„Wenn die Frauen kommen, gehen alle Kaffee trinken“

27.07.2003  |  Manfred Petersohn vermittelt einen zufriedenen Eindruck. „Meine Ansprüche sind immer sehr hoch, aber wir haben in dieser Woche nur Lob gehört.“ Seine Premiere als Tourdirektor der 16. Internationalen Thüringen-Rundfahrt, Petersohn löste den langjährigen Rundfahrtleiter Reiner Späth (1992 bis 2002) ab, ist geglückt. Die Organisation verlief vor und hinter den Kulissen ohne Pannen, das Starterfeld war mit der Weltmeisterin und Weltranglisten-Ersten Susanne Ljungskog (Schweden) sowie der russischen Titelverteidigerin Zoufia Zabirova bes-tens besetzt – acht der besten 20 Weltranglistenfahrerinnen nahmen an dem Traditionsrennen in Ostthüringen teil. Die 16. Austragung der Rund-fahrt über 566,5 Kilometer hat ein Zeichen gesetzt, nicht nur in der Re-gion, wo auf Bewährtes zurückgegriffen und Neues probiert wurde. Bei-spielsweise mit dem Mannschaftszeitfahren als erste Etappe, das den bislang üblichen Prolog ersetzte. „Wir hatten den Mut zu Experimenten, die Rundfahrt soll Dynamik und keine Statik vermitteln“, sagt Christian Bergemann, geschäftsführender Gesellschafter des Ausrichters HT Sportmarketing mit Sitz in Erfurt und Wiesbaden.

Auch das dem Einzelzeitfahren am Samstag in Schmölln vorangegan-gene Jedermann-Rennen (16,2 km) mit 120 Startern wurde ein Erfolg. Abgelöst wird dieser Wettkampf im nächsten Jahr wahrscheinlich von einem Jugendrennen. Getragen wurde die Thüringen-Rundfahrt – wie immer – von der Begeisterung in der Bevölkerung. Egal, ob in Zeulenro-da, Greiz, Schleiz, Hermsdorf, Gera oder in Schmölln. „Wir haben uns gut verkauft“, sagt Bergemann. Und Petersohn ergänzt: „Der Zuspruch von den Sportlichen Leitern und Teamchefs war enorm.“ Der Rundfahrt-Etat, etwa 200.000 Euro, weist laut Bergemann „steigende Tendenz“ auf, in naher Zukunft will man mit der Tour de France der Frauen, dem „Grand Boucle“, in noch stärkere Konkurrenz treten. Die höchste Einstu-fung des Weltradsportbands (UCI) hat die Thüringen-Rundfahrt schon längst erreicht: 2.9.1, wie auch die Tour de l’Aude in Südfrankreich, der Giro d’Italia der Frauen und eben der „Grand Boucle“. Zum Einsatz kamen 95 Organisations- und Mannschaftsfahrzeuge, 20 Polizei-Motorräder und fünf so genannte Hornissen, Ordner auf Moto-Cross-Motorrädern. Nur Vorteile brachte den Weltklasse-Teams, etwa die Equipe Nürnberger Versicherung mit der besten deutschen Fahrerin Judith Arndt, die niederländischen Teams Farm Frites Hartol Cycling und Bik Powerplate, T-Mobile als amerikanische Nationalmannschaft, die litauische Mix-Mannschaft Acca due sowie Velodames Colnago aus Russland auch die Unterbringung in einem einzigen Tour-Stützpunkt. Das Seehotel Zeulenroda hat einen hohen Standard gesetzt, der inter-national fast immer unterboten wird. „So gut waren wir noch nie unter-gebracht“, sagt Tom Vrolijk, der Sportliche Leiter von Bik Powerplate. Für das thüringische Team Euregio Egrensis um die Spitzenfahrerin Tina Liebig war die Thüringen-Rundfahrt der Saisonhöhepunkt. Für an-dere, wie beispielsweise die Equipe Nürnberger Versicherung, beginnt schon nächste Woche mit dem „Grand Boucle“ eine weitere sportliche Herausforderung. In Frankreich fährt die einzige deutsche Profi- Mann-schaft des Sportlichen Leiters Jens Zemke für eine vordere Platzierung von Judith Arndt. Ein Training für kommende Aufgaben ist die Thürin-gen-Rundfahrt aber längst nicht mehr. Das belegen die Ergebnisse der schweren Etappen mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von 41 bis 42 Kilometern pro Stunde.

Dass der deutsche Frauen-Radsport dennoch im Schatten der Männer steht, ist allen Beteiligten bewusst. „Dies zu ändern, ist auch die Intenti-on unseres Sponsors“, sagt Zemke. Für die Olympiasiegerin und ehe-malige Weltmeisterin Petra Roßner (Equipe Nürnberger) ist „das Me-dieninteresse in Deutschland besser geworden, aber nicht da, wo es sein müsste“. Daran sind die bislang wortkargen deutschen Hauptdar-stellerinnen, etwa Straßenmeisterin Trixi Worrack, nicht ganz unschul-dig. Wie sportliche Höchstleistung intelligent und professionell vermark-tet wird, demonstrierte bei der Thüringen-Rundfahrt das Team T-Mobile. Doch nicht zu Unrecht bemängelt Theresa Senff (Euregio Egrensis), dass beispielsweise der Erfolg von Judith Arndt bei der Tour de l’Aude „nur im Ergebnisteil der Zeitungen“ gewürdigt wurde. „Es wäre schön, wenn sich die breite Öffentlichkeit mehr für den Frauen-Radsport inte-ressieren würde“, meint Tina Liebig, die nächste Woche ihre erste Tour de France fährt.

Aufgrund des UCI-Kalenders nicht zu vermeiden ist, dass die Thüringen-Rundfahrt stets parallel zur Tour de France der Männer ausgefahren wird. In diesem Jahr kam im Problemfeld überregionale Berichterstat-tung die zeitgleiche Sachsentour hinzu. „Wenn man die UCI-Einstufung sieht, hätte in den Medien eigentlich die Thüringen-Rundfahrt die Num-mer 1 sein müssen“, sagt Ingo Messerschmidt, Sportlicher Leiter von Euregio Egrensis. Für seine Nachwuchsfahrerin Claudia Hecht beginnt die ungleiche Behandlung schon bei Dorfrennen. „Die Leute gucken bei den Männern und den Kindern zu, und wenn die Frauen kommen, ge-hen alle Kaffee trinken.“

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