26. Juni - Nauders/ Tirol - 168 Km, 3300 Hm - Teilnehmer-Bericht

Dreiländer-Giro: Leiden in 48 Akten - und ein paar mehr...

Von Thomas Janz

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Thomas Janz beim Dreiländer-Giro | Foto: eurosport.yahoo.com

27.06.2011  |  Einmal im Jahr dreht Nauders gewaltig am Rad. Höhepunkt der Fahrrad-Woche im Tiroler Fremdenverkehrsort ist der Dreiländer-Giro, der für viele Jedermänner den Saisonhöhepunkt darstellt. Schon am Vorabend sind sowohl die Anspannung als auch die Vorfreude der Teilnehmer auf den in der Szene längst etablierten Radmarathon deutlich spürbar.

Aus den Tischgesprächen beim Abendessen, dem "Carboloading" mit Pasta und Kaiserschmarren, ist die Nervosität bei so manchem herauszuhören. Kompaktkurbel oder doch 53/39? 27/12 oder den 30er Rettungsring als größtes Ritzel? Gels oder Riegel? Wider der Watt-Bilanz oder stur nach Herzfrequenz treten? Erreiche ich das Ziel unter sechs Stunden? Fragen über Fragen.

Hört man ein paar Stunden vor dem Rennen auf den Tenor in Reihen der Pedaleure, wollen die meisten "nur mitrollen" und "mal sehen, wie es so läuft". Rennradfahrer sind gemeinhin keine Lautsprecher. Im Gegenteil: Sie üben sich verbal zumeist in Zurückhaltung. Sie stapeln gerne tief, halten mit ihren Ambitionen hinterm Berg.

Pulsalarm! Weckruf auf dem Reschenpass
Doch am nächsten Morgen dauert es nur wenige Sekunden nach dem Start um 6 Uhr 30, bis die Karten aufgedeckt werden. Noch im Morgengrauen wird die Auffahrt zum Reschenpass zum ersten Mal an diesem Tag zum Kampf gegen den inneren Schweinehund. Gerade mal fünf Minuten später zeigt der Pulsmesser satte 170 Schläge an.

Doch helfen in diesem Moment alle piepsenden Warntöne vor dem roten Bereich nicht weiter. Entweder man geht das nervöse Anfangstempo mit, oder man verpasst im wahrsten Sinn des Worts den Zug. Nach Durchfahrt des alten Stadttors zu Glurns auf Südtiroler Boden, und der berüchtigten Kopfsteinpflaster-Passage, die mal eben den Schlauchreifen meines Nebenmanns zum Platzen bringt, kehrt im Feld der Teilnehmer die Ruhe vor dem Sturm ein.

Die Kletterpartie auf das Stilfser Joch, 2757 Meter hoch, steht nämlich an: 1842 Höhenmeter am Stück sind zu absolvieren. Auf den ersten, relativ moderat zu fahrenden Kilometern bis Trafoi ist es wichtig, seinen Rhythmus zu finden. Schweren Herzens trenne ich mich vom Hinterrad meines Mitstreiters Bernhard Dietl, der in der ersten Serpentine scheinbar unbeeindruckt vom Schild mit der Nummer 48 von dannen zieht.

Die Tatsache, dass auf dem steinigen Weg zum Gipfel jede einzelne Kurve nummeriert ist, macht den Aufstieg auf Dach des Dreiländer-Giro unterhalb des imposanten Gletschermassivs des 3905 Meter hohen Ortler-Massivs nicht einfacher. Oberhalb der Baumgrenze wird die Luft merklich dünner. Die Beine fühlen sich an wie Blei und der Puls lässt sich nurmehr schwerlich an der Schwelle halten. So mancher Teilnehmer, der sich zuviel zugemutet hatte, muss noch vor Erreichen der Passhöhen Tribut an seine Laktate zollen.

