Sprinterteams verspekulieren sich auf 3. Giro-Etappe

Van der Hoorn feiert Sieg, an den er selbst nicht glaubte

Foto zu dem Text "Van der Hoorn feiert Sieg, an den er selbst nicht glaubte"
Taco van der Hoorn (Intermarché - Wanty-Gobert Matériaux) bejubelt seinen Giro-Etappensieg. | Foto: Cor Vos

10.05.2021  |  (rsn) - In seiner ersten Saison als WorldTour-Team fuhr Intermarché - Wanty-Gobert Matériaux der Konkurrenz meist hinterher. Dem belgischen Rennstall gelang kein einziger Sieg - ehe Taco van der Hoorn beim 104. Giro d’Italia auf spektakuläre Art und Weise den Bann brach.

Acht Kilometer vor dem Ziel der von Biella nach Canale führenden 3. Etappe schüttelte der 27-jährige Niederländer seinen letzten Begleiter Simon Pellaud (Androni Giocattoli) ab und vollendete souverän eine Flucht von fast 190 Kilometern, um sich den bisher größten Erfolg seiner Karriere zu sichern.

"Ich kann es nicht glauben", strahlte der Grand-Tour-Debütant im Sieger-Interview. “Ich wollte in die Fluchtgruppe, weil ich den Giro aggressiv fahren möchte. Aber ich weiß, dass es schwierig ist, mit einer Ausreißergruppe durchzukommen. Dennoch: Jede noch so geringe Chance ist eine. Eigentlich habe ich nicht daran geglaubt, als der Abstand bei 25 Kilometern nur noch eine Minute betrug“, gestand der Etappengewinner ein.

Viel fehlte nicht und van der Hoorn wäre am letzten nicht kategorisierten Anstieg bereits einer Attacke Pellauds zum Opfer gefallen. “Simon ist sehr schnell gefahren. Ich war da an meiner Grenze “, sagte er. “Aber in der Abfahrt habe ich von meinem höheren Gewicht profitiert und war aerodynamisch besser. Simon war müde, so bin ich ihn losgeworden. In diesem Moment hörte ich, dass ich 40 Sekunden hatte und habe Vollgas gegeben.“

Die Hilfe für Bora - hansgrohe kam zu spät

Das bis weit ins Finale hinein von Bora - hansgrohe angeführte Feld verspekulierte sich auch deshalb, weil die Raublinger zu spät Unterstützung von anderen Mannschaften erhielten. Vier Sekunden hinter van der Hoorn entschied  der Italiener Davide Cimolai (Israel Start-Up Nation) den Sprint der Verfolger vor Bora-Kapitän Peter Sagan und seinem Landsmann Elia Viviani (Cofidis) für sich. "Ich möchte mich bei all meinen Teamkollegen für ihren großartigen Einsatz bedanken. Sie haben wirklich so hart gearbeitet, um unsere Chance auf den Etappensieg zu nutzen", sagte Sagan, der zwar seinen zweiten Giro-Etappensieg der Karriere verpasste, aber demonstrierte, dass seine Formkurve  weiter ansteigend verläuft.

Einen vergleichsweise ruhigen Tag im Feld verbrachte Spitzenreiter Filippo Ganna, dessen Team Ineos Grenadiers sich in der zweiten Reihe halten und so Kräfte sparen konnte. Der Italiener behauptete sein Rosa Trikot und liegt im Gesamtklassement nun 16 Sekunden vor dem Norweger Tobias Foss (Jumbo - Visma), dessen Teamkollege Edoardo Affini in der schweren zweiten Rennhälfte den Anschluss verlor und seinen zweiten Gesamtrang einbüßte.

Wie Foss machte auch Remco Evenepoel (Deceuninck - Quick-Step) eine Position gut und ist nun 20 Sekunden hinter Ganna Gesamtdritter. “Im letzten Anstieg habe ich gesehen, dass Remco fantastische Beine hatte. Für mich wird es schwer werden, morgen mein Maglia Rosa zu verteidigen“, blickte Ganna schon auf die schwere 4. Etappe voraus, die in Sestola mit einer ersten Bergankunft endet.

Sein Landsmann Vincenzo Albanese (Eolo - Kometa) gewann zwei der drei Bergpreise des Tages und baute seine Führung in der Bergwertung aus. Ganna bleibt auch bester Nachwuchsfahrer, Tim Merlier (Alpecin - Fenix) behauptete seine Spitzenposition in der Punktewertung, Jumbo - Visma wird weiter als bestes Team geführt.

So lief das Rennen:

Albanese, Samuele Rivi (beide Eolo - Kometa), Alexis Gougeard (AG2R Citroën), Andrii Ponomar, Pellaud (beide Androni Giocattoli), Samuele Zoccarato (Bardiani - CSF), Lars van den Berg (Groupama - FDJ) und van der Hoorn formierten sich bei anfangs noch regnerischen Bedingungen schon kurz nach dem Start zur Gruppe des Tages.

