Karbon, Titan und Vietnam - Rundgang über die Eurobike 2002 in Friedrichshafen

05.09.2002  |  Vorweg ein Wort zu Jan Ullrich. Der war nämlich auch da, und er hat versprochen, dass er weiter macht. Der PR-Termin am Stand seines Brillenausrüsters Rudy Projekt hat er versichert, dass er seine Karriere fortsetzen will. Megacool ist er dahergehumpelt, das Sorgenkind des deutschen Radsports, die Rudy lässig auf der Stirn, keine Spur von Nervosität oder Unsicherheit Medienvertretern gegenüber. Er wirkte wie ein neuer Ulrich, eine wahre Messeattraktion.

Natürlich gab es auch an anderen Ständen ständig großes Staunen. Wessen Herz für die Gewichtsreduzierung am Fahrrad schlägt, der durfte sich an den neuen Karbonprodukten für das kommende Jahr erfreuen. Dass ein Lenker aus der Bastlerfabrik Tune in Britzingen so gut wie nichts wiegt, wissen die Weight-Watcher der Szene schon lange, das Gefühl für die unheimliche Leichtigkeit des Seins stellt sich allerdings so richtig erst ein, wenn man das edle Stück auch wirklich in der Hand hält. Über Preise sei an dieser Stelle der Deckmantel des Schweigens geworfen, denn die schönen Karbonteile würden die Budgets so manchen Radsportlers schnell sprengen.

Überhaupt ist Karbon im Rennradsektor nach wie vor eines der bestimmenden Themen. Wer seine Rahmen nicht so elegant wickeln kann wie der französischen Kohlefaserprotagonist Look, bietet immerhin den Hinterbau aus Karbon an. Die Übergänge vom Alurahmen zu den Karbonrohren ist allerdings nicht immer schön anzusehen. Da hilft auch ein schnell noch aufgebrachtes Klebeband wenig. Dennoch werden sich die Mischrahmen wohl durchsetzen. Bei der vergangenen Tour waren schon viele Piloten mit dem Karbonhinterteil unterwegs. Die versammelte italienische Rahmenbauelite zeigte sich von ihrer ästhetischen Seite. Innovationen waren bei Pinarello, Colnago oder Moser kaum zu bewundern. Die Modebewussten Italiener bestechen weiterhin vor allem durch ihre Sicherheit im Umgang mit der Farbpalette und sind einfach schön anzusehen.

Schön anzusehen ist wie immer das Finish der Campagnolo-Komponenten. Den Karbon-Kurbelsatz sollte man sich allerdings noch nicht bestellen. Das liegt nicht nur am Liebhaberpreis, sondern auch an den Lieferschwierigkeiten der Italiener, die nicht einmal die Wünsche aller Teams für die Tour de France erfüllen konnten. Aber das Schöne an einer Messe ist ja nicht nur zu sehen, was man alles kaufen kann, sondern sich auch einmal anschauen zu dürfen, was man sonst höchstens im Vierfarbdruck betrachten kann. Natürlich ist auch die XTR-Reihe von Shimano für die kommende Saison nicht von schlechten Eltern. Die zeigt sich in einem völlig neuen Gewand. Leider ist sie mit der Vorgängerreihe nicht kompatibel. Wer seine XTR-Serie nach und nach vervollständigen wollte, schaut in die Röhre. Und wieder gute Nachrichten für die Leichtgewichtler: 2003 kommt die kleinste und leichteste Scheibenbremse der Welt in den Handel. Shimano löst auch eines der letzten Rätsel der Fahrradtechnik: Ist es möglich einen Bremsgriff mit Kombischalter für den MTB-Lenker zu bauen? Ja, lautet die entschiedene Antwort, die Shimano mit der neuen XTR-Reihe gibt.

Die Intelligenz fährt Rad, das dürfte für die Leser dieser Seiten eine Binsenweisheit sein. Jetzt gibt es nicht nur weise Radfahrer, sondern auch mitdenkende Fahrräder. Das Gehirn, „the brain“ nennt Specialized, seinen neuen Dämpfer, der den Straßenbelag lesen kann. Hoffentlich bewährt sich die neue Technik, mit der man endlich im Wiegetritt auf Asphalt bergan klettern und ohne große Manipulationen über Stock und Stein hinunterrasen kann. Kein Wunder, dass sich die Besucher um den Stand der Amerikaner scharten.

Ein Trend, der sich schon im Vorjahr abzeichnete, manifestierte sich bei der Eurobike 2002. Die Konzentration im Herstellerbereich setzt sich fort. Die kleinen Bike-Startups, deren winzige Stände oftmals von den Chefs selbst betreut wurden, gibt es so gut wie gar nicht mehr. Da kann man beinahe schon froh sein, dass eine Marke wie Klein wenigstens weiterlebt, nachdem der Bikebauer von Trek übernommen worden ist. Trek steht wie kein zweiter Hersteller für die Konzentration im Fertigungssektor. Vom Helm über die Brille, vom Kinderanhänger über das City-Komfortrad, vom Fitness-Bike zum Rennrad – bei Trek gibt es einfach alles.

