Von 1895 bis 1965

Die Porteur-Meisterschaften von Paris: Arbeit und Sport

Von Wolfgang Preß

Foto zu dem Text "Die Porteur-Meisterschaften von Paris: Arbeit und Sport"
Ein „Championnat des Porteurs“ in den 50er Jahren in Paris | Foto: Joel Metz/ blackbirdsf.org

22.03.2021  |  Seit zwei, drei Jahren sieht man in Paris wieder mehr Fahrrad-Kurieren auf den Straßen - sie haben in der französischen Hauptstadt eine lange Tradition: Für die „Porteurs“ genannten Zeitungs-Kuriere war das Fahrrad schon im 19. Jahrhundert das Transportmittel der Wahl. Und vor allem die Pariser Porteure betrieben eine heute noch faszinierende Mischung aus Arbeit und Sport, wenn sie die Tageszeitungen fast im Renn-Tempo von den Druckerpressen zu den Kiosken transportierten.

Damals brachten die Zeitungen jeden Tag mehrere Ausgaben heraus,
und die Zustellung an die Kioske musste schnell gehen. Die Porteure wurden pro zugestellter Zeitung bezahlt – je fixer sie waren, desto mehr verdienten sie. Ein richtig schneller Porteur konnte so mehr Geld einnehmen als der Chefredakteur der Zeitung, für die er arbeitete.

Viele Porteure waren Amateur- oder semiprofessionelle Radrennfahrer, die den Job als Training nutzten. So wurde bereits 1895 das erste „Championnat des Porteurs“, die Meisterschaft der Zeitungsausfahrer organisiert, auf einer 27-km-Strecke vom Pariser Zeitungsviertel Montmatre nach Versailles.

Das "Critérium des Porteurs de Journaux" war
ein freies Rennen mit acht Kontrollen entlang der Strecke, an denen die Fahrer ihre Ladung tauschen und eine Marke mitnehmen mussten - eher ein Navigations-Test auf Zeit als ein echtes Radrennen. Da aber bald die offensichtlich besten Routen zwischen den Kontrollpunkten bekannt wurden, entwickelte man daraus eine vorgeschriebene Streckenführung mit einem festen Kurs.

Das Rennen begann in der Rue Montmartre, südlich der Rue Réaumur, folgte dem Boulevard Faubourg Montmartre und der Rue Notre Dame de Lorette auf dem Weg zum Place Clichy, von dort entlang der alten Festungsanlagen aus der Zeit Ludwigs XVI., dann die Rue Lepic auf Kopfsteinpflaster-Kurven hinauf, vorbei an der Moulin de la Galette und durch die Rue Norvins zum Ziel auf dem Place du Tertre.

Ab 1925 war ein Rundkurs von rund 50 km
auf den Boulevards Exterieurs rund um Paris zu absolvieren, wieder vom Montmarte aus, und dorthin zurück. Die Fahrer hatten 15 Kilogramm an Zeitungen dabei; zur Hälfte der Strecke musste einmal ab- und wieder aufgeladen werden. In den 20er- bis 50er Jahren waren die Porteur-Rennen so populär, dass alle Pariser Zeitungen und Magazine eigene Mannschaften stellten, die nicht selten mit Tour-de-France-Fahrern verstärkt wurden.

Viele der gut bezahlten Porteure hatten deshalb zwei Spezialräder: eines für den täglichen Job, mit breiten Reifen und großen Schutzblechen – und ein extrem leichtes für das jährliche Rennen, eigentlich ein Rennrad mit einem großen Front-Träger.

Ein Beispiel: Das Goéland "Porteur Grand Luxe"
wurde im Katalog des französischen Herstellers als "La Machine des Criteriums des Porteurs Parisiens" gelistet (siehe Bild 3 hier unten). Die meisten dieser Räder wurden mit aufrechteren "Trial"-Lenkern verkauft; viele der Rennfahrer bevorzugten jedoch eine flache Version mit Bremsen an den Lenker-Enden, die bald als "Porteur-Lenker" bekannt wurde.

Porteur-Rennen waren bald in ganz Frankreich beliebt, auch in Nizza und Bordeaux gab es entsprechende Veranstaltungen - in Bordeaux übrigens auch mit Weinflaschen. In Brüssel gab es in den 30erJahren den "Course des Cycloporteurs Bruxellois", selbst in Berlin wurden in den 20er und 30ern Kurier-Meisterschaften ausgefahren, hier zusammen mit den Telegramm-Zustellern, die ebenfalls Räder nutzten.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden Porteur-Rennen
in Frankreich noch bis Mitte der 60er Jahre gefahren; das letzte "Critérium des Porteurs de Journaux" war wohl 1965, der Sieger hieß Michel Gourillon von "Paris Jour".

