Drei-Etappen-Rennen - Glattfelden/ Zürich - Rennbericht 2019

Tortour Gravel: Bike + Hike mit Tyler Hamilton

Von Wolfgang Preß

Foto zu dem Text "Tortour Gravel: Bike + Hike mit Tyler Hamilton"
Tyler Hamilton (l.), Radsport-News-Redakteur Wolfgang Preß und Martin Elmiger (r.) vor dem Start der 3. Etappe | Foto: DT Swiss/ Michael Riehle

06.04.2020  |  Nicht nur Profi- sondern auch Jedermann-Rennen werden wegen der Corona-Krise reihenweise abgesagt oder verschoben. Und wie unsere Kollegen der Profi-Rubrik bringen auch wir eine Auswahl der Höhepunkte der vergangenen Saison. Hier ein Rennbericht von rsn-Redakteur Wolfgang Preß zu seinen Erlebnissen mit Tyler Hamilton bei der Gravel-Version des Schweizer Kult-Rennens "Tortour", den er im letzten Jahr für ein Print-Rennrad-Magazn geschrieben hatte.

„Die Tortour Gravel wird die Teilnehmenden herausfordern, und immer wieder an ihre Grenzen bringen“, hatte OK-Chef Mario Klaus am Vorabend des Schweizer Winter-Schotter-Rennens nicht nur einmal verkündet: „Aber sie verspricht auch ein grossartiges Erlebnis, das sich in das Gedächtnis aller einbrennen wird.“

Dass das Drei-Etappen-Rennen einen tatsächlich an die Grenzen bringen könnte,
hat so mancher Starter angesichts der Schneelage rund um Glattfelden im Zürcher Unterland wohl schon geahnt - so etwa die Brüder Patrick und Nico Seitter aus dem Schwabenland, die als Zweier-Team unter dem schönen Namen "Bis einer heult" an den Start gingen. Immerhin kamen die Burschen dann unter den 27 Teams als zehnte in die Gesamtwertung - ohne geheult zu haben, wie beide im Ziel der letzten Etappe grinsend und glaubhaft versicherten.

An seine Grenzen gebracht sah sich auch Tyler Hamilton, als prominenter Gast-Fahrer im Zweier-Team mit dem vierfachen Schweizermeister im Straßenrennen, seinem früheren „Phonak“-Team-Kollegen Martin Elmiger unterwegs. „Das war das Härteste, was ich in den letzten zehn Jahren gemacht habe“, sagte Tyler bei der Sieger-Ehrung: „Kreuzungen zu Fuß überqueren, auf Eis herumrutschen, durch Matsch quälen. Aber ich war immer auf dem Rad. An Martins Hinterrad.“ Sein schiefes Lächeln bei den letzten beiden Sätzen ließ viele rätseln, was die zwei an der Spitze des Feldes denn nun eigentlich so getrieben haben...

Tyler und Martin waren dann auch die Team-Sieger,
wenig überraschend als Ex-Profis, und mit gut sechs Minuten Vorsprung auf die zweitplazierten "Bikebuebe", die Brüder Dominik und Matthias Hueg vom Bike Club Olten. Der Vorsprung von Tyler und Martin wäre wohl noch deutlicher ausgefallen, wenn sich nicht beide beim Prolog in der Glattfeldener Kiesgrube einen Platten gefahren, und so fast 25 Minuten Rückstand eingehandelt hätten – auf acht Runden, mit gerade mal 20 Kilometern.

Mit dem 2,5-km-Rundkurs durch das Kieswerk im Zürcher Unterland startete die Tortour Gravel am Freitag nachmittag - und machte ihrem Namen damit alle Ehre: "Gravel steht für Kies, und das ist der häufigste Untergrund während aller Etappen", erklärte OK-Präsident Mario Klaus beim Briefing. Zumindest für die zweite Etappe war das nicht ganz richtig: Schnee und Eis waren am Samstag die Realität. Kies wäre vielen da wohl lieber gewesen.

