RSNplusIn den Alpen allein gegen Alle

Jasch mit fotogenem Painface und Turbo-Oberschenkeln

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Jasch mit fotogenem Painface und Turbo-Oberschenkeln "
Lachen oder Leiden? Lennart Jasch (Tudor) hat ein “fotogenes Painface“. | Foto: Cor Vos

23.04.2026  |  (rsn) – Während Tudor in den Ardennen einen echten Hänger hat, fahren die Schweizer bei der Tour of the Alps (2.Pro) äußerst auffällig. Zum Auftakt leistete man viel Arbeit, was zu Platz drei von Florian Stork führte. Am zweiten Tag kontrollierte man die meiste Zeit das Geschehen für Titelverteidiger Michael Storer, der zwar nicht mit den besten mitklettern konnte aber wie Mathys Rondel die Top Ten erreichte.

Im Finale der 3. Etappe wurde Stork wieder der Sprint vorbereitet. Der Deutsche kam dieses Mal aber nicht über Platz neun heraus. Die Trauer darüber dauerte beim Zweitdivisionär aber wohl maximal 24 Stunden an.

Denn auf der Königsetappe war Devo-Fahrer Lennart Jasch, über den RSN bei der Tour of Oman (2.Pro) ausführlich berichtete, Teil der fünfköpfigen Spitzengruppe und früh deutete sich an, dass der Deutsche gute Beine hatte, die besten seines Lebens, wie er im Ziel-Interview verriet. Er hatte aber auch ein Problem: Sean Quinn. Der US-Amerikaner von EF Education – EasyPost lag im Klassement nur 1:36 Minuten hinten und dementsprechend wurde das Quintett von Red Bull – Bora – hansgrohe um den Gesamtführenden Giulio Pellizzari an der kurzen Leine gehalten. ___STEADY_PAYWALL___

Doch Jasch machte sich 48,5 Kilometer vor dem Ziel auf, das Problem eigenhändig zu lösen. An der bis zu 20% steilen unklassifizierten Steigung nach Busago erhöhte er die Schlagzahl – und schüttelte alle Begleiter ab. Der Österreicher Rainer Kepplinger lag nur ein paar Meter hinten und als der Spitzenreiter sich umdrehte, nahm er den Gang etwas raus. So lagen kurzzeitig ein ehemaliger Eisschnellläufer und ein ex-Ruderer vor den ausgebildeten Radsportler Christopher Juul-Jensen (Jayco – AlUla) und Simone Raccagni (Ukyo). Und Quinn? Der lag weit zurück und wurde vom Feld geschluckt.

Lennart Jasch (Tudor) auf den letzten Metern der Königsetappe der Tour of the Alps | Foto: Cor Vos

Red Bull lag mit dem Feld im Gepäck zwei Minuten zurück und hatte nun kaum noch einen Grund, die Ausreißer einholen zu wollen. Der Bonussekunden im Ziel wegen wäre es sogar sinnvoll gewesen, die Ausreißer weiter fahren zu lassen. Das tat man aber nicht. Stattdessen stieg auch die zweite Schweizer Mannschaft ein: Pinarello – Q36.5 wollte für den Vortagessieger Tom Pidcock erneut einen Sprint forcieren.

An der Spitze hatte Jasch derweil in der Abfahrt ein Einsehen. “Allein 45 Kilometer ins Ziel zu fahren wäre ziemlich hart gewesen, also habe ich sie herankommen lassen. Die Aktion hatte mir aber Selbstvertrauen gegeben”, wird er auf der Teamhomepage zitiert. Doch 20 Abfahrtskilometer später sah er den Moment gekommen. An einer Gegensteigung schüttelte er seine Kontrahenten erneut ab – wie schon hinauf nach Busago scheinbar mit einem Grinsen im Gesicht.

