RSNplusEx-Profi bestimmt nicht nur Renntaktik

Als Sportlicher Leiter ist Wagner bei Visma “Mädchen für alles“

Von Kevin Kempf aus Maskat

Foto zu dem Text "Als Sportlicher Leiter ist Wagner bei Visma “Mädchen für alles“"
Robert Wagner teilt sich die Arbeit im Oman mit Grischa Niermann. | Foto: Kevin Kempf

06.02.2026  |  (rsn) – Im Rahmen der Muscat Classic (1.Pro) und der Tour of Oman (2.Pro) hatte RSN ein Gespräch mit Robert Wagner vereinbart. Der Ex-Profi ist zusammen mit Grischa Niermann in beiden Rennen als Sportlicher Leiter bei Visma – Lease a Bike verantwortlich. Einen Termin zu finden war am Medien-Tag der Events aber nicht einfach. “Zeit ist heute definitiv begrenzt“, schrieb der Magdeburger, was folgte, war sein Terminplan für die nächsten Stunden und der Feststellung, dass es um 16 Uhr klappen könnte.

Als RSN um 15:30 Uhr im Team-Hotel in Maskat eintraf, lief Wagner schon aufgeregt durch die Lobby. “Ist gerade etwas hektisch hier. Owain ist vorhin beim Training gestürzt und ich muss jetzt mit ihm ins Krankenhaus“, sagte er und eilte von dannen. Das Treffen zwischen RSN und Wagner war geplatzt wie die Oberlippe des gestürzten Visma-Fahrers. Und spätestens da war klar: Sportliche Leiter sitzen nicht nur im Auto, reichen Flaschen an die Profis und geben taktische Anweisungen. Sportliche Leister sind “Mädchen für alles“!

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Und genau das war, als Wagner wenig später doch pünktlich zum abgemachten Termin erschien, das Gesprächsthema. “Angefangen habe ich 2020 beim Development Team von Visma. Das Team habe ich von der Pike auf mit aufgebaut. Gerade in der Konti-Kategorie ist man tatsächlich das Mädchen für alles. Da muss man nicht nur die Renntaktik bestimmen, da muss man auch planen, wer wie zum Rennen hinkommt. Man muss logistische und Einsatzpläne machen und so weiter. Da ist auch sehr viel Bürokram dabei“, erklärte der ehemalige Sprinter unter Palmen sitzend am Pool des Hotels.

Fotos von Grischa Niermann (Dritter von links) und Robert Wagner (Zweiter von rechts) wie hier bei der Zeitfahr-DM 2021 sind schwer zu finden, denn im Oman arbeiten beide erstmals bei einer Rundfahrt zusammen. | Foto: Cor Vos

Doch geteiltes Leid ist halbes Leid. “Im Oman und bei fast allen WorldTour-, x.Pro- und manchen 1.1-Rennen sind wir mit zwei Coaches dabei. Ich bin hier zum ersten Mal zusammen mit Grischa Niermann. Er ist bei uns auch im Management und macht deswegen nur die Logistik – und ist deswegen jetzt auch gerade im Krankenhaus. Ich bin hier fürs Rennen verantwortlich. Grischa ist hier quasi ein bisschen mein Mentor und Supervisor“, erzählte Wagner weiter.

Der Niedersachse hat bei den Niederländern schon mehr Jahre auf dem Buckel als der Sachsen-Anhaltiner. Direkt nach seinem Karriereende 2012 zog Wagner das Rabobank-Trikot aus und wurde Sportlicher Leiter bei den Rabobank-Frauen, nach einer Saison wechselte er zum Development-Team, aus dem er 2017 aufstieg, als LottoNL und Jumbo die Rolle der Sponsoren übernahmen.

Strecken-Recon am Computer

Doch zurück zum Bürokram des "Mädchens für alles". “Ich kann mir meine Zeit einteilen, wie ich es möchte, bin aber natürlich auch abhängig von anderen Menschen und in erster Linie Organisator“, sagte Wagner. “Wenn die mir drei oder vier Wochen vorher Informationen über und gpx-Dateien von den Etappen senden, kann ich anfangen zu arbeiten. Um eine Etappe mit Veloviewer akribisch im Detail vorzubereiten, brauche ich ungefähr zwei Stunden“, fügte er an.

Der Veloviewer ist ein Programm, auf dem Strecken eingelesen und über Google Maps angesehen und ausgewertet werden können. “Ich kann genau abmessen, wie lang der Berg ist und wie viel Prozent Steigung er hat. Wie viel Prozent die Abfahrt danach hat. Ich kann die Windrichtung, jede Kurve und jede Verkehrsschwelle sehen. Ich kann für jeden Meter Informationen hinzufügen, wenn ich meine, dass ich das für das Rennen gebrauchen kann“, erläuterte der 42-Jährige. “Ich markiere nicht jede Kurve, denn Kurven fahren gehört irgendwo mit dazu. Aber Auffälligkeiten wie Spitzkehren oder eine Fahrbahnverengung von drei auf eine Spur sind von Bedeutung“, meinte er weiter.

2018 war Wagner noch als Fahrer am gelben Teamfahrzeug der niederländischen Mannschaft. | Foto: Cor Vos

Von seinen Fahrern erwartet Wagner auch, dass sie sich mit dem Tool auf die Rennen vorbereiten. “Wenn wir wie heute Abend ein Race-Meeting haben, dann ist es nicht so, dass ich als Sportlicher Leiter vorn stehe und sende. Bei uns ist das interaktiv“, erklärte er. Aber gilt das auch für die jungen Fahrer, mit denen der Deutsche jetzt zusammenarbeitet und die Development-Athleten, die er in der Vergangenheit unter seinen Fittichen hatte? “Aber hundert Prozent!“, betonte Wagner. “Das ist gerade, worauf wir hämmern. Im ersten Satz unseres Ausbildungskonzepts steht: ‘Wir wollen selbstständige und selbstdenkende Fahrer ausbilden!‘“

Erzähl ma!

Und wer denkt, kann falsch denken. Und auch dann kommt der Sportliche Leiter wieder ins Spiel. “Nach dem Rennen setzen wir uns zusammen und dann sag ich: ‘So. Erzähl ma! Was hamwa denn besprochen?‘ ‘Und? Was hamwa im Rennen gemacht?‘ – und davon können wir dann etwas lernen“, befand Wagner.

War er bisher sowohl für das Development Team als auch für das WorldTeam im Einsatz, so ist er jetzt vor allem für die erste Mannschaft verantwortlich. Da übernimmt Wagner vor allem die “White-Jersey-Group“, kurz gesagt die Nachwuchsfahrer der Equipe. “Wir haben uns am Jahresende hingesetzt und ich habe meine Wünsche geäußert. Ich mache aus familiären Gründen keine Grand Tour. Ich möchte im Moment keine vier Wochen von zu Hause weg sein. Das kann in Zukunft anders aussehen, denn die Jungs werden auch mal groß. Das Team war damit einverstanden“, erzählte er.

Darum wird Wagner häufig bei einwöchigen Rundfahrten im Auto sitzen – und dort trifft er hin und wieder auch auf seine Schützlinge von der Nachwuchsmannschaft, die als Gastfahrer von Stars wie Sepp Kuss lernen können. “Hier habe ich auch zwei dabei. Aldo Taillieu war letztes Jahr noch bei Lotto, aber Patryk Goszczurny kenne ich schon vom letzten Jahr“, erzählte Wagner. “Solche Rennen sind jetzt mein Schwerpunkt und ich denke, da haben wir ein gutes Programm“, meinte er abschließend.

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