Dennoch gab es noch echte Entdeckungen in Friedrichshafen. Die taiwanesische Firma Fastrax, bisher eher bekannt für in Masse gefertigte Full-Suspension-Rahmen, überzeugte mit schönen Alukonstruktionen für die Straße. Doch, in Taiwan kann man wohl inzwischen auch ganz ordentliche Rahmen bauen. Im Titanbereich mischt nun eine tschechische Firma mit. Die aus einem ehemaligen Staatskonzern für Luftfahrttechnik hervorgegangene Firma Morati kann durchaus zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten im Edelmetallsektor werden. Ins Auge gefallen ist auch die Firma bisher wenig bekannte Firma Author aus Tschechien, die ihr Komplettsortiment vom Kindersitz bis zum Renner in einem riesigen Messestand präsentiert hat. Von Author wird man wohl noch hören in der Zukunft.

Außerdem bewirbt sich ein neues Land um die Aufnahme in die vereinten Nationen der Fahrradherstellung. Ob Made in Vietnam einmal zu einem echten Markenzeichen werden kann, steht noch in den Sternen. Interessant immerhin ist, dass die Taiwanesen inzwischen nicht mehr nur auf dem chinesischen Festland fertigen lassen, sondern im neuen Tigerstaat Vietnam.

Insgesamt präsentierte sich eine kraftstrotzende Fahrradindustrie, die trotz Umsatzeinbußen von fünf Prozent in diesem Jahr optimistisch in die Zukunft blickt. Die neuen Messehallen in Friedrichshafen waren so gut wie ausgebucht und auch die Geschäfte sollen nicht schlecht gelaufen sein. Jetzt muss Jan Ullrich nur noch sein Versprechen die Fortsetzung seiner Karriere betreffend wahr machen, dann war die Eurobike 2002 ein voller Erfolg. (ar)

Weitere Jedermann-Nachrichten

03.08.2026Team Strassacker: Vier Rennen - und viele Erfolge

Seit vielen Jahren zieht es das Team Strassacker traditionell Ende Juli in die "Grüne Hölle" der Eifel. Auf dem legendären Nürburgring starteten die Jungs des Teams dieses Jahr in unterschiedliche

30.07.2026Rad am Ring: Florian Christ triumphiert in der grünen Hölle

Meine Vorgabe als Team-Chef für das Rennen am Nürburgring war eindeutig: Individuelle Ziele werden dem Gesamtsieg untergeordnet. Mit einer klaren Taktik gingen wir ins Rennen, denn das Ziel war: Am

27.07.20263Rides Gravel Winterberg: Zehn Stunden Vollgas auf Schotter

Drei Tage feinste Gravel-Action im Hochsauerland: Das 3Rides-Gravel-Etappen-Rennen lockte viele ambitionierte Radsportler/innen nach Winterberg, so auch das Team Strassacker. Auch wenn die anspruchsvo

07.07.2026Maratona dles Dolomites: Über sieben Pässe musst Du fahr´n...

Die Maratona dles Dolomites zählt seit vielen Jahren zu den prestigeträchtigsten Granfondos in Europa: 138 Kilometer, 4230 Höhenmeter, legendäre Dolomiten-Pässe wie Pordoi, Sella, Grödner Joch,

01.07.2026Granfondo Livigno: Teamwork auf den schönsten Alpenpässen

167 Kilometer, 4300 Höhenmeter und sieben Pässe – nur zwei Wochen nach dem für uns recht erfolgreichen SuperGiro Dolomiti folgte mit dem Granfondo Alé Livigno für neun Fahrer des Team VeloLease

30.06.2026Tour Transalp: Finale furioso am Lago

Die letzte Etappe der Tour Transalp führte uns von Lavarone nach Riva del Garda. Mit 85 Kilometern war sie etwas kürzer als die der vorherigen Tage, hatte mit rund 1850 Höhenmetern aber noch einmal

29.06.2026Gravel Vianden: Mit Knallgas an der Our

(rsn) - Gravel boomt - das sieht man auch in Vianden in Luxemburg: Das UCI Eislek Gravel Race zieht jedes Jahr mehr Starterinnen und Starter an. Am vergangenen Sonntag ging es auf einer 37-km-Runde mi

28.06.2026Tour Transalp: Zwei Zeitfahren auf einer Etappe

Die vorletzte Etappe der Transalp führte uns gestern von Semonzo nach Lavarone. Pünktlich um neun Uhr ging es auf die 126 Kilometer lange Strecke mit fast 2860 Höhenmetern - die mit einem besondere

27.06.2026Klappt gut! Mit dem Faltrad zum Rennen

Vom 16. bis 19. Juni war die Emilia Romagna zum fünften Mal Gastgeber des "European Media Cycling Contest" (EMCC), mit Journalisten aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Polen, dem Vereinigten K

26.06.2026Tour Transalp: Da capo am Monte Grappa

Nochmal, weil´s so schön war... Die fünfte Etappe der Tour Transalp führte uns gestern von Passagno nach Semonzo, rund hundert Kilo- und über 2300 Höhenmeter. Und erneut stand der Monte Grappa

25.06.2026Tour Transalp: Hitzeschlacht am Monte Grappa

Wie schon in den vergangenen Tagen hatte das Fahrerfeld auch auf der heutigen vierten Etappe mit extremen Bedingungen zu kämpfen: Bei Temperaturen von über 34 Grad waren 142 Kilometer und 3265 Hö

24.06.2026Tour Transalp: Kurz, aber knackig zur U23-Führung

Die dritte Etappe der Tour Transalp führte uns von Falcade nach San Martino di Castrozza. Mit fast 50 Kilometern und knapp 1750 Höhenmetern war die Etappe zwar kurz, hatte es aber dennoch in sich.

JEDERMANN-RENNEN DIESE WOCHE
  • Keine Termine