Natascha, der Rookie auf dem Rad

Maratona dles Dolomites – Mein erstes Rennen in der Höhe

Von Natascha Roslan

Foto zu dem Text "Maratona dles Dolomites – Mein erstes Rennen in der Höhe"
Nach 9:24 Stunden im Ziel | Foto: Natascha

26.07.2016  |  Ein Gewinnspiel auf Facebook löste eine emotionale Explosion in mir aus: Zu gewinnen gab es ein Wochenende in Südtirol, mit Teilnahme am legendären "Maratona dles Dolomites".

Ein bisschen naiv, ohne zu wissen, um was ich es dabei eigentlich handelt, nehme ich daran teil. Zwei Tage später trifft mich der Schlag: Ich habe gewonnen. Mit einer ordentlichen Portion Freude setze ich mich an den Rechner und gucke, was genau ich eigentlich gewonnen habe.

Und dann der Schock, ich lese nur eine Zeile: 138 km und 4230 Höhenmeter. Ich rede mir selber ein, Ruhe zu bewahren, doch mittlerweile habe ich kreisförmige Furchen in meinem Fußboden gelaufen. Nachdem ich neues Laminat verlegt habe, setze ich mich mit dem Rest auseinander. Es gibt noch eine kleine Runde über 55 km und eine mittlere Variante über 106 km. Ein bisschen Entspannung macht sich breit.

Alle Unterlagen eingereicht, Koffer gepackt, fahre ich eine Woche früher ins wunderschöne Südtirol. So kann ich als Flachland-Bordsteinkanten-Stürmerin noch ein paar Höhenmeter sammeln. Von vielen wurde mir die traumhaft schöne Sella Ronda empfohlen. Zwei Fliegen mit einer Klappe, denn diese Strecke ist die kleine Runde der Maratona. Und ja, sie ist atemberaubend schön. So fahre ich meine allerersten Pässe.

Am zweiten Tag habe ich mich für die Majestät, den Passo Giau entschieden. Das wäre der dritte Abschnitt des Maratonas und damit die längste Strecke. Mit einer durchschnittlichen Steigung von 9 % ist er, wie er mir oft beschrieben wurde, ganz klar fies und bei 30 Grad und knallender Sonne noch schlimmer. Aber es könnte ja sein, dass ich am Tag des Rennens falsch abbiege und dann ist es nicht verkehrt zu wissen, was dieser Pass mit sich bringt.

Am dritten Tag fahre ich den mittleren Abschnitt der Strecke ab, den Passo Falzarego und den Passo Val Parola. Es steht keine einzige Wolke am Himmel, so kann ich den Lohn, eine grandiose Aussicht, wahrlich genießen. Nach dem dritten Tag habe ich alle Strecken studiert. Jetzt kann dahingehend schon mal nichts mehr passieren, dachte ich.

Nach 2 Ruhetagen stehe ich um 6 Uhr im 2. Block und friere. Denn ich bin nicht auf die Idee gekommen mich in Frischhaltefolie, Müllbeutel und Maleranzüge einzuhüllen. Und nachdem ich eine halbe Stunde vor meinem Kleiderschrank Salza getanzt habe, musste ich irgendwann eine Entscheidung treffen. Kurz und Regenjacke war aber im Nachhinein absolut die richtige Wahl.

Um mich herum stehen tausende Rennradfahrer. Italiener, Holländer, Engländer, Amerikaner, Canadier, Österreicher….So viele unterschiedliche Nationen sind hier vertreten. Wahnsinn! Aber kurioser Weise kein einziger Deutscher. Wurde nach dem WM-Fußballspiel ein neuer Block für uns eröffnet?

Doch da, ich treffe auf Egon, 73 Jahre alt. Er wollte dieses Jahr das letzte Mal fahren. Das hat er allerdings die letzten drei Jahre schon gesagt. Ein Knall ertönt, die Massen bewegen sich, die Helikopter steigen auf. Mit zittriger Stimme spreche ich schnell noch eine Sprachnachricht an meine Familie. Ich stehe kurz vor einem Nervenzusammenbruch, so nervös bin ich. Sogar das Einklicken bereitet mir Probleme.