An den diversen Foto-Points, den fixen Standorten der Fotografen, mache ich gute Miene zum bösen Spiel. Schließlich sollen die Qualen des Tages auf den Erinnerungsfotos verblassen. Und nach 1 Stunde 40 hat der nicht allein durch den Giro d'Italia zum Mythos gewordene Passo dello Stelvio ein Einsehen mit mir. Stolz kurbele ich an den handverlesenen Zuschauern vorbei.

Wie viel Zeit man in der Abfahrt von einem Hochgebirgspass gutmachen oder auch verlieren kann, zeigt sich auch bei der diesjährigen Ausgabe des Radklassikers im Dreiländer-Eck. Nach dem Umbrail-Pass, einer unbefestigten Straße aus komprimiertem Lehm, taucht auf dem Weg nach Santa Maria plötzlich wieder Bernhard auf.

Alle für einen, einer für alle
Fortan nehmen wir die Auffahrt zum Ofenpass wieder als Team in Angriff. Meter für Meter sammeln wir Mitfahrer auf, und finden uns zu einer starken Gruppe zusammen. Ein Glücksfall. Denn ohne den Zusammenhalt eines "Mini-Pelotons" hat man nach der Überquerung des Ofenpasses, dessen Name allein wegen der massiven Sonneneinstrahlung und der sengenden Hitze Programm ist, auf den folgenden rund 50 Kilometern durch das Schweizerische Engadin keine Chance.

Harmonischer hätte die 15köpfige Gruppe gar nicht laufen können. Ein ständiger Führungswechsel bei einem Tempo zwischen 35 und 50 km/h lässt die Fahrt nach Martina fast zu einem Genuss werden. Aber eben nur fast. Wären da nicht aufs Neue diese Schmerzen, während dreier unerbittlicher Gegenanstiege, die noch mehr Laktat in die Muskulatur treiben.

Am Fuß der Norbertshöhe wartet nach Überquerung der Inn-Brücke der letzte Gradmesser des Dreiländer-Giro. Man könnte die 420 Höhenmeter hinauf zum Ziel in Nauders auch Scharfrichter nennen. Mit ausreichend Flüssigkeit an Bord rausche ich an der letzten Verpflegungsstation vorbei, und nehme die elf durchnummerierten Kurven in Angriff.

Die Sonne brennt unerbittlich herunter, meine Oberschenkel-Muskulatur krampft. Einzig mein Geist ist noch erstaunlich frisch. Vereinskollege Bernhard vom RC Concordia München zieht wie schon am Stilfser Joch ab. Aber diesmal kommt er mir nicht so einfach davon...

Zweite Luft im Finale
Nach der dritten Kehre machen meine Beine wieder auf, ich finde Anschluss. Der Gedanke, meine Bestzeit zu knacken, verleiht Flügel. Mit Puls 175 jage ich über die Kuppe der Norbertshöhe, und überquere nach der letzten kleinen Abfahrt des Tages nach 5:43,19 Stunden die Ziellinie. Glücklich und erleichtert, den Ritt über 3484 Höhenmeter heil überstanden zu haben, umarme ich Bernhard, der nur zehn Sekunden später ins Ziel fährt.

So wurde der Dreiländer-Giro für die rund 3000 Teilnehmer der beiden Strecken über 168 und 134 Kilometer auch in diesem Jahr zu einem Abenteuer auf zwei Rädern. Ein großes Lob gilt Organisator Karl Mall und seinen zahlreichen freiwilligen Helfern. Dem Giro-Komitee gelang es auch bei der 17. Auflage, die Rundfahrt durch Österreich, Italien und die Schweiz erfolgreich auf die Beine zu stellen, sowie die Sicherheit für alle Fahrer zu gewährleisten.


Im Jahr 2005 entdeckte Eurosport-Media-Chefredakteur Thomas Janz nach einer Ausfahrt mit Jens Heppner seine große Liebe: das Rennrad, welches seither sein ständiger Wegbegleiter ist. Im Winter passionierter Träger des "Mittleren Rings", will der 39-Jährige beim Ötztaler Radmarathon heuer an der Seite von Ex-Profi Jörg Ludewig die Schallmauer von 8 1/2 Stunden durchbrechen.

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