Vorschau auf das EM-Straßenrennen der Männer

Kann Evenepoel in Slowenien zurückschlagen?

Von Paul Grosch

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Remco Evenepoel geht als Top-Favorit in das EM-Straßenrennen. Doch hinter dem Belgier lauern Nationen wie Dänemark oder Spanien. | Foto: Cor Vos

03.10.2026  |  (rsn) – Viele der europäischen WM-Fahrer müssen genau eine Woche nach dem Straßenrennen in Montreal beim EM-Straßenrennen in Slowenien wieder ran. Im Gegensatz zum Frauenrennen ist die Dichte an absoluten Top-Favoriten jedoch nicht allzu hoch – bedingt durch die Abwesenheit von Titelverteidiger Tadej Pogacar und das Fehlen der bei der WM starken US-Amerikaner und des Mexikaners Isaac del Toro. Mit Mathieu van der Poel (Niederlande) und Ben Healy (Irland) sind weitere Fahrer, die den Kampf um das Regenbogentrikot in Kanada mitbestimmt hatten, nicht dabei.

Die Rolle des Top-Favoriten fällt somit auf Remco Evenepoel (Belgien). Der 26-Jährige blieb in Montreal deutlich hinter seinen Erwartungen und denen der Öffentlichkeit zurück. Auf dem Rundkurs um Sencur will sich der Belgier nun seinen letzten noch fehlenden Titel bei WM und Europameisterschaft sichern – den EM-Titel auf der Straße. “Alle Trikots zu gewinnen, ist etwas, das ich bis zum letzten Tag meiner Karriere verfolgen werde“, kündigte der Tour-Zweite auf der Pressekonferenz an. “Aber es wird sicher nicht einfach.“

Den klaren Herausforderer gibt es nicht. Stattdessen werden die in der Breite stark aufgestellten Nationen wie Frankreich, Dänemark, Italien oder Spanien versuchen, Evenepoel durch Taktik und numerische Überlegenheit unter Druck zu setzen. Der EM-Zweite des Vorjahres geht in Slowenien als alleiniger Kapitän Belgiens an den Start, wird jedoch von starken Helfern wie Maxim Van Gils, Ilan Van Wilder oder Ramses Debruyne unterstützt. Wout van Aert hingegen steht nicht am Start. Evenepoel selbst ist sich noch nicht sicher, wie sich das Fehlen seines Co-Kapitäns auf den Rennverlauf und auf seine Chancen auswirken wird.

“Es ist nicht unbedingt einfacher. Man kann sich hinter niemandem verstecken“, erklärte er. “Für die Teamkollegen ist es vielleicht klarer. Es gibt einen Plan - und das war’s. Es gibt Vor- und Nachteile, das ist immer so. Viel hängt auch vom Streckencharakter ab. Wout hatte seine Ambition und ich meine. Es sollte einfach nicht sein", meinte er nach der WM. Van Aert verzichtete wohl auch wegen des Anstiegs nach Mozjanca auf die Europameisterschaft. Die bisherigen Straßenrennen zeigten, dass der Berg selektiver als der Voie Camillien-Houde in Montreal ist.

“Es ist eine schöne Strecke mit einem harten Anstieg, aber auch flachen Abschnitten dazwischen“, beschrieb Evenepoel seine Eindrücke. “Auf diesen Passagen wegzufahren, wird nicht leicht. Aber wir haben eine starke Gruppe am Start. Wir wissen, wie wir das kontrollieren müssen.“ Diese Aussagen lassen darauf schließen, dass Belgien in einer der fünf Runden am Anstieg eine Attacke ihres Kapitäns forcieren möchte.

Sollte die Favoritengruppe später im Rennen bereits ausgedünnt sein, hätte womöglich auch eine Attacke von Evenepoel im Flachen gute Erfolgsaussichten. Den nun viermaligen Zeitfahrweltmeister konnte schon oft auch eine gut funktionierende Gruppe nicht mehr einholen. Auch das Plateau nach dem Anstieg bietet Möglichkeiten für Attacken. Nach einer Anstrengung könnten sich dort durchaus die Favoriten gegenseitig anschauen, wenn zuvor am Anstieg keine entscheidenden Lücken herausgefahren wurden. Die Wellen mit einer abschließenden Rampe passen genau zum Fahrerprofil Evenepoels. Auf ähnlichen Abschnitten setzte er einige seiner wenigen Akzente bei der WM.

