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23.06.2026 | rsn) – Auch wenn der Gravelrennsport in den vergangenen drei Jahren unaufhaltsam an Fahrt aufgenommen hat, befindet sich diese recht junge Sportart noch in den Kinderschuhen. Was sich auch, zumindest von außen betrachtet, im Umgang von German Cycling mit dem Thema widerspiegelt. Mit Blick auf unterschiedlichste Kanäle des deutschen Radsportverbands muss der wettkampforientierte Gravler unweigerlich zu der Schlussfolgerung kommen, dass das Raderlebnis auf dem Schotter institutionell lediglich für den Breitensport beworben und unterstützt wird.
Zu gemeinsamen Gravel Rides in Vereinen wird dort beispielsweise aufgerufen, “Community” und “Miteinander Spaß haben” scheint die aktuelle Marschrichtung von German Cycling zu sein. Wichtige und förderungswürdige Ansätze, aber wo bleiben diejenigen, die sich auf dem Gravelbike messen wollen - und dazu bundesweite Rennen, ähnlich wie im Straßenrennsport, benötigen?
RSN ist unter anderem mit dieser Frage an Thorben Haushahn herangetreten, seit 2021 Gravel-Koordinator bei German Cycling. Haushahn weiß, wovon er redet, schließlich fährt der 38-Jährige selbst Gravelrennen und belegte bei den letztjährigen Deutschen Meisterschaftenden 33. Platz. Auch als Experte auf dem Gebiet der Marktentwicklung im Radsport schaut Haushahn über den strukturellen Tellerrand auf Verbandsebene hinaus. ___STEADY_PAYWALL___
Herr Haushahn, nehmen Sie uns doch mal ein Stück weit mit zurück in die vergangenen Jahre. Wie kam es bei German Cycling zu der Idee, einen Gravel-Koordinator zu installieren und wie ist man auf Ihre Personalie gekommen?
Haushahn: “Gravel ist nicht aus einem System entstanden, sondern eher dagegen. Die eigentliche Frage war nie, wie man ihn organisiert - sondern ob man überhaupt gebraucht wird. Der Sport funktioniert auch ohne Verband. Genau aus dieser Spannung heraus ist die Rolle entstanden.“
Seit Ihrem Amtseintritt ist der Gravel-Sport regelrecht explodiert. Weltweit mehr Rennen und eine wachsende mediale Aufmerksamkeit. Mit welcher Vision zum Thema Gravel ist German Cycling damals mit Ihnen an den Start gegangen?
Haushahn: “Gravel lässt sich nicht durchplanen - sondern nur lesen. Relevanz entsteht im Markt. Der Verband erzeugt sie nicht - er entscheidet, was er sichtbar macht.“
Stichwort Dynamik: Ist German Cycling in der Vergangenheit mit entsprechenden Maßnahmen diesem Aufschwung in Deutschland gerecht geworden?
Haushahn: “Nein. Gravel war schneller als unsere Strukturen. Das Problem war nicht die Dynamik des Sports - sondern unsere Unklarheit über die eigene Rolle.“
German Cycling fördert Gravel mit der gezielten Kampagne “Gravel Connection”, über die Vereine beispielsweise zu der Durchführung von Gravelrides animiert werden sollen. Ein Angebot, das ausschließlich auf den Breitensport abzielt. Warum finden wir keinen ähnlichen “Aufruf” an die Vereine für Rennveranstaltungen?
Haushahn: “Im Breitensport setzen wir Impulse. Im Rennsport ersetzt ein Aufruf keine sportliche Substanz. Ein Aufruf baut kein Feld.“
Die Gravelmania Series sowie seit letztem Jahr die German Gravel League - inwieweit ist German Cycling in bestehende Rennserien in Deutschland aktiv mit eingebunden? Wenn nicht, warum nicht?
Haushahn: “Sportliche Relevanz entsteht im Gravel nicht an einer Stelle. Ein zentrales System darüberzulegen, wäre aktuell ein Fehler. Wir arbeiten mit Formaten, die im Markt Substanz haben - und lassen andere bewusst liegen - auch wenn sie kommunikativ stark auftreten. Wir gehen in bestehende Formate rein, sprechen mit Veranstaltern, Fahrern und Serien - und entscheiden entlang von Startfeldern und sportlicher Qualität, wo wir verstärken. Entscheidend ist nicht, wer etwas ausruft - sondern wer fährt und wer zurückkommt. Ein Pitchdeck (eine kompakte Präsentation, d. Red.) baut kein Feld. Ein Kalender auch nicht von allein. Gleichzeitig ist das Umfeld komplex. Serien, Veranstalter und internationale Formate bringen eigene Partner mit. Diese Interessen lassen sich nicht zentral auflösen. Am Ende entscheidet das Feld - starke Startfelder schaffen den gemeinsamen Nenner. Wir könnten heute eine Serie aufsetzen. Sie würde organisatorisch funktionieren. Aber sie würde das Falsche stabilisieren. Deshalb tun wir es nicht. 2027 wird keine Serie sein, die wir erfinden, sondern eine, die sich aus dem Feld heraus durchgesetzt hat. Genau deshalb lassen wir heute Dinge ungeklärt.“
Auch als Aktiver für German Cycling unterwegs | Foto: Thorben Haushahn
Was muss passieren, dass für Gravel perspektivisch ein ähnliches System wie für den Amateur-Straßenradsport installiert werden könnte?