Aber zurück nach Glattfelden, ins Riverside-Hotel,
einer stylisch umgebauten, früheren Spinnerei am Flüsschen Glatt. Auch ihr großer Rückstand tat der Stimmung von Tyler und Martin bei der Pasta-Party nach dem Prolog keinen Abbruch. Es wird gelacht und geflachst, als ich mich an den großen Tisch geselle, an dem auch der Zürcher Cyclocross-Profi Simon Zahner (der spätere Einzel-Sieger) und die beiden "Tortour"-Organisatoren Joko Vogel und Mario Klaus sitzen.

Noch größeres Gelächter, als Tyler erzählt, seit über zehn Jahren kein Rennen mehr gefahren zu sein. "But really, no joke", insistiert der frühere "US Postal"-Profi, dem Lance Armstrong nicht nur einen Gutteil seiner Siege, sondern auch die endgültige Enttarnung als Doper zu verdanken hat. Nach dem leckeren Buffet begeben Tyler und ich uns für einen Espresso an die Bar.

Meine unvermeidliche Frage, was er nun eigentlich so mache,
beantwortet er mit einem Lächeln: „Viel Yoga!“ Ernsthaft? Doch, wirklich, sagt Tyler: „Meine letzten Profi-Jahre und die ganze Doping-Geschichte waren wie ein verrückter Film. Yoga hat mir sehr geholfen, diese irren Erlebnisse zu bewältigen.“ Und sonst? Er arbeite wieder als Skilehrer, wie vor seiner Rad-Karriere, sei viel in der Natur Montanas unterwegs, wohin er 2009 vom amerikanischen Rad-Zentrum Boulder umgezogen ist, in das nette Örtchen Missoula, mit seiner neuen Lebens-Partnerin. Er habe eine Rad-Coaching-Firma, in der er vor allem „Weekend Warriors“ trainiere – „alles ganz entspannt und ohne Druck“.

Hat er noch irgend eine Beziehung zum Profi-Radsport, frage ich. „Letztes Jahr habe ich mir zum ersten Mal ein Rennen angesehen, die Tour of Colorado. Es war spannend, und ich glaube, ich bin jetzt bereit, wieder mehr in die Rad-Szene einzutauchen.“ Aber vor allem sei es schön, wieder in Europa, und hier in der Schweiz zu sein, schwärmt Tyler: „Ich bin hier so viele tolle Rennen gefahren. Die Tour de Suisse gehört für mich immer noch zu den schönsten Rundfahrten.“

Tyler fragt nach Jan Ullrich: „Wie geht es ihm jetzt?
Man hat verrückte Sachen von ihm gehört in letzter Zeit. Aber ich fand ihn immer einen tollen Fahrer. Wenn ich nicht für Lance gefahren wäre, dann für Jan.“

A propos Lance - hat er ihn mal gesehen in den letzten Jahren? Zwei- oder dreimal habe man sich zufällig getroffen, nach dem Prozeß, erzählt Tyler: „Aber wir haben nicht geredet, worüber auch? Er hat mich lange wirklich unter Druck gesetzt, sogar persönlich bedroht. Dafür habe ich ihn viele Jahre gehaßt. Mittlerweile habe ich Lance verziehen, das war sehr wichtig für mich. Er ist nicht der Teufel, und er hat nichts gemacht, was andere nicht auch getan haben. Aber unser Verhältnis war von Anfang an schwierig.“

Wir unterhalten uns noch lange weiter,
Tyler trinkt Wasser, ich ein isotonisches Sportgetränk, vulgo leichtes Weißbier. Es geht um seine Profi-Jahre, das Abrutschen ins Doping Ende der 90er, weiße „Lunch-Bags“ vom Team-Doc, mit Testosteron-Kapseln und weiterem, natürlich immer „für die Gesundheit“, erinnert sich Tyler mmit einem schiefen Grinsen: „Es waren Wild West Days, aber jeder hat es getan. Sei professionell, hat es geheißen.“

Bei der Vuelta 2005 wurde Tyler das erste Mal positiv getestet, 2011 dann seine Aussage gegen Armstrong: „Sieben Stunden lang habe ich alles erzählt, die ganze Wahrheit. Danach fühlte ich mich wie ein neuer Mensch. Aber das schlimmste war, es meinen Eltern zu gestehen.“

Doch seine Aussage im Prozeß war geheim,
nichts davon kam an die Öffentlichkeit. „Da habe ich mich entschlossen, das Ganze in der Talkshow 60 Minutes nochmal zu erzählen. Und ein Buch darüber zu schreiben.“ Zweieinhalb Jahre lang hat er dann mit dem "New York Times"-Autor Dany Coyle an „The Secret Race“ geschrieben: „Darauf bin ich schon stolz, das so hinbekommen zu haben“, sagt Tyler.