Einige andere Nationen hingegen werden ihre Taktik im Vergleich zur Weltmeisterschaft anpassen. In erster Linie ist hier Frankreich zu nennen. Nach dem GP Montréal und dem WM-Rennen hätte die Équipe Tricolore wohl gerne versucht, am Anstieg eine Attacke von Paul Seixas zu lancieren. Das 20-jährige Wunderkind bewies dort und im Frühjahr auch bei Lüttich-Bastogne-Lüttich, dass es an ähnlichen Hügeln Evenepoel überlegen ist. Doch Seixas verzichtet zugunsten einer optimalen Vorbereitung auf die Lombardei-Rundfahrt (1.UWT) am 10. Oktober auf die Europameisterschaft.

Die Herausforderer

Dennoch stehen Fahrer des WM-Kaders wie Pavel Sivakov oder Alex Baudin auch in Slowenien am Start. Hinzu kommen starke Puncheure wie Kévin Vauquelin oder der Französische Meister Romain Grégoire. Anstatt zusammen mit Belgien zu kontrollieren, sollten die Franzosen versuchen, durch Attacken auf dem lokalen Rundkurs ihre Nachbarn unter Druck zu setzen.

Gleiches gilt wohl für die Italiener, die wie in Kanada mit einem breit aufgestellten Team am Start stehen. Nach seinem 9. Platz bei der WM dürfte Giulio Ciccone als Kapitän ins Rennen gehen. Fahrer wie Giulio Pellizzari und Christian Scaroni werden somit wohl versuchen, früh zu attackieren. Doch auch Ciccone ist ein angriffslustiger Fahrer, dem ein Überraschungsangriff auf einer der ersten Runden zuzutrauen ist. Der Italiener verfügt zudem über einen guten Sprint in einer reduzierten Gruppe.

Auch die Spanier bringen in Juan Ayuso einen Top-Fahrer mit nach Slowenien, der von einem in der Breite gut aufgestellten Team unterstützt wird. Der 24-Jährige verpasste bei der WM knapp den Sprung in die Verfolgergruppe, die das Podium ausmachte, und machte vor allem bergauf immer wieder einen guten Eindruck. Neben dem WM-Überraschungsmann Mads Pedersen schicken die Dänen mit Kasper Asgreen, Mikkel Bjerg oder Anthon Charmig eine starke Mannschaft an den Start, die das Rennen gewohnt angriffslustig angehen dürften. Bei einem extrem passiven Rennverlauf könnte Pedersen wie bei der WM zurückkommen.

Auch Primoz Roglic konnte bei der Weltmeisterschaft überzeugen, obwohl es nach seinem Fluchtversuch an der Seite von van der Poel und Quinn Simmons “nur“ für Rang 21 reichte. An den Anstiegen in Montreal präsentierte er sich als einer der stärksten Fahrer. In der Form vom vergangenen Sonntag dürfte Roglic zuversichtlich am Berg ins direkte Duell gegen seinen Red-Bull-Teamkollegen Evenepoel gehen. Der 36-Jährige wird zudem in der Heimat von starken Fahrern wie Matej Mohoric, Domen Novak und Jan Tratnik unterstützt. Nachwuchstalent Jakob Omrzel könnte eine Option für eine frühe Attacke sein.

Weitere Überraschungskandidaten auf vordere Platzierungen sind Tom Skujins (Lettland), Matthias Vacek (Tschechien) oder Aleksandr Vlasov (Neutraler Athlet), die ohne große Teamunterstützung auskommen müssen. Auch Österreich dürfte mit Fahrern wie Tobias Bayer und Michael Gogl auf die Top 20 schielen.

Deutschland ohne Kapitän und große Chancen

Mit Johannes Adamietz, Marco Brenner, John Degenkolb, Emil Herzog und Maximilian Schachmann bringt German Cycling ein ausgeglichenes Team nach Slowenien. Lennard Kämna muss aufgrund einer Erkrankung auf die EM verzichten und wird von Miguel Heidemann ersetzt. Einen absoluten Top-Fahrer hat Deutschland nicht dabei, zudem fehlen die WM-Besten Florian Lipowitz und Georg Zimmermann.

Wie in Montreal könnte Deutschland versuchen, eine frühe Ausreißergruppe zu belegen. Ansonsten wird die Mannschaft auf ein passives Rennen unter den Favoriten hoffen. Am Anstieg dürften Vuelta-Etappensieger Brenner oder Herzog die besten Deutschen sein. Eine vordere Platzierung wäre dennoch eine Überraschung.

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