Von Bettendorf bis Voß

Die deutschsprachigen Starterinnen und Starter bei der Gravel-WM

Von Jens Claussen

Foto zu dem Text "Die deutschsprachigen Starterinnen und Starter bei der Gravel-WM"
Nele Laing gehört zu den Mitfavoritinnen bei der Gravel WM in Australien | Foto: Nele Laing

09.10.2026  |  (rsn) – German Cycling hat für die Gravel-WM am 10./11. Oktober im australischen Nannup kein offizielles Aufgebot nominiert. Auch auf finanzielle oder logistische Unterstützung müssen die deutschen Schotterspezialistinnen und -spezialisten verzichten. 

Auf Nachfrage von RSN erklärte Thorben Haushahn, Gravel-Koordinator von German Cycling, die Situation so: “Beim Gravel gibt es keine Nationalmannschaften im klassischen Sinne, da sich Fahrer direkt qualifizieren. Daher stellt oder nominiert GC keine Mannschaft bzw. setzt kein Team drum herum ein. Wenn Gravel olympisch wäre, hätte man sicherlich mehr Aussicht auf Förderung und Unterstützung.“

So haben lediglich diejenigen die Chance, um den Titel zu fahren, deren Sponsorenschatullen den finanziellen Kraftakt der Reise nach Down Under ermöglichen. RSN sprach vor der WM mit Teilnehmern über deren Ambitionen und das Paradoxon, dass sie zwar Nationaltrikots tragen, aber nicht für das eigene Land, sondern für ein Trade-Team fahren.

Die deutschen und deutschsprachigen Starterinnen und Starter:

Paul Voß (40 Jahre / 4. Teilnahme)

Keiner hat den Gravel-Sport in Deutschland so geprägt wie der gebürtige Rostocker. Voß holte sich unlängst die nötige Rennhärte für die Gravel WM im Trikot der Nationalmannschaft auf der Straße bei der Deutschland Tour (2.Pro) und der Sauerlandrundfahrt (2.2). Ein zweiter Platz beim UCI Sea Otter Europe Gravel lassen ihn mit viel Selbstvertrauen anreisen.

Voß zu RSN: “Ich fahre hier gerade auf einem Leihrad rum, da meines bei der Anreise nach Australien durch die Überflutung in Bangkok dort beim Zwischenstop hängengeblieben ist. Das ergeht aber jetzt allen Top-Fahrern so, die über Bangkok angereist sind. Keiner kann auf seinem eigenen Rad trainieren und das ist natürlich alles andere als optimal. Auch mit Blick auf den hohen Kostenaufwand – German Cycling zahlt natürlich nichts, aber das ergeht den anderen Nationen, glaube ich, auch so – werden die Besten aus dem Gravel hier sein, so dass die WM auf allerhöchstem Niveau stattfinden wird. Ich habe natürlich das Ziel, vorne reinzufahren, kann es aber schlecht einschätzen. So schwer, wie die Strecke ist, wird der Sieg wohl nur über Mads (Würtz Schmidt) gehen.“

Luis Neff (29 Jahre / 3. Teilnahme)

Neff ist Teammanager und Fahrer des deutschen Gravelteams Rose Racing Circle in einer Person. Der Wahlschweizer hatte nach einem Top-Saisonstart beim UCI Gravel Wörthersee (3. Platz) mit zwei Gehirnerschütterungen in unmittelbarer Folge schwere Monate zu überstehen, die ihn einen Großteil der Saison kosteten. Pünktlich zur WM meldete er sich vor Wochenfrist eindrucksvoll mit einem Sieg beim Gravel Grit‘n Grind in Schweden zurück.

Neff zu RSN: “Ich freue mich auf Australien, da es mal eine wirkliche Gravel-WM wird, bei der nicht kurzerhand nochmal alle WorldTour Profis dazukommen. Vielleicht haben wir dadurch mal ein etwas faireres Rennen als die letzten beiden Jahre in Belgien, wo 300 Elite-Männer am Start standen. Das war super gefährlich, mit vielen Stürzen und irgendwie auch nicht das Wahre… . Ich habe gehört, dass die Strecke trotz der Anstiege recht schnell sein soll und das sollte mir, auch wenn ich nicht der allerbeste Kletterer bin, mit der aktuellen Form liegen.“

Lukas Pöstlberger (Österreich / 34 Jahre / 2. Teilnahme)

Der ehemalige WorldTour-Profi konnte in seiner zweiten vollen Gravelsaison bereits zwei Siege einfahren. Am wertvollsten dürften für den Oberösterreicher dabei der Triumph beim prestigeträchtigen Traka 200 gewesen sein.

