entertainment-Faktor auch den Erfolg bringen, wird sich zeigen – losgegangen ist das Jahr mit vier Siegen auf Mallorca bereits sehr gut.
Denk hofft, dass die Verpflichtung von Evenepoel den sogenannten "Sagan-Effekt" wiederherstellt, als 2019 im Schatten von Kapitän Peter Sagan auch andere Fahrer zu Karrierebestleistungen kamen. Dabei hat sich der Fokus im Vergleich zu damals aber stark verschoben: Nicht mehr Klassiker und Sprints sind die Stärke des Teams, sondern Rundfahrten und Gebirge. Evenepoel, Lipowitz, Roglic, Hindley, Daniel Felipe Martinez – sie alle standen schon auf Grand-Tour-Podien und sollen Erfolg bringen.
Primoz Roglic will 2026 Anlauf auf seinen fünften Vuelta-Gesamtsieg nehmen - damit wäre der Slowene alleiniger Rekordhalter. | Foto: Cor Vos
Dazu kommt als zweite Säule die Nachwuchsarbeit. Der Faktor Entwicklung wurde durch Red Bull und die letztjährige Einführung des U23-Teams namens 'Rookies' noch mehr in den Fokus gerückt. Mit Fahrern wie Giulio Pellizzari oder auch dem noch bei den 'Rookies' fahrenden, 19-jährigen U23-Weltmeister Lorenzo Finn und vielen mehr hat man riesige Talente für die Zukunft in der Hinterhand.
Spannend wird, wie man sich auf flacherem Terrain und in Richtung flämische Klassiker künftig präsentiert, nachdem dort 2025 kaum etwas gelang. Der Sieg von Neuzugang Arne Marit auf Mallorca machte diesbezüglich Hoffnung und mit ihm sowie Mick und Tim van Dijke sowie Maxim Van Gils oder auch Laurence Pithie und den Sprintern Danny van Poppel und Jordi Meeus ist man auf dem Papier gut gewappnet – wenn auch nicht eines der absoluten Favoritenteams.
In den Hintergrund gerückt ist inzwischen eine andere Säule: die Heimat. 2026 gehören mit Lipowitz, Berghelfer Ben Zwiehoff, Etappenjäger Nico Denz und Youngster Emil Herzog nur noch vier Deutsche zum WorldTour-Kader des deutschen Rennstalls. "Es tut mir im Bauch ein bisschen weh, dass sich zu wenige aufdrängen", sagte Denk im Dezember.
Nico Denz (links) und Ben Zwiehoff (rechts) scheinen bei Red Bull - Bora - hansgrohe von Jahr zu Jahr stärker und zu wichtigeren Helfern zu werden - Denz rettete 2025 mit seinem Etappensieg sogar die Giro-Bilanz. | Foto: Red Bull Content Pool
Mit Lipowitz sind im deutschen Radsport viele Hoffnungen verbunden, doch der Teamchef bremste etwas: "Der Fahrstuhl fährt nach oben und nach unten, das ist uns bewusst. Wenn er jetzt Tour-Sechster wird, würde das von einigen eher als Enttäuschung, als als weiterer großartiger Erfolg bewertet werden – auch das ist uns bewusst. Aber wir glauben langfristig an ihn und wir glauben, dass er vielleicht sogar noch besser werden kann als er jetzt schon ist."
Gerade um die Erwartungshaltung etwas abzufedern, sei die Anwesenheit von Evenepoel an Lipowitz' Seite viel wert – deshalb auch die Planung mit dem Duo als Doppelspitze bei der Tour de France 2026.
Rund fünf Jahre hat Denk am belgischen Supertalent gebaggert, um ihn zu seinem Team zu lotsen. Mit der Hilfe von Red Bull ist es dem Raublinger nun endlich gelungen – und natürlich hängen riesige Erwartungen an diesem Transfer. Auch wenn Lipowitz bei der Tour de France 2025 stärker wirkte als der Belgier, so erinnerte man die Öffentlichkeit zurecht daran, dass Evenepoel eben weit mehr ist, als nur die Hoffnung auf einen Tour-de-France-Sieg. Spätestens als der 26-Jährige bei den Zeitfahr-Weltmeisterschaften in Kigali einige Wochen später den zwei Minuten vor ihm gestarteten Tadej Pogacar überholte und überlegen Gold holte, dürfte das auch allen wieder klar geworden sein.