Haushahn: “Ein System entsteht im Gravel nicht am Anfang. Der Markt ist nicht offen - er sortiert sich gerade. Formate konkurrieren. Felder verschieben sich. Nichts ist stabil. Wer jetzt Struktur festzieht, entscheidet zu früh. Deshalb geben wir Raum. Wir werden keine Serie bauen, nur weil es naheliegt. Nicht nur um UCI-Rennen. Nicht nur um Deutsche Meisterschaften. Gravel entsteht zwischen Vereinsrennen mit Szene, privaten Formaten mit sportlicher Anziehung und großen Events mit Reichweite. Diese Mischung entscheidet, nicht das Label. Es gibt Abstimmungen im Kalender und ein Regelwerk. Beides entsteht im Feld - nicht im System. Im Breitensport setzen wir Impulse. Im Wettkampfsport treffen wir Auswahl. Alles andere entsteht ohne uns.“
Wie eng arbeitet German Cycling mit den Verantwortlichen der UCI zusammen und wie schätzen Sie generell die Pläne des Weltverbandes ein?
Haushahn: “Wir stehen im Austausch mit der Union Cycliste Internationale - aber unsere Entscheidungen entstehen nicht dort. Die UCI organisiert Rennen. Relevanz entsteht im Feld.“
Björn Müller, CEO von 3Rides, sprach kürzlich von Gebühren, die im Rahmen deutscher UCI-Gravelveranstaltungen an German Cycling abgeführt werden müssen. Fließen diese Gelder 1:1 in die Entwicklung des Sports ein?
Haushahn: “Gebühren sind kein Selbstzweck. Sie sind nur legitim, wenn sie im Sport sichtbar etwas auslösen. Ob das im Einzelfall gelingt, muss man kritisch prüfen. Wenn dieser Effekt fehlt, sind sie nicht zu rechtfertigen. Dann liegt das Problem nicht beim Veranstalter - sondern bei uns.“
Müller erwähnte zudem den Nachholbedarf bei der Nachwuchsförderung im Gravel-Sport. Wie weit ist German Cycling hier?
Haushahn: “Gravel entsteht nicht im klassischen Nachwuchs - sondern in den Übergängen. Viele der stärksten Fahrer kommen nicht aus linearen Systemen. Gleichzeitig ist vieles davon längst da. Wenn Trainer mit Nachwuchs im Wald fahren oder aus dem Cross heraus Ausdauer entwickeln, dann ist das oft schon Gravel - nur ohne diese Bezeichnung. Unsere Aufgabe ist es eher, diese Übergänge sichtbar zu machen und anschlussfähig zu halten, statt neue Strukturen darüberzulegen.“
Haushahn hat sich bereits für die diesjährige Gravel-WM in Australien qualifiziert | Foto: Thorben Haushahn
Inwieweit werden deutsche Role Models im Gravel - etwa Paul Voß oder Carolin Schiff – in Planungen miteinbezogen?
Haushahn: “Sichtbare Namen spielen eine Rolle. Entscheidend ist für uns aber, ob daraus sportliche Orientierung entsteht - also Felder, Anschluss und wiederkehrende Konkurrenz.“
Sind neben den Deutschen Gravelmeisterschaften weitere Veranstaltungen unter dem Dach von German Cycling für 2026 geplant?
Haushahn: “Wir hätten mehr machen können. Haben wir bewusst nicht. Mehr Rennen bedeuten nicht automatisch mehr Qualität - entscheidend ist, ob sie getragen werden.“
Müssen Meisterschaften wie im Vorjahr in Torgau Distanzen von 180 Kilometern beinhalten oder schreckt man damit nicht potenzielle Teilnehmer ab?
Haushahn: “Die Distanz entscheidet im Gravel wenig. 180 Kilometer sagen wenig aus, wenn das Profil nicht stimmt. Entscheidend ist das sportliche Niveau - und das orientiert sich international eher an der Rennzeit als an der Kilometerzahl, meist um fünf Stunden. Am Nürburgring sind das zum Beispiel rund 125 Kilometer bei etwa 2.750 Höhenmetern.“
In Ihrem persönlichen Substack werfen Sie eine nahezu philosophische Sicht auf die aktuelle Situation im Gravel. Können Sie das wenigen Sätzen zusammenfassen?
Haushahn: “Gravel funktioniert über Aufmerksamkeit. Relevanz entsteht nicht aus Planung, sondern aus dem, was tatsächlich gefahren wird. Vieles wird beschrieben, bevor es sich entscheidet. Mich interessiert, was bleibt.“
Abschließend: Hat Gravel langfristig das Potenzial, Cyclocross in der Aufmerksamkeit zu überholen?
Haushahn: “In der Aufmerksamkeit hat Gravel in vielen Bereichen Cyclocross bereits überholt. Genau deshalb greifen alte Logiken nicht mehr. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Gravel wächst - sondern was bleibt.“