Interview mit dem Sportdirektor von rad-net Rose

Grabsch: “Mit dem Mix Straße-Bahn werden wir überzeugen“

Von Christoph Adamietz

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Ralf Grabsch (Rad - net Rose) | Foto: Cor Vos

21.01.2022  |  (rsn) - Wie schon in den vergangenen Jahren haben wir auch in diesem Winter die Teamchefs und Sportlichen Leiter der deutschen Kontinental-Teams befragt. Wie lief es in der Vorsaison, welche personellen Veränderungen gab es und wie lauten die Ziele für die kommende Saison? Im vierten Teil stellt sich Ralf Grabsch, der Sportliche Leiter von rad-net Rose, unseren Fragen.

Herr Grabsch, wie fällt Ihre Saisonbilanz 2021 aus?
Ralf Grabsch: Die fällt sehr gut aus. Auf der Bahn haben sich die Jungs Richtung Olympia optimal vorbereitet, sind Sechster geworden in der Mannschaftsverfolgung und sind neuen Deutschen Rekord gefahren. Wenn man die Zeit sieht, sind wir da auf dem richtigen Weg auf der Bahn. Da sind wir in Richtung Paris für die nächsten Olympischen Spiele sehr gut aufgestellt. Da können wir auch einiges erwarten.  Auf der Straße wurde Jakob Geßner Dritter im U23-Straßenrennen, im Zeitfahren haben wir mit Jannis Peter als Vierter knapp den Medaillenrang verpasst und bei der DM im Mannschaftszeitfahren sind wir hinter dem Team Sauerland Zweiter geworden. Wir haben bei den Meisterschaften also eine sehr gute Bilanz, in der Bundesliga-Mannschaftswertung sind wir dazu Zweiter geworden und haben auch sehr gute Platzierungen bei den einzelnen Bundesliga-Rennen erzielt. Ich denke, so wie wir als Team aufgestellt waren, hatten wir eine sehr gute Saisonbilanz.

Mit Jakob Geßner, Jannis Peter, Linus Rosner und Henri Uhlig verlassen mehrere Stützen Ihr Team, obwohl sie noch nicht der U23 entwachsen sind. Wie schwer wiegen diese Abgänge?
Grabsch: Da verlassen in der Tat starke Säulen das Team. Alle hatten andere Ansichten, wollten neue Wege gehen, das war für uns auch Neuland. In den letzten zehn Jahren ist das nur einmal vorgekommen, dass ein Fahrer vor Ablauf seiner U23-Zeit einfach gewechselt ist. Aber ich bin da sehr offen, wenn die Sportler wünschen, eine Luftveränderung vorzunehmen, dann ist das so. Die Abgänge sind nicht von der Hand zu weisen, aber mit Blick auf unsere Neuzugänge sind wir auch wieder konkurrenzfähig und ich sehe das nicht negativ. Das ist ein Neuanfang, mit dem wir aber auch sehr gut leben können. Es ist aber auf der anderen Seite auch insofern nichts Neues, da wir grundsätzlich mit U23-Sportlern auf der Straße arbeiten, die uns dann irgendwann verlassen. Wir sehen uns als Ausbildungsteam. Ich wünsche den Abgängen in ihren neuen Teams alles Gute und dass sie sich so entwickeln, wie sie sich das alle vorstellen

Wie sind Ihre ersten Eindrücke von Ihrem rund erneuerten Team?
Grabsch: Wir waren schon zusammen im Trainingslager, es hat enorm viel Spaß gemacht, mit den Jungs zu arbeiten. Im Trainingslager wurde wirklich eine super Arbeit gemacht. Für mich ist es eine schöne Aufgabe, mit den neuen Fahrern neue Wege zu gehen und dann hoffentlich auch erfolgreich zu fahren.