Es geht ganz langsam voran. Das beruhigt mich, denn es geht direkt bergauf, hoch zum Passo Campolongo. Ich versuche, mich stetig an mein Motto „In der Ruhe liegt die Kraft“ zu halten. Mein Ziel ist das Finishen und wenn ich dafür einen ganzen Tag brauche. Welche Distanz ich fahre, habe ich immer noch nicht entschieden. Ich lasse mein Bauchgefühl entscheiden.

Die Kulisse ist einfach unglaublich. Tausende Radfahrer auf dem Weg nach oben, die Helikopter auf Augenhöhe, ein leichter Nebel über uns - unbeschreiblich. Ich genieße jede einzelne Sekunde dieses unglaublichen Ereignisses. Sogar die Abfahrten, die mir aufgrund der Menge der Teilnehmer die größte Sorge bereitet haben, gestalten sich als freudig. Alle fahren ruhig und gelassen und es wird stetig kommuniziert, so dass tatsächlich in meinem Umfeld kein einziger Unfall passiert ist.

Die Sella Ronda wird zu einer schönen Rundfahrt. Den eigenen Stress hab ich bereits abgelegt und schaffe es ruhig und in meinem Tempo zu fahren und mich nicht mitziehen zu lassen. Dann die Entscheidung: Ins Ziel fahren oder auf die mittlere oder lange Distanz wechseln? Na klar, weiter geht es. Ich fühle mich gut, habe gute Laune und will das ganze Spektakel doch noch ein bisschen genießen.

Also rechts ab und ein weiteres Mal den Passo Campolongo hoch.Hier treffe ich endlich bekannte Gesichter. Andreas, Stefan und Carsten nehmen sich kurz Zeit, um ein kleines Pläuschen mit mir zu halten, um dann aber schnell weiter zu ziehen. Ich zwinge mich, weiterhin langsam zu fahren, denn schließlich kommt der Passo Gaiu noch.

Huuu, da war es! Ohne es zu merken, hat mein Unterbewusstsein bereits die Entscheidung getroffen, die lange Strecke in Angriff zu nehmen. Zur zeitlichen Kontrolle bleibt nicht mehr ganz so viel Zeit. Also heißt es jetzt, ein bisschen Gas geben. Und da ist sie schon: die Wegteilung. Links der Passo Falzarego, rechts der Passo Giau. Es zieht mich magisch nach rechts.

Oh Gott, was hab ich getan! Eine Sprachnachricht an meine Begleitung: „Schitt, ich hab es getan!“ Zurück kam: „Weiß ich doch“. Kurze Pause, sammeln, essen, trinken, Brille ab, Weste auf. Jetzt wird gekämpft!

Es geht stetig bergauf, steil bergauf. Aber ich weiß, was kommt und das gibt mir ein gutes Gefühl. Passend zum Berg verziehen sich die Wolken und die Sonne scheint. Warum kommt mir das nur so bekannt vor?!

Klar, bei dieser fiesen Steigung kann die Sonne doch ruhig wieder knallen und brennen. Tut ja so nicht schon genug weh. Augen zu und durch. Spaß macht es trotzdem und endlich trägt mein Gesabbel auch Früchte. Der Holländer neben mir bedankt sich im Nachhinein, dass ich ihn so nett unterhalten und damit von der Steigung abgelenkt habe.

Bei insgesamt 09:20 Fahrzeit muss man sich schon ordentlich mit sich selbst beschäftigen. Ich habe irgendwann mit der Analyse der Radfahrer unterschiedlicher Nationen angefangen. Aber irgendwie wurde ich immer wieder von Holländern unterbrochen.