In Amerika wurde das Werk 2012 „Sportbuch des Jahres“. Und die Tantiemen aus dem Buch sind heute noch eine wichtige Einnahmequelle für ihn. Nach fast zwei Stunden Gespäch verabschiedet sich Tyler ins Bett: „Bin echt jetlagged... Und außerdem wollen wir das Rennen morgen gewinnen!“, lacht er. Ist der alte Tyler wieder zurück?

Als ich am Samstag morgen nach dem Einrollen
um zehn nach Neun zum Start komme, sind Tyler und Martin schon wieder am Lachen: Eine Gruppe Teilnehmer hat sich um sie geschart, es werden Anekdoten aus dem Profi- und dem Hobby-Rennfahrer-Leben ausgetauscht. Und Tyler ist für jedes Selfie zu haben, grinst ausdauernd die Kameras...

Dann ruft Rennleiter Mario launig zur Startaufstellung, und weist zum wiederholten Mal auf Schnee und Eis in den höhergelegenen Abschnitten hin: "Es gibt schon einige Schiebe-Passagen..." Wenig später geht's los, erst eher gemütlich, dann mit zunehmend Druck am Pedal. Nach einigen Feldwegen verschwindet die Strecke im Wald, zieht sich leicht wellig dahin. Ich finde eine Gruppe, und wir schnüren flott über den Schotter.

Der erste Wald-Abschnitt endet auf einer
schnellen Abfahrt mit fast 70 km/h - da merke ich, dass mein Lenker nicht wirklich fest ist: In einer schärferen Kurve am Ende verdreht er sich leicht. Mist, das geht nicht, zu gefährlich. Also absteigen, Werkzeug raus. Wo zieht man nun diesen schicken neuen Canyon-Gravel-Lenker fest? Am aerodynamischen Vorbau sind keine Schrauben zu sehen.

Obwohl ich genau weiß, dass es da wohl nicht geht, schraube ich den Deckel des Steuersatzes ab - und finde einen Keil, der den Vorbau festklemmt. Aber wo sind die Schrauben dazu? Da hält schon ein hilfsbereiter Schweizer an, und gemeinsam bekommen wir es dann doch noch heraus: Man muss den Lenker zur Seite drehen - da verstecken sich die beiden Klemm-Schrauben. Das Ganze hat mich nun viel Zeit gekostet, Dutzende Radler und -innen haben mich überholt.

Aber hilft ja nix, dann halt mehr Gas geben
als geplant. Und je höher wir kommen, umso mehr kommt mir meine langjährige Winter-Cross-Erfahrung zugute: Immer mehr Schnee liegt auf der Strecke, teilweise auch Eis, das jedoch jetzt am Mittag meist schon angetaut und damit einigermaßen fahrbar ist. Viele Mit-Starter, und vor allem -Starterinnen, haben diese Erfahrung offensichtlich nicht, und wagen sich nur sehr vorsichtig über die winterlichen Abschnitte der Strecke, oft sogar zu Fuß, auf den meist nicht gerade kurzen Eis-Passagen.

Ich überhole immer mehr Fahrer/innen, und schließe zu zwei jungen Crossern auf, die mit ihren 28-mm-Pneus recht mutig und flott unterwegs sind. Vor allem auf Eis bin ich doch recht froh über meine 40-mm-"G-One", die mit 2,7 Bar gefahren erstaunlich guten Grip haben. Dann geht's in den nächsten Berg, die Egg, die wir nur knapp unterhalb des Gipfels mit 670 Metern passieren, mit viel Schnee, aber nur wenig Eis, und damit noch gut fahrbar.

