RSNplusSaisonvorschau BikeExchange-Jayco

Später Transfer-Coup für die Jagd nach dem schnellen Erfolg

Von Daniel Brickwedde

Foto zu dem Text "Später Transfer-Coup für die Jagd nach dem schnellen Erfolg"
Das Team BikeExchange - Jayco vor dem Start der Saudi Tour. | Foto: Cor Vos

09.02.2022  |  (rsn) - Auch diesmal nehmen wir zu Saisonbeginn die 18 WorldTour-Teams unter die Lupe: Wie lief es im vergangen Jahr, welche Veränderungen gibt es in den Aufgeboten, was ist in der neuen Saison von BikeExchange - Jayco zu erwarten?

BikeExchange - Jayco ist inzwischen nicht mehr das Spitzenteam vergangener Jahre. Für die Bilanz war zuletzt fast ausschließlich Simon Yates zuständig. Der australische Rennstall kann deshalb neue Impulse gut gebrauchen. Für die soll Neuzugang Dylan Groenewegen sorgen.

Rückblick auf die Saison 2021

Es war statistisch das schlechteste Jahr der Teamgeschichte: Nur neun Siege fuhr BikeExchange ein, 2019 waren es noch 34 gewesen. Und auf WorldTour-Ebene gelangen gerade einmal zwei Erfolge: Zum Etappensieg durch Esteban Chaves bei der Katalonien-Rundfahrt kam ein Tagessieg von Simon Yates beim Giro d’Italia, den er zudem auf Platz drei beendete. Zusammen mit seinem Gesamtsieg bei der Tour of the Alps sorgte der Brite quasi alleine dafür, dass die Saison nicht als Desaster endete.

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BikeExchange hatte mit Adam Yates, Jack Haig, Daryl Impey und Edoardo Affini allerdings auch namhafte Abgänge zu verkraften. Diese Lücke sollte unter anderem Rückkehrer Michael Matthews füllen. Doch der sprintstarke Klassikerspezialist blieb im Vorjahr glücklos: Bei der Tour erreichte er vier Top-fünf-Ergebnisse, dazu Platz sechs bei Mailand-San Remo und Rang vier bei Gent-Wevelgem – ein Sieg gelang ihm nicht.

Die wichtigsten Zu- und Abgänge


Kann Michael Matthews wieder an die guten Zeiten anknüpfen? Im letzten Jahr trug er zwar vor dem Start der 2. Etappe das Grüne Trikot der Tour, aber nur in Vertretung von Julian Alaphilippe, der in Gelb startete. Viel mehr gelang dem Australier nicht. | Foto: Cor Vos

Der Umbruch in der Mannschaft geht weiter. Mit dem 37-jährigen Brent Bookwalter verabschiedete sich ein Routinier in den Ruhestand, Chaves zog es nach acht Jahren im Team zu EF Education - EasyPost. Die Abgänge von Andrey Zeits (Astana) und Mikel Nieve (Caja Rural) bedeuten vor allem einen Verlust an Erfahrung. Als routinierter Helfer soll künftig Lawson Craddock (EF Education – EasyPost) diese Lücke füllen.

Ansonsten stoßen vor allem Talente zum Team: Der 24-jährige Matteo Sobrero kommt von Astana, noch jünger sind der Schweizer Alexandre Balmer (21, Development Team Groupama - FDJ), Jesús David Peña (21, Colombia Tierra de Atletas) und Campbell Stewart (23, Black Spoke). Für dieses Trio geht es vor allem darum, sich 2022 im Profiradsport zurechtzufinden. Mit der überraschenden Verpflichtung von Dylan Groenewegen (Jumbo - Visma) gelang dem Management spät aber doch noch ein Transfercoup.

Im Fokus: Dylan Groenewegen

Zwar sorgte der Transfer des Sprinters für Schlagzeilen, doch wo Groenewegen leistungsmäßig derzeit steht, ist nicht ganz klar. Als Verursacher des lebensgefährlichen Sturzes von Fabio Jakobsen bei der Polen-Rundfahrt 2020 musste der Niederländer neun Monate pausieren. Sein Wiedereinstieg ab Mai 2021 verlief holprig, drei Siege gelangen Groenewegen bei kleineren Rennen. Jumbo - Visma ließ ihn trotz bestehenden Vertrags nun ziehen. Für BikeExchange ist er hingegen genau das, was das Team derzeit braucht: ein Siegertyp – zumindest auf dem Papier. Die neue Umgebung könnte sich für den 28-Jährigen als hilfreich erweisen, wieder auf sein altes Niveau zu kommen.

Mit Amund Gröndahl Jansen befindet sich sein ehemaliger Anfahrer bereits im Team, auch Luka Mezgec kann ein wichtiger Baustein sein. BikeExchange - Jayco ist für die Sprintunterstützung also gut aufgestellt. Mit dem Wechsel verbindet Groenewegen die Hoffnung, wieder an den großen Rennen wie der Tour de France teilzunehmen. Das wird mit BikeExchange möglich sein. Ob er das Vertrauen mit Siegen bestätigt, wird sich zeigen. Der Start war zumindest vielversprechend.