Pöstlberger zu RSN: “Die Strecke wird hart und sicherlich die üblichen Verdächtigen favorisieren, die schnell berghoch fahren können. Meine Form ist gut, aber spezifisch etwas vorgenommen habe ich mir nicht. Natürlich träumt man immer von einer Medaille, aber ich bin ja nicht alleine hier. Auf jeden Fall wird es ein hartes Rennen mit einem würdigen Weltmeister.“

Rosa Klöser (30 Jahre / 3. Teilnahme)

Vor zwei Jahren vom Gravel in die WorldTour – Klöser ging genau den > entgegengesetzten Schritt, den man ansonsten im Gravelsport beobachten konnte . Mit ihrer Teilnahme an großen Rennen wie der Tour de France Femmes (2.WWT) oder Paris-Roubaix (1.WWT) sowie den wichtigsten Gravelrennen gelang ihr in diesem Jahr der äußerst erfolgreiche Spagat zwischen Straße und Schotter. Siege bei Traka 360 sowie zwei Rennen der UCI Gravel World Series (Girona und Pyrénées Catalanes), die Frau aus Geilenkirchen geht als Top-Favoritin ins WM- Rennen.

Nele Laing (27 Jahre / 3. Teilnahme)

Mit Blick auf die bisherige Saison muss die Darmstädterin als der Shooting-Star im deutschen Gravel betrachtet werden. Im Vorjahr noch auf der Straße im Konti-Team LKT unterwegs, gelang Laing der Switch auf den Schotter auf Anhieb. Vier Saisonsiege sowie drei weitere Podiumsplätze können sie auf einem Kurs, der ihren Fähigkeiten liegen sollte, von Edelmetall träumen lassen.

Laing zu RSN: “Wir sind hier mit den vier Mädels von Canyon x DT Swiss ATR und das Team bezahlt uns alles. German Cycling bekommt das leider nicht so hin, Gravel auch als Radsportdisziplin anzusehen – tut mir leid, dass ich so zynisch bin…. . Man kann sich den Kurs selbst vorher kaum anschauen, da er auf vielen 'Private Roads' ausgetragen wird, die man nur gegen Gebühr befahren darf. Meine letzten Wochen der Vorbereitung waren nicht super optimal, so dass meine eigenen Ambitionen nur sind, das Bestmögliche herauszuholen. Auch wenn wir als deutsches Team gut fahren wollen, sind wir primär als Canyon-Team hier. Der Kurs sollte mir mit den vielen Anstiegen eigentlich gut liegen, obwohl es vom Profil her eher wie ein Straßenrennen wird. Es wird definitiv das härteste Rennen in diesem Jahr werden.“

Carolin Schiff (40 Jahre / 1. Teilnahme)

Vom Lebensalter zwar die Erfahrenste im deutschen Team, gibt Schiff ihr Debüt bei Welttitelkämpfen. Nach einem schwierigen Jahr 2025 fand die Bremerin den Weg zurück in die Weltspitze und finishte bei 14 Renntagen achtmal in den Top-Ten.

Schiff zu RSN: “Wir sind von Canyon als Team hierhergeschickt worden und dementsprechend fahren wir auch als Team. Von German Cycling haben wir in keinster Weise Support erhalten. Meine Rolle dabei werden wir noch besprechen, aber ich werde auf keinen Fall auf eigene Kappe fahren, da wir mit Larissa (Hartog) und Nele (Laing) zwei sehr starke Fahrerinnen dabeihaben. Wir möchten Canyon deren Support durch ein gutes Teamergebnis zurückzahlen. Gestern konnten wir einen Großteil der Strecke begutachten. Es geht zwar die ganze Zeit hoch und runter, aber etwas wirklich Technisches ist nicht dabei. Das ist kein Kurs für reine Bergfahrer, sondern eher ein Allrounderkurs. Bei uns Frauen wird es ein Ausscheidungsfahren werden, das am Ende über die Substanz entschieden wird.“

Jade Treffeisen (35 Jahre / 5. Teilnahme)

Mit der Teilnahme an allen bisherigen Weltmeisterschaften ist Treffeisen die “Erfahrenste“ auf diesem Terrain. Als beste Platzierung schrammte die Freiburgerin im Jahr 2022 mit Platz vier knapp an einer Medaille vorbei. Auch, wenn ihr in dieser Saison bislang kein Podium gelang, setzte sie bei Traka 360 (7.Platz), dem 3Rides Gravel Stage Race (7. Platz) und dem UCI Gravel Adventure (6. Platz) immer wieder Akzente.

Treffeisen zu RSN: “Wir sind als Canyon-Team angereist und werden deshalb bei der WM Teamziele verfolgen. Da German Cycling keine nominierten Frauen oder Männer mit nationalen Zielen hier hinschickt, werden wir bei der WM als Trade-Team zusammenfahren. Der Kurs hat Klassiker-Profil, man muss immer auf dem Gas stehen und schon von Beginn an Durchhaltevermögen zeigen.“

Zudem starten noch die Deutschen Kira Stock, Jasper Britz und Ole Theiler, aus der Schweiz Irina Luetzelschwab, Pascal Pensa, Felix Stehli und Roman Holzer, die Österreicherin Theresa Rindler-Bachl, sowie Loic Bettendorff aus Luxemburg.

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