Remco Evenepoel zu Red Bull - das war der Königstransfer im gesamten Radsport in diesem Winter. | Foto: Cor Vos
Doch mit dem Königstransfer dieses Winters hat Red Bull nicht nur sportlich einen großen Schritt gemacht, sondern auch gezeigt: Man scheint schon jetzt eines der attraktivsten Teams der Welt zu sein, wenn man einen der umworbensten Fahrer anlocken kann. Allerdings steht auch viel auf dem Spiel: Schafft man es nun nicht, Evenepoel noch besser zu machen – wofür vor allem auch sein neuer Trainer Dan Lorang mitverantwortlich zeichnet – so würde das am Image des Teams im Umkehrschluss gehörig kratzen.
2023 Zweiter bei der Tour de l'Avenir hinter Isaac Del Toro, 2024 dann als Ausreißer auf drei Bergetappen der Shootingstar in der Schlusswoche des Giro d'Italia – am Monte Pana nur vom siegesgierigen Tadej Pogacar noch abgefangen und mit dessen Rennbrille anschließend als Trostpreis bechenkt: Giulio Pellizzari ist mit vielversprechenden Vorleistungen zu Red Bull – Bora – hansgrohe gekommen, die den Italiener übrigens vor jenem Giro 2024 bereits für die kommenden Jahre verpflichtet hatten.
Giulio Pellizzari im Weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers bei der Vuelta a Espana 2025. | Foto: Cor Vos
Nach einem Jahr im Team kann man bereits sagen: Pellizzari hat gehalten, was man sich von ihm versprach. Der 22-Jährige wurde 2025 Gesamtsechster sowohl beim Giro als auch bei der Vuelta, gewann bei letzterer am Alto de El Morredero auch eine Bergetappe und machte einen großen Schritt nach vorn – ganz abgesehen davon, dass die italienische Frohnatur auch menschlich viel mitbringt, wie man aus Teamkreisen hört. 2026 nun wird spannend: Gemeinsam mit Jai Hindley soll Pellizzari, wie schon bei der letzten Vuelta, eine Doppelspitze für den Giro bilden – und niemand dürfte überrascht sein, wenn der Italiener am Ende in Rom auf dem Podium stünde. Doch auch wenn seine Entwicklung einen Schritt langsamer voranschreiten sollte, als das, so bleibt Pellizzari ein sehr wichtiger Eckpfeiler in den Zukunftsplänen seines Teams für die großen Rundfahrten.
Das Aufgebot:
Giovanni Aleotti (Italien / 26), Adrien Boichis (Frankreich / 22), Mattia Cattaneo (Italien / 35), Nico Denz (Deutschland / 31), Jarrad Drizners (Australien / 26), Haimar Etxeberria (Spanien / 22), Remco Evenepoel (Belgien / 25), Finn Fisher-Black (Neuseeland / 23), Alexander Hajek (Österreich / 22), Emil Herzog (Deutschland / 21), Jai Hindley (Australien / 29), Florian Lipowitz (Deutschland / 25), Arne Marit (Belgien / 26), Daniel Felipe Martínez (Kolumbien / 29), Jordi Meeus (Belgien / 27), Gianni Moscon (Italien / 31), Giulio Pellizzari (Italien / 22), Laurence Pithie (Neuseeland / 23), Primož Rogli? (Slowenien / 36), Callum Thornley (Großbritannien / 22), Jan Tratnik (Slowenien / 35), Luke Tuckwell (Australien / 21), Mick van Dijke (Niederlande / 25), Tim van Dijke (Niederlande / 25), Maxim van Gils (Belgien / 26), Danny van Poppel (Niederlande / 32), Gianni Vermeersch (Belgien / 33), Aleksandr Vlasov (Russland / 29), Frederik Wandahl (Dänemark / 24), Ben Zwiehoff (Deutschland / 31)
Davon Neuzugänge:
Adrien Boichis (Red Bull – Bora – hansgrohe Rookies), Mattia Cattaneo (Soudal – Quick-Step), Jarrad Drizners (Lotto), Haimar Etxebarria (Equipo Kern Pharma), Remco Evenepoel (Soudal – Quick-Step), Arne Marit (Intermarché – Wanty), Callum Thornley (Red Bull – Bora – hansgrohe Rookies), Luke Tuckwell (Red Bull – Bora – hansgrohe Rookies), Gianni Vermeersch (Alpecin – Deceuninck)
Teamleitung:
Manager: Ralph Denk
Sportdirektor: Zak Dempster (Sportchef) / Oliver Cookson (Head of Racing)
Sportliche Leiter: Shane Archbold, Cesare Benedetti, Klaas Lodewyck, Christian Pömer, Enrico Poitschke, Sylvester Szmyd, Sven Vanthourenhout, Patxi Vila
Material:
Rahmenhersteller: Specialized
Gruppe: SRAM
Laufräder: Roval
Reifen: Specialized
Trikot: Specialized
Helm: Specialized