Aber dann, die Holzhütte am Horizont, die Spitze des Passo Giaus, die Belohnung der Mühe. Ich würde gerne sagen, dass mir die Worte fehlen, aber in aller Euphorie hab ich das Tempo angezogen und währenddessen weinerlich die nächste Sprachnachricht verschickt: „Geschafft, Geschafft, Geschafft….oh mein Gott, geschafft!“

Unglaublich! Ich bin an so vielen Fahrern vorbei gefahren, die mit Krämpfen oder Kreislauf zu kämpfen hatten und jetzt bin ich oben angekommen, stehe hier, blicke herab und esse Kuchen. Jetzt gibt es nur noch eine Hürde: Eine halbe Stunde Dixi-Wartezeit! Ich nutze die Zeit und blicke auf mein Handy.

Erst jetzt merke ich, dass man mich online verfolgen kann. So viele  Daumen-hoch-Nachrichten habe ich, glaube ich, noch nie erhalten. Ich bin so gerührt, dass mir Tränen über die Wange laufen. Ab diesem Zeitpunkt weine ich fast alle 10 Minuten. Ein Holländer nimmt mich in den Arm, tröstet mich und freut sich mit mir. Ab diesen Zeitpunkt stelle ich mir aber auch die Frage: „Wo kommen eigentlich die ganzen Holländer her?“

Endlich kann ich weiterfahren. Abfahrt! Ich muss sagen, nachdem es mich fast aus einer Kurve gerissen hätte und ich froh sein kann, dass dort ein Parkplatz war und keine Leitplanke, machen mir die Abfahrten nicht mehr wirklich Spaß. Jede Rechtskurve wird zur Hölle. Tatsächlich freu ich mich gerade auf den nächsten Pass.

Der lässt auch nicht lange auf sich warten, der Passo Falzarego. Mit dem Passo Val Parola die letzte Steigung an diesem Tag. Zu diesem Zeitpunkt habe ich immer noch gedacht, ich kenne die Strecke. Mit einer wunderschönen Aussicht, kämpfe ich mich hoch. Eine Abfahrt, dann ist das schlimmste geschafft.

Ich bündele nochmal alle Kraftreserven und gebe die letzten 10 Kilometer nochmal voll Gas. (Also die Empfindung, ich wäre schnell gewesen, war auf jeden Fall da) Meine Freudentränen pfeifen mit dem Wind über meine Wangen. Gleich da!

Stop, was ist das?! Woher kommt diese – was verdammt nochmal ist das? Die „Mür di Giat“, kurz, dafür sehr sehr steil! Aber nein, nicht mit mir! Kein einziges Mal musste ich anhalten oder pausieren, jetzt auch nicht mehr. Ich schmeiße mich aus dem Sattel, verkrampfe dermaßen in mein Lenkrad, dass mein Fahrrad und ich eins werden.

Bei jedem Tritt stöhne ich als wollte ich Anna Kurnikowa beim Tennistunier besiegen. Ich kämpfe was das Zeug hält, aber ich lasse mich nicht von einer Katze niederstrecken. Nach ein paar Metern habe ich es geschafft. Ein Katzensprung weiter, kann ich es sehen, den Zieleinlauf! Unglaublich! Ich fahre gerade nach 138 km und 4230 Höhenmeter über die Ziellinie. Unfassbar!

Im Ziel angekommen, breche ich komplett in Tränen aus. Fünf Minuten Stille. Auch wenn ich mich kenne und weiß, dass ich selber nie aufgeben würde, begleitet einem doch stetig die Angst, dass der Körper nicht mitspielt. Aber auf meinem Körper ist Verlass! Kann aber auch an den 20 Tonnen Kuchen liegen, die ich verputzt habe und mir Energie geschenkt haben.

Und nun - die Hotelbar ruft. Ich hab da noch ein Gespräch mit einem Holländer offen...
Eure Natascha

Natascha Roslan ist Berufssoldatin, studiert BWL und fährt seit Anfang des Jahres Rennrad. Unter 1200 Teilnehmern wurde sie als eine der acht "Jedermänner" des "Giant-Alpecin Gran Fondo Team" ausgewählt. Für radsport-aktiv.de berichtet die 30-Jährige über ihre Erlebnisse: "Natascha, der Rookie auf dem Rad". 


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