Wird bei den Straßenfahrern nun auf Pirmin Benz die Last liegen Ergebnisse einzufahren? Was trauen Sie ihm zu?
Grabsch: Pirmin ist im vierten U23-Jahr. Er wird auf jeden Fall unser Leistungsträger sein. Pirmin ist der nächste Sportler, der den Sprung in die WorldTour schaffen kann. Dazu werden aber auch die Bahnfahrer viel mehr Straßenrennen fahren, auch ein Theo Reinhardt, Tobias Buck-Gramcko oder Moritz Kretschy können auf der Straße Ergebnisse einfahren. Die werden alles daran setzen, dass wir auch mit dem Team sehr gute Ergebnisse auf der Straße erzielen. Man kann es schon als Umbruch bezeichnen, dass unsere Bahnjungs viel mehr auf der Straße fahren werden. Ich bin der Meinung, dass wir da mit dem Mix Straße-Bahn stark unterwegs sein und auch überzeugen werden.

Welchem der jungen Neuzugänge trauen Sie zu, dass er 2022 schon gewisse Akzente setzt oder gar Ergebnisse einfährt?
Grabsch: Grundsätzlich traue ich allen Fahrern zu, Akzente zu setzen, sonst wären sie nicht bei uns. Wir haben das Team so zusammengestellt, dass wir auch mit den neuen Fahrern konkurrenzfähig sein werden. Ich sehe das sehr positiv und freue mich auf die Saison.

rad-net Rose hat in der Vergangenheit viele Sportler entwickelt, die später in die WorldTour aufgestiegen sind. Warum konnte das Team in diesem Winter keinen der Junioren, die bei WM oder EM im Einsatz waren, verpflichten? Sie waren ja immer eine gute Adresse für junge Fahrer…
Grabsch: Wir können nicht immer ein Abo auf jedes deutsche Talent beanspruchen. Die anderen Teams in Deutschland schlafen auch nicht, versuchen sich, mit jungen deutschen Sportlern weiterzuentwickeln und wollen starke U23-Teams aufbauen. Wir haben eine Vielzahl an tollen jungen Sportlern, denen haben wir auch die Chance gegeben, bei uns im Team zu fahren. Ich wurde in der Vergangenheit auch dafür gelobt, dass ich Fahrer gesichtet habe, die bei den Junioren noch nicht in Erscheinung getreten sind und bei denen sich jeder gefragt hat, was die für uns für einen Nutzen hätten. Und dann sind die Jungs super gefahren. Das zeichnet im Endeffekt unsere Arbeit aus, dass wir ein Auge für Juniorenfahrer haben, die noch nicht in Erscheinung getreten sind und diese entwickelt. Auch wenn wir keine Juniorenfahrer verpflichtet haben, die im letzten Jahr bei EM oder der WM fuhren, heißt es nicht, dass wir schlecht dastehen.

Wann und wo wird das Team in die Saison einsteigen? Was sind die voraussichtlichen Highlights im Rennkalender?
Grabsch: Wir steigen in der Türkei mit der Tour of Antalya und einigen Eintagesrennen ein, dann geht es nach Kroatien, wo wir auch die Eintagesrennen bestreiten, und dann die Istrian Spring Trophy. Für unsere Bahnabteilung stehen Rennen auf Mallorca an und als erstes Highlight schließlich die Tour de Normandie. Höhepunkte für die Bahnfahrer werden die Weltcup-Rennen sein, da sie dort Punkte holen müssen, dazu die European Games in München und die WM in Frankreich im Oktober. Auf der Straße sind es die Meisterschaften auf nationaler Ebene und die Bundesligarennen. Gerade die Rad-Bundesliga hat einen hohen Stellenwert, ich bin ein absoluter Fürsprecher der Serie. Wenn man dort vorne mitfahren kann, finden die Jungs auch schnell Anschluss an die internationale Spitze. Dazu ist die Deutschland Tour das Highlight schlechthin, außerdem noch Rund um Köln und der Münsterland Giro sowie Eschborn-Frankfurt der U23.

Wie setzt sich die Sportliche Leitung in diesem Jahr zusammen?
Grabsch: Sie ist ähnlich besetzt wie im Vorjahr. Neu ist Tim Zühlke, der von Sven Meyer das Amt als Bahn-Bundestrainer übernommen hat. Tim ist eine sehr große Bereicherung.

