Gent-Wevelgem: Die letzten zehn Jahre im Überblick

Degenkolbs Coup, Boonens Doppelschlag, Sagans Triple

Von Christoph Adamietz

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Gent-Wevelgem 2013: Peter Sagan feiert seinen ersten von bisher drei Siegen mit einem Wheelie | Foto: Cor Vos

27.03.2020  |  (rsn) - Gent - Wevelgem hat sicherlich nicht den Stellenwert einer Flandern-Rundfahrt. Doch in den letzten Jahren trug sich bei dem flämischen WorldTour-Rennen das Who ist Who der Klassikerspezialisten in die Siegesliste ein. Dazu bot das Rennen aufgrund der Witterungsverhältnisse auch das ein oder andere Kuriosum.

72. Gent – Wevelgem 2010: Bernhard Eisel 

Die 72. Auflage des belgischen Klassikers war zugleich eine doppelte Premiere. Zum einen wurde das Rennen von Mitte April auf Ende März verlegt, zudem wurden weitere Anstiege ins Programm genommen. Mit dem neuen Kurs am besten zurecht kam Bernhard Eisel (HTC Colombia). Nach 219 setzte sich der Österreicher im Sprint einer sechs Fahrer starken Spitzengruppe vor den beiden Belgiern Sep Vanmarcke (Topsort Vlaanderen) und Philippe Gilbert (Omega Pharma Lotto) durch. Die entscheidende Gruppe formierte sich auf den letzten 30 Kilometern. Den Sprint eröffnete der US-Amerikaner George Hincapie (BMC), von dessen Hinterrad der damals 29-jährige Eisel zum größten Sieg seiner Karriere stürmte.

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73. Gent – Wevelgem 2011: Tom Boonen 

Nach fünfjähriger Durststrecke ließ Tom Boonen die Belgier wieder jubeln. Der Quick-Step-Star setzte sich in seiner Heimat nach 205 Kilometern im Sprint einer knapp 40 Fahrer starken Gruppe souverän vor dem Italiener Daniele Bennati (Leopard Trek) und dem US-Amerikaner Tyler Farrar (Garmin – Cervelo) durch. André Greipel (Omega Pharma Lotto) verpasste als Vierter knapp das Podium, Titelverteidiger Bernhard Eisel (HTC High Road) wurde Siebter.

Allerdinsg war lange Zeit fraglich, ob es zu einer Sprintentscheidung kommen würde. Denn 34 Kilometer vor dem Ziel hatte sich Peter Sagan (Liquigas) mit Ian Stannard (Sky) mit zwei weiteren Fahrern vom Feld abgesetzt, Stannard wurde als letzter Verbliebener der Gruppe erst 250 Meter vor dem Ziel gestellt. Im Sprint holte Boonen schließlich seinen zweiten Sieg nach 2004.

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74. Gent – Wevelgem 2012: Tom Boonen 

Im Jahr darauf gelang Tom Boonen die Titelverteidigung. Seinen insgesamt dritten Sieg bei dem Kopfsteinpflasterklassiker holte sich der Belgier nach 235 Kilometern im Sprint einer kleinen Spitzengruppe souverän vor dem Slowaken Peter Sagan (Liquigas Cannondale) und dem Dänen Matti Breschel (Rabobank) durch. Christian Knees (Sky) belegte als bester Deutscher Rang 14.

Mit einer Attacke am Monteberg 35 Kilometer vor dem Ziel hatte der Schweizer Fabian Cancellara (Radioshack - Nissan) viele der Sprinter ins Hintertreffen gebracht, darunter auch die deutschen Hoffnungsträger John Degenkolb und André Greipel. Im Finale kontrollierte Omega Pharma – Quick-Step das Geschehen und der Kapitän bedankte sich mit dem Sieg. Überschattet wurde das Finale von einem Sturz auf den letzten 250 Metern, in den unter anderem Greg Van Avermaet (BMC) verwickelt war.