Dabei schaffte Ponomar, mit gerade mal 18 Jahren der jüngste Starter dieses Giro, als letzter Fahrer nach knapp 20 Kilometern noch den Anschluss. Das hatte er vor allem seinem Schweizer Teamkollegen Pellaud zu verdanken, der sich zurückfallen ließ, um den jungen Ukrainer noch in die Gruppe zu geleiten.

Auf der brettebenen und in südlicher Richtung durch die Poebene führenden Strecke fuhren sich die acht Ausreißer einen Maximalvorsprung von 6:30 Minuten heraus, ehe das Feld nach rund 40 gefahrenen Kilometern reagierte. Dabei übernahmen zunächst Bora - hansgrohe und Alpecin - Fenix die Führungsarbeit, so dass sich Ineos Grenadiers zurückhalten konnte.

Bora - hansgrohe dünnt das Feld aus

Bis zum ersten Zwischensprint des Tages, der nach 114 Kilometern erreicht wurde, hatten die Verfolger den Rückstand auf unter vier Minuten reduziert. Kurz nachdem sich Pellaud die Sprintwertung gesichert hatte, attackierte Ponomar im sich daran anschließenden gut sieben Kilometer langen und knapp fünf Prozent steilen Anstieg nach Piancanelli, wurde aber schnell wieder gestellt. Zugleich erhöhte im Feld erhöhte Bora - hansgrohe in fast voller Mannschaftsstärke die Schlagzahl.

An der Spitze konterte Albanese einen entschlossenen Antritt von Pellaud und sicherte sich den Bergpreis der 3. Kategorie vor van den Berg und dem Schweizer, Bodnar führte 3:30 Minuten später das Feld über die Bergwertung. In der Abfahrt konnte der zwischenzeitlich abgehängte Ponomar bei seiner Aufholjagd nach einem Fahrfehler nur mit akrobatischer Steuerkunst den Abflug in den Straßengraben verhindern, während im Hauptfeld bei einem Sturz unter anderem Manuel Belletti (Eolo - Kometa) auf dem Asphalt landete.

Dem Bora-Tempo fielen in den folgenden Anstiegen immer mehr Fahrer zum Opfer, darunter der gestrige Etappengewinner Merlier, Giacomo Nizzolo (Qhubeka - Assos) und Caleb Ewan (Lotto Soudal). Auf dem Weg zur nächsten Bergwertung (4. Kat.), die erneut Albanese vor van den Berg und Pellaud für sich entschied, wurde Ponomar endgültig abgeschüttelt. Die letzte Bergwertung ging 36 Kilometer vor dem Ziel an den starken Pellaud, gefolgt von Zoccarato und Albanese. Das Feld, in dem Bora - hansgrohe weiter das Geschehen dominierte, folgte mit 1:30 Minuten Rückstand. Eingangs der letzten 25 Kilometer führte das deutsche Team noch mit sechs Fahrern das geschrumpfte Peloton an.

Van der Hoorn lässt entkräfteten Pellaud stehen

Nachdem auch Rivi und Gougeard zurückgefallen waren, bestand die Spitzengruppe nur noch aus fünf Fahrern, die den drei Kilometer langen, nicht kategorisierten Anstieg zum letzte Zwischensprint des Tages mit nur noch einer Minute Vorsprung in Angriff nahmen. Hier fiel die Ausreißergruppe nach einer weiteren Attacke von Pellaud auseinander. Lediglich Zoccarato und van der Hoorn konnten dem 28-Jährigen folgen. Pellaud holte sich 15 Sekunden vor dem Ziel die drei Bonussekunden und zehn Zähler für die Punktewertung.

Kurz vor dem Zwischensprint waren Tony Gallopin (AG2R Citroën) und Giulio Ciccone (Trek - Segafredo) aus dem Feld davongezogen. Sie machten sich zunutze, dass Bora - hansgrohe seine personellen Kräfte fast aufgebraucht hatte. Das Duo fing zunächst Zaccarato ein, doch an die Spitze kamen die Verfolger nicht heran. Knapp neun Kilometer vor dem Ziel ließ van der Hoorn den erschöpften Pellaud mit einem trockenen Antritt stehen und baute seinen Vorsprung gegenüber dem Feld auf eine Minute aus.

Erst auf den letzten sieben Kilometern übernahmen bei den Verfolgern auch Cofidis und UAE Emirates Verantwortung, so dass der Rückstand vier Kilometer vor dem Ziel nur noch 40 Sekunden betrug. Auf den letzten beiden Kilometern sammelte das von UAE angeführte Feld auf flachem Terrain Gallopin und Ciccone ein, doch für van der Hoorn reichte es nicht mehr. 1.000 Meter vor dem Ziel lag der mit letzter Kraft kämpfende Niederländer noch 15 Sekunden vor dem Feld, von denen er vier bis ins Ziel rettete, um dort seine Freude über seinen Ausreißercoup lauthals herauszuschreien.

RADRENNEN HEUTE

    Radrennen Männer

  • Adriatica Ionica Race / Sulle (2.1, ITA)