Zeitungs-Kuriere auf Fahrrädern gab es in Paris bis in die 80er Jahre. Sie wurden ab den 60ern zunehmend von motorisierten Rollern verdrängt, und die Verringerung der Zahl der Tagesausgaben der Zeitungen machte ihnen endgültig den Garaus. Derzeit sind die Fahrrad-Kurierdienste in Paris wieder im Kommen, die meisten Kuriere sind jedoch nach wie vor auf Motorrollern unterwegs - immerhin zumehmend elektrisch.

Weiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößernWeiteres Foto - mit Klick vergrößern

Weitere Jedermann-Nachrichten

16.10.2026Zwei Wochen Indoor-Spaß mit Profi-Begleitung

Bei ROUVY, der weltweiten Online-Trainingsplattform, ist das Radfahren auf wirklichkeitsnahen virtuellen Strecken nur ein Aspekt – der andere ist der Anspruch, aus Tausenden von Nutzenden eine echte

07.10.2026UCI Granfondo Tre Valli Varesine: Su e giu, auf und ab...

Was für das Team Velolease vor sechs Monaten in Italien begann, sollte nun auch dort, südlich der Alpen enden. So reisten wir vergangenes Wochenende in die Lombardei, nach Varese. Es stand mit dem G

05.10.2026Trainieren wie Topstar Rosa Klöser

Die Canyon//SRAM-Fahrerin hat gute Chancen, ihre Blitzkarriere mit dem WM-Titel zu krönen. Begleitet wird sie seit 2024 von den Kölner Trainings-Experten von SCYENCE – und die haben nicht nur Sp

18.09.202616. Auflage des KOTL mit Rekord-Starterfeld

Noch einmal schlafen – dann gehört der Attersee wieder ganz den Zeitfahrerinnen und Zeitfahrern. Beim King of the Lake fällt dieses Jahr eine neue Bestmarke: Erstmals gehen 1.600 Athletinnen und

17.09.2026BrezelRace: Team Strassacker besetzt Podium und Top Ten

Nach fünf Rennen schon Publikumsliebling: Das schwäbische BrezelRace zog am vergangenen Sonntag knapp 3000 Starter an. Es ging über Klassiker-Terrain, durch die Hügel nördlich von Stuttgart, mit

12.09.2026Ultrakurz-Rennen als Rettung des Straßenradsports?

(rsn) - Die Glocken des Salzburger Doms läuten passend zur Siegerehrung des City Hill Climbs, einem innovativen Rennkonzept mitten im Zentrum der Mozartstadt. Herzstück ist der 900 Meter lange Aufst

11.09.2026Team Strassacker: Gemeinsam zum Gesamtsieg

Nach dem harten Ötztaler Radmarathon stand für das Team Strassacker nur fünf Tage später die nächste Herausforderung auf dem Programm: Das Drei-Etappen-Rennen Riderman in Bad Dürrheim, schon sei

09.09.2026Sauerland-Rundfahrt: Starkes Heimspiel bei der Premiere

Elias Jakobs hat dem Team Velolease bei der Premiere der Sauerland-Rundfahrt einen Podiumsplatz beschert: Der Betzdorfer belegte nach 132 Kilometern und rund 2400 Höhenmetern den dritten Rang. Dahint

04.09.2026Team Velolease: Zum vierten Mal auf dem Stockerl

Mehr als 4000 Starter jedes Jahr - der Ötztaler Radmarathon gehört für viele Radsportler/innen zum Höhepunkt der Saison. Für das Team Velolease war die 45. Auflage des Klassikers noch einmal etwa

02.09.2026Team Strassacker: Trotz Verpflegungs-Problemen am Podium

227 Kilometer, 5500 Höhenmeter, vier Pässe - schon die blanken Zahlen des Ötztaler Radmarathons sprechen für sich. Am vergangenen Sonntag stellten sich fünf Jungs des Teams Strassacker - Nils Kes

30.08.2026Der Ötztaler Radmarathon im Livestream

(rsn) - Der legendäre Ötztaler Radmarathon live und in voller Länge im Stream: 227 Kilometer und 5500 Höhenmeter erwarten tausende Radfahrer am Sonntag. Vier Alpenpässe müssen überwunden werden

27.08.2026Deutschland-Tour Jedermann: Wieder ganz oben am Treppchen

Das Jedermannrennen der Deutschland-Tour gehört fest zur Team-Geschichte des Teams Strassacker - war es doch Anlass für seine Gründung. Nachdem wir dabei im Vorjahr leer ausgingen, sollte in diesem

JEDERMANN-RENNEN DIESE WOCHE
  • Keine Termine