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75. Gent – Wevelgem 2013: Peter Sagan 

Nach Platz zwei im Vorjahr gelang Sagan sein langersehnter erster Erfolg bei einem Klassiker – und das unter denkwürdigen Umständen. Wegen extremer Kälte und eisigem Wind wurde das Rennen um 45 Kilometer verkürzt, viele Favoriten stiegen vorzeitig von ihren Rädern. Nicht so der Slowake, der als Solist das Ziel in Wevelgem erreicht. 23 Sekunden hinter Sagan gewann der Slowene Borut Bozic (Astana) den Sprint der Verfolger um Platz zwei vor dem Belgier Greg Van Avermaet (BMC).

Sagan gehörte zu einer Spitzengruppe, die sich 50 Kilometer vor dem Ziel gebildet hatte. Aus dieser heraus setzte er auf den letzten zehn Kilometern die entscheidende Attacke. Wie überlegen Sagan an diesem Tag war, zeigte sein Kommentar nach dem Rennen: Er habe sich aus Ärger über die mangelnde Kooperation in der Gruppe zur Attacke entschieden. Deutlich besser war dann Sagans Laune auf der Ziellinie, wo er seinen Coup mit einem Wheelie feierte.

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76. Gent – Wevelgem 2014: John Degenkolb 

Sieben Jahre nach dem Coup von Marcus Burghardt gab es in Wevelgem wieder einen deutschen Sieg zu feiern. John Degenkolb (Giant – Shimano) verwies im Sprint einer 30 Fahrer starken Gruppe den Franzosen Arnaud Demare (FDJ) und Titelverteidiger Peter Sagan (Cannondale) auf die Plätze. Für Degenkolb war es der erste Sieg bei einem Kopfsteinpflasterklassiker.

Eine Sprintentscheidung stand lange Zeit in den Sternen. Denn ein Spitzentrio um den Schweizer Silvan Dillier (BMC) wurde erst auf dem Schlusskilometer gestellt. Pech hatte André Greipel (Lotto Soudal), der sich acht Kilometer vor dem Ziel bei einem Sturz mehrere Bänderrisse in der Schulter zuzog.

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76. Gent – Wevelgem 2015: Luca Paolini 

Die 76. Austragung stand ganz im Zeichen von extremen Witterungsbedingungen mit Regen, Kälte und Windgeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h, was den Ausreißern in die Karten spielte. Die Sprinter erreichten an diesem Tag erst knapp sieben Minuten hinter der acht Fahrer umfassenden Spitzengruppe das Ziel. Aus dieser heraus war der Italiener Luca Paolini (Katusha) der Stärkste. Der Routinier setzte sich mit elf Sekunden Vorsprung auf den Niederländer Niki Terpstra (Etixx - Quick-Step) und dem späteren Tour de France-Sieger Geraint Thomas (Sky) durch.

Insgesamt erreichten bei diesem denkwürdigen Gent-Wevelgem nur 39 Profis das Ziel. Auch Paolini ging im Rennverlauf  zwei Mal zu Boden. Doch er war noch fit genug, um fünf Kilometer vor dem Ziel seine entscheidende Attacke aus der Spitze heraus setzen zu können.

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77. Gent – Wevelgem 2016: Peter Sagan 

Nach seinem Soloerfolg vor drei Jahren feierte Peter Sagan (Tinkoff) seinen zweiten Sieg aus einer vierköpfigen Spitzengruppe heraus. Der Weltmeister ließ dabei nach 243 Kilometern den Belgier Sep Vanmarcke (LottoNL-Jumbo), den überraschend starken Russen Viacheslav Kuznetsov (Katusha) und den Schweizer Fabian Cancellare (Trek - Segafredo) hinter sich.

