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Giro d´Italia war ein emotionaler Befreiungsschlag

Rosa nimmt Bernal endlich die große Last von Gelb

Von Felix Mattis

Foto zu dem Text "Rosa nimmt Bernal endlich die große Last von Gelb "
Egan Bernal (Ineos Grenadiers) küsst die Trofeo Senza Fine, den Pokal des Giro d´Italia-Siegers. | Foto: Cor Vos

31.05.2021  |  (rsn) – Der Sonntagnachmittag in Mailand war emotional für Egan Bernal. Am Ende des 30 Kilometer langen Abschlusszeitfahrens richtete er sich auf, breitete die Arme aus und rollte erleichtert über den letzten Zielstrich des 104. Giro d'Italia. Geschafft! Im Alter von 24 Jahren und 135 Tagen wurde Bernal zum viertjüngsten Fahrer in der Radsport-Geschichte, der zwei unterschiedliche Grand Tours gewonnen hat. Jünger waren nur Bernard Hinault, Gino Bartali und Eddy Merckx – nicht die schlechteste Gesellschaft.

Doch dieser statistische Fakt dürfte Bernal wenig bedeutet haben, auch wenn er doch viel aussagt. Denn was Bernal, der im Ziel als allererstes von seiner Partnerin Maria Fernanda Motas geherzt wurde und dann auf der Bühne die wunderschöne Trofeo Senza Fine – den Pokal des Giro-Siegers - unter rosarotem Konfettiregen Küssen durfte, später auf der Pressekonferenz sagte, machte deutlich: Es ist alles andere als leicht, in jungen Jahren schon ein großer Star zu sein.

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"Dieser Sieg löst nach den zwei schwierigen Jahren, die ich hatte, viele Emotionen aus. Es ist eine Explosion an Emotionen", erklärte Bernal in Mailand und gab zu: "Die Zeit nach meinem Tour-Sieg (2019, Anm. d. Red.) war schwieriger, als das Rennen selbst zu gewinnen."

Tour-Sieg 2019 wurde zur Belastung

Viel wurde in den vergangenen Wochen über den lädierten Rücken des Kolumbianers gesprochen, der ihn 2020 zur Aufgabe bei der Tour de France zwang und auch immer noch beschäftigt und belastet. Doch die Rückenprobleme waren seit dem Tour de France-Erfolg 2019 nur eine der Baustellen für Bernal.

"Die Tour de France zu gewinnen, ist der Traum eines jeden jungen Fahrers. Das war bei mir nicht anders. Aber es hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Ich habe die Tour schon in jungen Jahren gewonnen und das hat auch in Kolumbien große Auswirkungen gehabt. Ich wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich war komplett verloren, genauso wie die Motivation, weiter hart zu arbeiten", erklärte Bernal nun ganz offen.

Im Vorfeld der Tour 2020 waren Stimmen laut geworden, der kolumbianische Star würde nicht mehr professionell arbeiten, würde sich gehen lassen. Und Bernal bestätigte nun, dass das teilweise stimmte: "Ich hatte nicht mehr diese Motivation zu gewinnen, diese wirklich tiefe Motivation, diese Hingabe um mir zu sagen, dass ich den Wecker auf 8 Uhr stelle, mich dann stretche, Core-Training mache und dann aufs Rad gehe. Ich habe mein Training gemacht und die reinen Wattzahlen waren gut. Aber es war nicht mehr dasselbe", so Bernal.

"Dave Brailsford hat mir am meisten geholfen"

Riesiger Druck lastete auf dem damals 23-Jährigen, der im Jahr zuvor als erster Mann aus dem radsportverrückten Kolumbien die Frankreich-Rundfahrt gewonnen hatte. Den "Wunderknabe aus Zipaquira" nannte ihn Kolumbiens größte Tageszeitung, El Tiempo – und Bernal drohte an den mit all dem verbundenen Zukunftserwartungen zu zerbrechen. Dann bekam er bei der Tour 2020 Rückenprobleme und Zweifel wurden in Bernal selbst laut, ob er nochmal auf sein Level zurückkehren würde.

Im Herbst seien es dann Gespräche mit Ineos Grenadiers-Teamchef Dave Brailsford gewesen, die Bernal halfen, seine Lust auf den Sport wiederzuerlangen. "Es ging darum, wieder mit Instinkt zu fahren", so Bernal. "Dave Brailsford war da die Person, die mir am meisten geholfen hat. Er hat mir gesagt, dass ich wieder Spaß haben sollte, wieder so Dinge machen sollte, wie an einem Zwischensprint um eine Bonussekunde zu kämpfen und so weiter."

Auf der 13. Giro-Etappe tat Bernal genau das, als er sich an einem Zwischensprint mit Remco Evenepoel (Deceuninck – Quick-Step) duellierte. Und überhaupt fuhr Bernal in der gesamten Saison 2021 bereits offensiv, genoss wieder den Sport – schon bei Strade Bianche im März, besonders aber dann eben beim Giro von Beginn an.

Ein Rekord bei der Vuelta?

"Ich habe wiedergefunden, was ich verloren hatte", erklärte Bernal nun in Mailand und definierte auch das nächste Saisonziel: die Vuelta a Espana im Spätsommer. "Zur Vuelta zu fahren und zu versuchen, alle drei Grand Tours zu gewinnen, ist sehr wichtig", bestätigte er.

Und da wären wir zurück beim Alter: Hinault war 25 Jahre und 206 Tage alt, als er am 8. Juni 1980 nach dem Giro und der Tour auch die Vuelta gewann. Bernal wäre am 5. September 2021 in Madrid 24 Jahre und 235 Tage alt und somit der jüngste Fahrer der Geschichte, der alle drei Grand Tour-Siege schafft.

Klar, auch das erzeugt wieder Druck auf einen sehr jungen Mann. Doch Bernal hat den Druck nach dem Tour-Sieg überstanden und ist nun gestärkt daraus hervorgegangen – auch als Mensch. Der 24-Jährige verfügt inzwischen über eine beeindruckende Reife und macht etwas, wovon sich viele andere Sportstars weltweit eine Scheibe abschneiden könnten: Er nutzt seine Bekanntheit fürs Allgemeinwohl.

Politischer Sport-Superstar

Kurz vor dem Start des Giro postete Bernal unter der Überschrift "SOS Colombia" ein flammendes Apell auf Instagram an den kolumbianischen Präsidenten Ivan Duque, sich um das Volk und dessen Bedürfnisse zu kümmern. In seiner Heimat laufen seit Ende April Bürgerproteste, deren Auslöser eine geplante Steuerreform sowie Wut über Gesundheits-, Sicherheits- und Bildungspolitik der Duque-Regierung waren. Im Zuge der Demonstrationen und vor allem von Polizeieinsätzen rund um die Proteste starben mindestens 42 Menschen.

"Auch wenn es nicht einfach ist, hoffe ich, dass Herr Präsident @ivanduquemarquez eine Lösung für dieses ganze Chaos findet… bevor das Land weiter leidet", schrieb Bernal am Ende seines langen Apells. Der Rad-Star strebt nach seiner Profi-Karriere übrigens einen Job als Journalist an.

Bis es soweit ist, darf man sich aber wohl noch auf viele große Landesrundfahrten freuen, die Bernal mit seiner neuen Freude am offensiven Radfahren bereichert – sei es als Sieger oder eben als Herausforderer. Das Rosa Trikot jedenfalls hat ihm die Last wohl endgültig genommen, die mit dem Gelben damals kam.

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