“Damit alle ihren Lebenstraum verwirklichen“

Monika Sattler fuhr als erste Frau die ganze Vuelta-Strecke

Von Tom Mustroph

Foto zu dem Text "Monika Sattler fuhr als erste Frau die ganze Vuelta-Strecke"
Geschafft! Monika Sattler hat als erste Frau die komplette Strecke der Vuelta abgefahren. | Foto: Monika Sattler

18.09.2018  |  (rsn) - Monika Sattler absolvierte als erste Frau die Strecke der Vuelta a Espana. Sie fuhr alle Etappen ab und bewältigte fast die gesamte Distanz. Nur die Schluss-Etappe nach Madrid musste sie wegen einer Straßensperrung und der Original-Kursführung über die Autobahn verkürzen. Die 33-jährige will mit ihrer Aktion vor allem Menschen inspirieren, ihren eigenen Lebenstraum zu verwirklichen. radsport-news.com sprach mit der gebürtigen Deutschen, die auf Mallorca lebt und früher für die Weltbank und IBM tätig war.

Frau Sattler, wie geht es Ihnen, nach drei Wochen auf dem Rad? Sind Sie traurig, jetzt nicht mehr täglich 200 Kilometer fahren zu können - oder erleichtert, dass die Strapazen vorbei sind?
Monika Sattler: Ich habe das besser verkraftet als erwartet. In den Bergen von Andorra war ich vor anderthalb Monaten schon einmal, und es fiel mir damals sehr schwer. Jetzt aber, nach diesen drei Wochen, ging es leichter als gedacht. Ich hatte auch damit gerechnet, dass ich jetzt mein Rad gar nicht mehr anschauen mag. Aber ich denke schon, dass ich demnächst wieder fahre. Vielleicht nicht immer sechs Stunden lang. Aber aufs Rad steige ich sicher wieder.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Vuelta abzufahren?
Sattler: Ursprünglich ging es gar nicht um die Vuelta. Ich nicht glücklich mit meinem Job, und ich habe gemerkt, wenn ich jetzt wirklich etwas in meinem Leben ändern und meiner Leidenschaft folgen, mein eigenes Ding durchziehen will, dann muss ich das einfach machen. Ich habe also meinen Job bei IBM in Australien aufgegeben und bin mit einer Tasche und sonst nichts nach Malaga gezogen.

Ich konnte kein Spanisch, es war ein Riesen-Risiko, gegen jede Norm, was Gesellschaft so vorgibt. Die Idee mit der Vuelta kam, als ich den ersten Schritt gemacht hatte und gemerkt habe: Es geht doch, ich komme ich hier mit vielen Menschen ins Gespräch. Die wollen jetzt vielleicht nicht gleich ihren Job hinschmeißen, aber doch etwas machen, was sie sich sonst nicht trauen. Und meine Vuelta soll ein Zeichen dafür sein, dass man manchmal einfach den Schritt machen muss, um seinen Traum zu erfüllen.

War bei Ihrer Vuelta mehr Freude und Vergnügen im Spiel, oder doch mehr Verausgabung und Anstrengung? Haben Sie manchmal gedacht: Warum tue ich mir das alles an?
Sattler: Diese Momente gab es eigentlich vorher. Ich musste ja alles selber organisieren. Das war alles wesentlich schwieriger, als dann zu fahren. Aber es gab eigentlich keinen Moment, an dem ich gesagt habe, ich gebe jetzt auf.

Fuhren Sie gesamte Strecke allein, oder hatten Sie Begleitung?
Sattler: Nur bei zwei Etappen war ich ganz allein. Ich habe immer Leute eingeladen, mitzufahren. Oft kamen Radsportler aus der Region, manchmal ganze Teams, und fuhren mit mir gemeinsam eine Etappe. Ich wurde zudem von einem Support-Fahrzeug unterstützt, logistisch war das nicht anders möglich. Wenn mal etwas repariert werden musste, dann geschah das meist schnell, und ich war Minuten später wieder auf der Straße.