Cancellara hatte mit seiner Attacke 35 Kilometer vor dem Ziel bei der letzten Überquerung des Kemmelbergs das Finale eingeläutet. Das sich dabei formierende Quartett konnte sich auf den letzten beiden Kilometern aufgrund des komfortablen Vorsprungs sogar noch taktische Spielchen erlauben.

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78. Gent – Wevelgem 2017: Greg Van Avermaet 

Nachdem die Belgier in den letzten vier Jahren leer ausgegangen waren, feierten sie diesmal bei Heimspiel einen Doppelerfolg. Greg Van Avermaet (BMC) setzte sich nach 249 Kilometern in Wevelgem im Sprintduell vor seinem Landsmann Jens Keukeleire (Orica - Scott) durch und trug sich erstmals in die Siegerliste des WorldTour-Klassikers ein. Titelverteidiger Peter Sagan (Bora - Hansgrohe) wurde mit sechs Sekunden Rückstand Dritter, John Degenkolb (Trek - Segafredo) belegte als bester deutscher Starter Rang fünf.

Bei der 78. Austragung ging es erstmals über sogenannte Plugstreets, (Naturstraßen) was dem Rennen zusätzlichen Reiz und einen höheren Schwierigkeitsgrad verlieh. Entscheidend war aber letztlich der Kemmelberg 35 Kilometer vor dem Ziel, an dem Van Avermaet attackierte und eine 14 Fahrer starke Gruppe initiierte. Aus dieser heraus löste er sich später gemeinsam mit Keukeleire.

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79. Gent – Wevelgem 2018: Peter Sagan 

Mit seinem dritten Sieg zog Peter Sagan (Bora - hansgrohe) mit den bisherigen Rekordhaltern um Tom Boonen und Eddy Merckx gleich. Diesmal verwies der Weltmeister im Sprint einer knapp 20 Fahrer starken Spitzengruppe den Italiener Elia Viviani (Quick-Step Floors) und den Franzosen Arnaud Demare (Groupama - FDJ) mit deutlichem Vorsprung auf die Plätze.

Wie im Jahr zuvor trennte sich am Kemmelberg 35 Kilometer vor dem Ziel die Spreu vom Weizen. Quick-Step Floors und Marcus Burghard als unermüdlicher Sagan-Helfer sorgten dafür, dass die Spitzengruppe vor den Verfolgern den Zielstrich erreichte, im Sprint war schließlich Sagan eine Klasse für sich.

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80. Gent – Wevelgem 2019: Alexander Kristoff 

Im Vorjahr noch hatte Alexander Kristoff (UAE Team Emirates) genau wie John Degenkolb (Trek - Segafredo) den Sprung in die große Spitzengruppe verpasst. Dieses Mal aber überquerten die beiden den Zielstrich in Wevelgem auf den Plätzen eins und zwei. Kristoff setzte sich nach 250 Kilometern im Sprint einer knapp 30 Fahrer starken Gruppe vor Degenkolb und dem Belgier Oliver Naesen (AG2R) durch. Mit Rüdiger Selig (Bora - Hansgrohe) auf Rang acht konnte sich noch ein weiterer Deutscher in den Top Ten platzieren.

Dabei sollte Kristoff plangemäß den Sprint für seinen neuen Teamkollegen Fernando Gaviria anziehen. Doch der Kolumbianer erteilte dem Norweger im Finale freie Fahrt. Titelverteidiger Peter Sagan (Bora - hansgrohe) war diesmal in der Ausreißergruppe des Tages dabei, die sich nach 60 Kilometern formiert hatte und zu der einige große Namen zählten - so auch Degenkolb. Die immer kleiner werdende Sagan-Gruppe war schließlich nach einer 170 Kilometer langen Verfolgungsjagd 18 Kilometer vor dem Ziel Geschichte. Danach folgten weitere Attacken, mit Jack Bauer (Mitchelton - Scott) wurde der letzte Ausreißer erst 300 Meter vor dem Ziel gestellt.

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