Internationale Kommentatoren werden zu Lyrikern

Und das fiel nicht nur der RSN-Redaktion auf. “Er hat ein großartiges Painface, sehr fotogen“, wurde auch bei den Briten von Eurosport geurteilt. Wenig Freude dürfte dagegen der Blick auf die Uhr gebracht haben, denn der offenbarte mit noch 25 zu fahrenden und meist bergab führenden Kilometern nur noch 50 Sekunden Vorsprung. Die Situation wurde nicht besser, als im Peloton Juan Felipe Rodriguez attackierte, der am Vortag mit einer ähnlichen Aktion seinem an der Spitze fahrenden EF-Teamkollegen Darren Rafferty die Show verhagelt hatte. Der Kolumbianer fuhr zu Jaschs Verfolgern vor, konnte dann aber auch keinen Boden mehr gutmachen.

Der Spitzenreiter war nicht nur bergauf bärenstark, auch bergab – auf breiten recht geraden Straßen ohne viel Gefälle – hielt er stand. Auch außerhalb Deutschlands begann die Begeisterung für den 25-Jährigen zu steigen. “Wenn man für die Ausbildungsmannschaft von Tudor fährt und hier das Finale bestimmt, dann erzwingt man einen Profi-Vertrag“, meinte der niederländische Eurosport-Kommentator Lars van den Berg, der seine Karriere wegen Gesundheitsproblemen im Marz 2025 im Alter von 26 Jahren beendet musste.

Erstmals holte sich der Tudor-Devo-Fahrer einen Sieg vor großer Kulisse. | Foto: Cor Vos

Sein Kollege Jan Hermsen hielt sich ebenfalls nicht zurück. “Mit den Beinen von Max Kanter, aber dem Klettervermögen einer Bergziege“, beschrieb er Jasch eingangs der letzten zehn Kilometer an der letzten Steigung des Tages. Diese “Turbo-Oberschenkel“ ließen den Niederländer auch danach nicht los, doch zunächst attackierten die Favoriten an eben jener Welle. Aleksandr Vlasov (Red Bull – Bora – hansgrohe) sicherte sich dort die Bonussekunden vor Egan Bernal (Ineos Grenadiers). Die Klassementfahrer lagen eingangs der letzten neun abschüssigen Kilometer nur noch 25 Sekunden hinten – und die Attacken begannen sofort.

Jaschs Mannschaftsgefährte Mathys Rondel, ebenfalls ein ehemaliger Eisschnellläufer, passte beim ersten Angriff auf, doch als vier Fahrer einen zweiten Versuch starteten, war weder der Franzose noch Storer oder Stork wachsam. Das Quartett machte sich auf die Verfolgung, doch verlor an einem Kreisel zwei Fahrer, die falsch abbogen. Matteo Sobrero (Lidl – Trek) und Federico Iacomoni (Ukyo) jagten den Spitzenreiter nun. Sie kamen bis auf elf Sekunden heran, doch dann drehte der den Spieß um und fuhr weiter weg- du gewann. “Es ist spektakulär, was wir hier zu sehen bekommen“, befand da Hermsen.

Alles Eisschnelllauf

“Ich war bis zur letzten Kurve nie sicher, ob ich es schaffe. Erst als ich auf die Zielgerade einbog, wurde mir deutlich: ‘Ich hole gerade meinen ersten Profisieg!‘“, sagte Jasch auf der Pressekonferenz. Ob dem so war, darüber streiten sich die Gelehrten, denn Jasch hatte letztes Saison bereits einen Etappen- und den Gesamtsieg beim Giro della Regione Friuli Venezia Giulia (2.2) gefeiert. Dass dieser Triumph sein mit Abstand größter war, darüber besteht allerdings Konsens. Er war nicht “zufällig“ aus einer Ausreißergruppe zustande gekommen – Jasch hatte seine Begleiter abgehängt und sowohl das Feld als auch verschiedene frischere Verfolger auf Abstand gehalten.

Und so kamen ob seiner starken Leistung Fragen auf, wo der Bayer eigentlich herkommt? Die Antwort lautete “aus dem Eis-Oval“. “Ohne Eisschnelllauf wäre ich heute nicht hier. Mental gesehen war der heutige Effort am Berg dem, was ich von dort gewohnt bin, sehr ähnlich. Im Eisschnelllauf musste ich in sechseinhalb bis sieben Minuten alles geben und der heutige Berg im Finale war da nah dran, auch wenn es nicht ganz das gleich war. Trotzdem konnte ich dort den Unterschied machen.“ Und die Turbo-Oberschenkel haben ihr Übriges getan.

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