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16.05.2010 | (rsn) – Die 7. Etappe des Giro d’Italia wird als eine der denkwürdigen in die Radsportgeschichte eingehen. Der Dauerregen in der Toskana hatte die berühmten Strade Bianche (Weißen Straßen), die das Finale des 222 Kilometer langen Teilstücks von Carrara nach Montalcino bildeten, in einen von braunem Schlamm überzogenen glitschigen Parcours verwandelt.
Bereits nach wenigen Kilometern auf den Schotterpisten waren die Fahrer von einer erdbraunen Schicht bedeckt und von vorne kaum mehr voneinander zu unterscheiden. Immer wieder wischten sie sich den Schlamm aus den Gesichtern – vergebens. Den Durchblick behielt am Ende eine fünfköpfige Ausreißergruppe, die den Sieg unter sich ausmachte.
Die beiden großen Gewinner des Tages hießen Alexander Winokurow (Astana) und Cadel Evans (BMC Racing). Der australische Weltmeister gewann die Etappe vor dem Italiener Damiano Cunego (Lampre), der Kasache holte sich das Rosa Trikot zurück. Die großen Verlierer waren die beiden Liquigas-Kapitäne Vincenzo Nibali und Ivan Basso, Erster und Zweiter der Gesamtwertung. Das Rosa Trikot war auf regennasser Straße in einer Abfahrt noch vor der ersten Schotterpassage gestürzt und hatte danach keine Chance mehr, zur Spitzengruppe aufzuschließen - vor allem deshalb, weil dort in erster Linie Winokurow und Evans ein unglaublich hohes Tempo einschlugen.
„Scarponi ist vor mir gerutscht und ich konnte nicht ausweichen“, schilderte Nibali nach dem Rennen den Sturz. „Zuerst konnte ich noch nicht einmal mehr auf’s Pedal treten, dann ging es besser.“ Trotzdem ging es auf den letzten Kilometern für den 25 Jahre alten Sizilianer nur noch um Schadensbegrenzung, wobei er von Ivan Basso unterstützt wurde. „Wir wollten gemeinsam fahren, weil wir allein den Rückstand nicht hätten aufholen können“, sagte der 32-Jährige, der im Gesamtklassement auf Rang acht zurückfiel. „Es war ein schwarzer Tag. Für mich ist aber noch alles offen“.
Wieder im Geschäft ist dagegen der ehemalige Mountainbiker Evans, gemeinsam mit Winokurow der eindeutig stärkste Fahrer im bisherigen Rennverlauf. „Es war ein unglaublicher Tag, die auf dem Mountainbike verbrachten Jahre haben heute ihre Früchte getragen“, sagte der BMC-Kapitän, der sich mit seinem zweiten Saisonsieg auf Platz zwei des Gesamtklassements verbesserte. „Nach dem Sturz von Nibali konnte ich zu Winokurow und Garzelli aufschließen. Der Plan war zwar anzugreifen, aber ich hatte nicht damit gerechnet, die Etappe zu gewinnen. Ich habe in Holland viel Zeit bei Stürzen verloren, aber nicht durch meine Schuld. Jetzt bin ich wieder im Rennen", so Evans.
Nicht nur das – der 33-Jährige scheint als Einziger im Feld derzeit Winokurow Paroli bieten zu können. Der Kasache holte sich das Rosa Trikot zurück, das er im Teamzeitfahren verloren hatte. Und im Finale war es der Astana-Kapitän, der immer wieder das Tempo forcierte. „Es war so hart wie Paris – Roubaix, auf den letzten 20 Kilometern sah ich wegen des Schlamms vor meinen Augen nichts mehr“, so der 36-Jährige, der nach eigenen Angaben am Ende seiner Kräfte und froh über die Hilfe von Evans war. Winokurow: „Ich habe gelitten.“