 


Dylan Groenewegen legte bei seinem neuen Team einen Traumstart in die Saison hin. Der Niederländer gewann zwei Etappen der Saudi Tour und das Grüne Trikot. | Foto: Cor Vos

Aufgepasst auf ... Matteo Sobrero

Italien mangelt es derzeit nicht an guten Zeitfahrern. Da wäre Edoardo Affini zu nennen oder Mattia Cattaneo – und natürlich Filippo Ganna, der zweimalige Weltmeister in dieser Disziplin. Sie alle wurden allerdings im Vorjahr auf dem 45 Kilometer langen Kurs der nationalen Meisterschaft von Sobrero geschlagen. Zuvor hatte er bereits mit Platz vier im Abschlusszeitfahren des Giro d‘ Italia seine Klasse auf dem Zeitfahrrad gezeigt. Dass in dem 24-Jährigen noch weitere Talente schlummern, bewies Sobrero auch mit Gesamtrang drei bei der Slowenien-Rundfahrt hinter dem UAE-Duo Diego Ulissi und Tadej Pogacar. Aber vor allem im Kampf gegen die Uhr ist ihm 2022 die eine oder andere Überraschung zuzutrauen.

Ausblick auf die Saison 2022

Der Neuaufbau der australischen Equipe ist unübersehbar, an vielen Stellen weist der Kader noch Nachbesserungsbedarf auf. Eine Saisonausbeute von 30 oder mehr Siegen, wie es bis 2019 üblich war, ist derzeit unrealistisch. Es fehlt in der Breite an Siegfahrern. Allerdings verfügt das Team auch nicht mehr über die finanziellen Möglichkeiten wie noch vor einigen Jahren. Nach der gescheiterten Übernahme 2020 durch die Manuela Fundación hat Eigentümer Gerry Ryan zunächst seine Unterstützung als Hauptsponsor nur bis Ende 2022 zugesagt. Das Management sucht nach weiteren Geldgebern.

In der Teamleitung sind die Hoffnungen daher groß, dass sich die Verpflichtung von Groenewegen als dringend benötigter Erfolgsimpuls erweist. Erreicht er sein altes Niveau, sind die Aussichten auch bei den Grand Tours vielversprechend, der Niederländer würde auf Anhieb zur wichtigsten Figur neben Yates aufsteigen. BikeExchange muss jedoch für klare Verhältnisse in den Ambitionen zwischen Groenewegen und Matthews sorgen, gerade mit Blick auf die Tour de France birgt das möglicherweise Konfliktpotenzial.


Matteo Sobrero konnte bei den Italienischen Meisterschaften als Sieger im Einzelzeitfahren schon zeigen, dass mit ihm zu rechnen ist. | Foto: Cor Vos

Der mittlerweile 31 Jahre alte Matthews braucht zudem ein wenig mehr Fortune als im Vorjahr, um wieder Siege einzufahren. Allerdings sieht sich der Australier in seiner Domäne als sprintstarker Allrounder inzwischen von Konkurrenten wie Wout Van Aert überflügelt. Bei den Frühjahrsklassikern kommt ihm dennoch die Kapitänsrolle zu. Gute Platzierungen bei Rennen wie Gent-Wevelgem oder dem Amstel Gold Race sind möglich, insgesamt hat das Team für die Klassiker aber deutlich an Schlagkraft eingebüßt – wobei sich Matthews immerhin der Unterstützung erfahrener Teamkollegen wie Luke Durbridge, Christopher Juul Jensen, Jack Bauer oder auch Mezgec gewiss sein kann. Zu den Hauptprotagonisten im Frühjahr zählt BikeExchange aber nicht mehr.

Bei den großen Landesrundfahrten ist das hingegen anders – Yates sei Dank. Es wundert nicht, dass der Brite für maximalen Erfolg sowohl den Giro als auch die Tour angehen soll. In Italien will Yates die Gesamtwertung anpeilen, bei der Tour Etappensiege. Zumindest kommt dem Kletterspezialisten die Giro-Route mit nur etwa 26 Zeitfahrkilometern entgegen. Ebenfalls hilfreich: Egan Bernal, Tadej Pogacar und Primoz Roglic konzentrieren sich allesamt auf die Tour. Dadurch steht Yates beim Giro zumindest kein übermächtiger Gegner im Weg.

Mit dem Esten Tanel Kangert sowie Lucas Hamilton stehen ihm zwei kletterstarke Helfer zur Verfügung – aber auch in diesem Bereich war BikeExchange schon mal deutlich besser aufgestellt. Zudem ist Yates auch für Resultate bei einwöchigen Etappenrennen zuständig. Denn außer Hamilton, im Vorjahr immerhin auf Rang vier bei Paris-Nizza, finden sich keine weiteren Klassementfahrer im Aufgebot.


Simon Yates belegte beim Giro hinter Damiano Caruso (v.l./Bahrain Victorious) und Egan Bernal (Ineos Grenadiers) den 3. Platz in der Gesamtwertung. Der Brite ist der letzte starke Rundfahrer im nun auf Sprints und Klassiker umgebauten Team.

Ansonsten stechen wenige Fahrer aus dem Kader heraus. Neuzugang Sobrero könnte im Zeitfahren Akzente setzen, der 23-jährige Kaden Groves hofft auf seinen Durchbruch als Sprinter, wobei die Ankunft von Groenewegen seine Chancen nicht gerade erhöhen. Insgesamt wird BikeExchange darauf bauen müssen, dass sich mit Groenewegen die neue Sprintstärke auszahlt. Und dass Yates einmal mehr ein gutes Jahr erwischt.

Eckdaten:
Land: Australien
Sponsor: BikeExchange, Jayco
Branche: Online-Fahrradhandel, Wohnwagenproduktion
Manager: Brent Copeland
Radausrüster: Giant
Teamranking 2021: 19
Siege 2021: 9
Fahrer im Aufgebot: 29

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