Was hat sich im Winter sonst noch getan?
Grabsch: Die Mehrzahl unserer Sponsoren halten uns weiter die Stange. Wir sind sehr stolz, dass wir so professionelle Partner haben. Etwa mit Radhersteller Rose, der von Anfang an unser Ausrüster ist, oder Casco. Auch DT Swiss hält uns seit Jahren die Treue, das ist nicht selbstverständlich, wir haben gute Partnerschaften und die sollen weiter aufrecht erhalten werden. Neu ist BioRacer als Rennbekleider hinzugekommen. Da sind wir super ausgerüstet.

Was sind die sportlichen Ziele für 2022?
Grabsch: Wir wollen im U23-Bereich auf der Straße bei den nationalen Meisterschaften und auf der Bahn Medaillen holen. Auf der Bahn ist es das Ziel, auch bei den European Games und der Weltmeisterschaft vorne reinzufahren. Auf der Straße wollen wir auch bei der Bundesliga mit unserem jungen Team vorne dabei sein, wenn wir dann noch bei der Deutschland Tour wieder so offensiv fahren, dann bin ich sehr zufrieden.

Rad-Bundesliga oder internationale Renneinsätze: Worauf wird das Team den Schwerpunkt legen?
Grabsch: Die Rad-Bundesliga hat höchste Priorität. Sich mit der nationalen Konkurrenz zu messen ist extrem wichtig. Hier kann man zeigen, was in einem steckt. Darauf kann man schließlich aufbauen für internationale Rennen.

Wodurch zeichnet sich Ihr Team generell aus?
Grabsch: Wir sind ein Ausbildungsteam, in dem sich neue Sportler langfristig entwickeln können. Da haben wir optimale Bedingungen und können den Sportlern jede Menge bieten, das macht uns einzigartig. Auch auf der Bahn können sich bei uns junge Sportler sehr gut entwickeln, dazu haben wir auf der Bahn mit den Ü23-Sportlern eine sehr gute Basis, die unsere Philosophie sehr gut ergänzt. Diese Philosophie haben wir über Jahre aufrecht erhalten und daran soll sich auch nichts ändern

Wie sehen Sie die langfristige Perspektive für Ihr Teams? Wird es in der jetztigen Form, mit der Zweiteilung von Straße und Bahn - auch in der Zukunft ein Erfolgsmodell sein?
Grabsch: Die langfristige Perspektive läuft bis Paris (Olympische Spiele), wo primär unsere Bahnsportler zum entsprechenden Höhepunkt die Möglichkeiten haben sollen, dass sie ihr Potenzial maximal ausschöpfen. Das Erfolgsmodell wird weiterhin so sein, dass wir Bahn und Straße zusammen haben. Die Bahnjungs fahren jetzt ja wie angesprochen mehr auf der Straße, dadurch können wir besser kombinieren, im Mix können wir super Rundfahrten oder Eintagesrennen bestreiten und man kann sich gegenseitig unterstützen. Das soll die Erfolgsformel für 2024 sein, dass man sich gegenseitig motivieren kann, um das höchstmögliche Level abzurufen. Das Ziel ist auch, Fahrer zu entwickeln, die es in die WorldTour schaffen. Zu sehen, wie die jungen Sportler an sich arbeiten, wie sie stärker werden, das macht mir sehr viel Spaß.  Es ist kein Selbstläufer, dass Jungs aus dem U23-Bereich automatisch den Sprung nach oben schaffen.  Ich würde mich freuen, wenn wir in Zukunft einen Anteil daran haben, dass sie sich auf höchster Ebene weiterentwickeln können. 

Ähnliche Ziele verfolgen auch die anderen deutschen Kontinental-Teams. Wie groß ist da die Rivalität?
Grabsch: Ich bin froh, dass es diese Teams gibt, die ja auch eine super Arbeit machen. Man muss Teams wie Lotto – Kern Haus, Sauerland und P&S loben. So ist man auch im heimischen Lager konkurrenzfähig, man kann sich pushen, deshalb sind die Rad-Bundesliga-Rennen so wichtig und haben einen hohen Stellenwert. Auch die internationalen Devo-Teams sind Konkurrenz, aber wir verlieren nicht massig Fahrer dorthin, sondern höchstens vereinzelt. Wir haben genug Platz für alle in den Teams. Es sieht auch ganz gut aus, dass wir  auf internationaler Ebene mit der Nationalmannschaft Akzente setzen können.

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