Wie war Ihr Tagesablauf während dieser drei Wochen?
Sattler: Ich stand zwischen 4 Uhr und 5 Uhr auf, um 4 Uhr, wenn es eine lange und schwere Etappe war, bei 200 Kilometer zum Beispiel. Dann frühstückten wir um 4.30 Uhr, fuhren um 5 Uhr zum Start der Etappe. Und um 5.30 Uhr saß ich meistens schon auf dem Rad. Ich fuhr dann bis 13 Uhr, maximal bis 15 Uhr zum Ziel, danach gab es Mittagessen. Dann fuhren wir zum nächsten Hotel, das konnte bei langen Transfers nochmal zwei Stunden dauern. Im Hotel duschte ich, schrieb auf, was ich gemacht und erlebt habe. Um acht Uhr dann Abendessen und um 9 Uhr ging ich ins Bett.

Was gab's zu Essen?
Sattler: Zum Frühstück immer das Gleiche: Haferflocken und Banane. Während der Etappe aßen wir sehr lokal, Reis, viel Obst, alles sehr natürlich. Mittags und abends meist lokale Küche, viel mit Kartoffeln, auch Thunfisch mit Reis.

Sie fuhren ja die originale Vuelta-Strecke. War da schon alles aufgebaut? Wie reagierten die Organisatoren, wie die Fans?
Sattler: Manchmal war die komplette Beschilderung schon da, am nächsten Tag war nichts. Da habe ich gelegentlich gedacht, ich bin auf der falschen Strecke. Nach einiger Zeit kannten die Polizisten an der Ziellinie mich, und ließen mich durch, ohne dass ich meine Akkreditierung vorzeigen musste. Manchmal kamen Leute mit Leinwänden, auf denen mein Name stand.

Die Vuelta-Organisatoren unterstützten Sie?
Sattler: Sagen wir so: Sie tolerierten mich. Ich habe eine Akkreditierung bekommen. Aber ich erhielt auch eine Nachricht von ihnen, dass sie mir verbieten, die letzte Etappe zu fahren, weil die Strecke dann gesperrt ist. Das war logistisch am kompliziertesten: Die Profis fuhren über die Autobahn, die für mich aber noch nicht gesperrt war. Am letzten Tag kamen daher nur etwa 20 Kilometer zusammen. Dafür war es vorher in Andorra fantastisch, sehr viele Leute haben mich da begleitet.

Sie waren jeden Tag schon im Ziel, bevor die Profis kamen. Haben Sie sich auch die Zielankunft angeschaut, und überhaupt etwas von der Vuelta der Profis mitbekommen?
Sattler: Nein. Ich versuchte, das zu vermeiden, ganz ehrlich. Nach dem Ziel musste ich ja meist noch zwei Stunden Auto fahren, zum Hotel. Und wenn die Profis kamen, gab es überall Totalsperrungen. Deshalb versuchte ich, so früh wie möglich wegzukommen.

In Frankreich gibt es die Initiative "Donnons des elles au velo": Frauen fahren die Tour de France-Strecke, einen Tag vor den Profis, und setzen sich für eine Tour de France der Frauen ein. Haben Sie Kontakt? Das gleiche Anliegen?
Sattler: Nein, wir haben keinen Kontakt. Ich habe auch erst spät von ihnen erfahren. Meine Message ist, dass ich Leute inspirieren möchte, dass sie Sachen, die sie wünschen, die ihnen aber unmöglich erscheinen, einfach versuchen. Das geht über den Radsport hinaus. Wenn mein Beispiel aber Frauen ermutigt, mehr Rad zu fahren und sich in einer von Männern dominierten Umgebung durchzusetzen, ist das auch gut.

Wie geht es jetzt weiter? Planen Sie weitere Unternehmungen dieser Art?
Sattler: Ja, nächstes Jahr steht Japan an, das wird mehr ein Abenteuer-Trip. Es geht mir aber auch darum, die japanische Kultur kennenzulernen. Und dann gibt es 2020 dort ja die Olympischen Spiele.

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