An der ersten Verpflegung an einem
netten Bauernhof vor dem ersten Anstieg hatte ich mich mit einem Fahrer eines Begleit-Motorrads unterhalten, der abschließend meinte: "Viel Spaß, jetzt geht's richtig los..." Zunächst hatte ich mich noch gewundert, da ich trotz Schnee mit den breiten Reifen ganz gut vorankam. Doch es ging auf Mittag zu, es war mit um zehn Grad recht warm, und der Schnee wurde immer schwerer und tiefer. Das Treten kostete immer mehr Kraft, und zum Überholen musste ich jedes Mal in den richtigen Tiefschnee, was noch anstrengender war. Selbst auf den Abfahrten war keine Erholung drin, da man im tiefen Schnee trotzdem eifrig treten mußte.

Irgendwann frage ich mich: Was mache ich hier eigentlich? Mittlerweile ist der Schnee meist so tief, dass Fahren nur noch selten möglich ist. Die Radschuhe versinken in Matsch und Schnee, mit dem Rad auf der Schulter stapfe kilometerweit bergauf. Mit Radrennen hat das wenig zu tun. Es weht ein böiger Wind, die Temperaturen liegen nur knapp über Null. Der schwere Schnee machte die Südseite der Lägeren-Kette zu einem großen Teil unfahrbar.

Mehrere Teams hatten mit technischen Problemen
zu kämpfen, insbesondere das Duo Martin Elmiger und Tyler Hamilton. „Die Etappe hatte es echt in sich“, meinte Tyler im Ziel. Nicht nur aufgrund der Distanz von 73 Kilometern und etwas mehr als 1550 Höhenmetern. Vor allem wegen den eisigen Bedingungen auf dem Weg zur Lägeren und der anschließenden ewig langen Lauf-Passage durch Tiefschnee und Matsch. Aber wie vielen anderen auch vergingen Hamilton und Elmiger trotz der harten Bedingungen nie das Lachen, wie Beweisfotos zeigen...

Mario Klaus, Präsident des Organisations-Komitees, hatte tatsächlich nicht zu viel versprochen: „Abenteuer eben! Aber hätte ich dort oben am Berg gestanden, hätten mich die Radler wahrscheinlich erwürgt“, sagte Mario grinsend im Etappen-Ziel. Er gratuliert jedem Fahrer mit Handschlag. Und Mario verspricht für die dritte Etappe weniger Eis und keinen Schnee, dafür mehr reinrassige Gravel-Pisten.

Am Sonntag kam dann mit 84 Kilometern
die längste der drei Etappen auf uns zu - allerdings mit humanen 900 Höhenmetern, ohne echte Berge, Schnee und Eis. Wir freuten uns auf Gravel in reinster Form, die Strecke führte entlang der Flüsse Rhein, Töss und Glatt. Von Anfang an läuft es erstaunlich gut. Zwar startet die Strecke mit einer langen Treppe, doch danach wird es schnell, meine Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei gut 28 km/h.

Da es immer noch recht windig ist, suche ich mir auf den Flach-Passagen eine Gruppe, um vom Windschatten zu profitieren und Kräfte zu sparen. Zwischendurch fordern knackige Anstiege mit über 20 Prozent Steigung immer wieder volle Power. Doch die Schmerzen in den Oberschenkeln sind auf flowigen Trails und den sich immer wieder bietenden Aussichten auf die schneebedeckten Berge schnell wieder vergessen. Meine Begegnung mit Tyler Hamilton dagegen wird mir sicher noch lange in Erinnerung bleiben...

Die „Tortour Gravel“
ist ein mehrtägiges Etappen-Rennen auf Schotterpisten, und wurde in den vergangenen Jahren zweimal im Winter und einmal im Sommer als „Tortour Cyclocross“ ausgetragen. Solo oder im 2er-Team, absolvierten die im Jahr 2019 rund 130 Teilnehmenden insgesamt gut 180 Kilometer und knapp 3000 Höhenmeter; Start und Ziel waren in Glattfelden im Zürcher Unterland.

 

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