Jens Voigt von deutschen Fans übel beschimpft

„Judas“-Rufe für einen treuen Helfer

Von Matthias Seng

22.07.2004  |  Jens Voigt ist sein unbedingter Einsatz für sein dänisches CSC-Team und dessen italienischen Kapitän Ivan Basso von deutschen Fans mit üblen Beschimpfungen vergolten worden. Die 15 Kilometer Einzelzeitfahren nach Alpe d’Huez müssen dem Mecklenburger und Freund von Jan Ullrich wie ein Spießrutenlaufen vorgekommen sein. Nach eigenen Angaben wurde er immer wieder von fanatischen Zuschauern auf das Übelste beschimpft. «Es gab am ganzen Berg heute Buhrufe und Judas-Plakate, man hat mir Tiernamen zugerufen, die ich nicht weitergeben will. Besonders die Judas-Bezeichnungen haben mich schwer getroffen», sagte der 32 jährige, der bei seiner siebten Tour-Teilnahme wohl kaum mit einem solchen Empfang durch Landsleute gerechnet hatte.

Beim Bergzeitfahren von L'Alpe d'Huez zeigten viele Fans nicht nur, dass sie dem CSC-Fahrer die Verfolgung Jan Ullrichs am Tag zuvor übel genommen hatten, sondern auch, dass sie die Regeln des Profiradsports nicht kennen. «Ich bin doch loyal zu meiner Mannschaft und ihrem Kapitän», erklärte Voigt. Wegen dieser unbedingten Loyalität und seiner unermüdlichen Kampfkraft hatte Teamchef Bjarne Riis den Deutschen zu Beginn der Saison in sein CSC-Team geholt und ihn am Dienstag von einem Ausreißversuch zurückbeordert. Voigt sollte für seinen Kapitän Ivan Basso, den Zweitplatzierten im Gesamtklassement, das Loch zu Jan Ullrich zufahren. Eine durchaus übliche Stallorder, die aber nicht alle verstehen konnten, so etwa auch die beiden ARD-Kommentatoren Hagen Bosdorf und Herbert Watterot. Voigt machte dann auch in einem Interview im ZDF die «unqualifizierte Berichterstattung» in den deutschen Medien für die Reaktion der Fans verantwortlich. Als er auf Nachfrage des Reporters die ARD-Kommentatoren nannte, blendete das ZDF das Interview aus. Übrigens hatte auch schon Jan Ullrich einmal von den Helferdiensten des Jens Voigt profitiert; bei den Olympischen Spielen in Sydney nämlich. Daran erinnerte der sichtlich getroffene Voigt auch nochmals: «Damals hat der Judas Jan Ullrich zur Goldmedaille verholfen.“

Am Abend dann teilte das ZDF mit, dass der vorzeitige Abbruch des Interviews gerade an der brisantesten Stelle auf einen „Kommunikationsfehler“ zurückzuführen sei. Der Leiter des örtlichen ZDF-Redaktionsteams: "Das war nicht geplant, und wir ärgern uns darüber selbst am meisten.“ Um das zu belegen, bietet das ZDF das Interview in voller Länge nachträglich als Video an. Die meisten Zuschauer hätten es aber wahrscheinlich gerne live mitverfolgen wollen.

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