Kommentar

Auf- und Abstieg passen nicht zum Radsport

Von Christoph Adamietz

Foto zu dem Text "Auf- und Abstieg passen nicht zum Radsport"
Nach der Installierung eines Auf- und Abstiegssystems im Profiradsport steht die Jagd nach Siegen nicht immer im Vordergrund. | Foto: Cor Vos

12.11.2022  |  (rsn) – Noch sind die Absteiger aus der WorldTour nicht offiziell bestätigt, auch wenn es gemäß der sportlichen Kriterien Lotto Soudal und Israel – Premier Tech treffen müsste. Doch schon jetzt lässt sich sagen, dass im Vergleich zu anderen Sportarten das Auf- und Abstiegsprinzip im Radsport eher nicht funktioniert.

Während das System in anderen Sportarten für Spannung sorgt, ist es im Radsport aus verschiedenen Gründen fehl am Platz. Da der Radsportweltverband UCI einen Dreijahreszyklus festgelegt hat, kann ein Team auch nur alle drei Jahre auf- oder absteigen. In allen anderen Sportarten können Absteiger sofort ihre Rückkehr in die erste Liga anpeilen, Radsport-Teams dagegen – und mit ihnen ihre Sponsoren - haben diese Möglichkeit nicht.

Das ist deshalb problematisch, weil im Radsport fast ausschließlich Sponsoren die Teams finanzieren. Zudem können sie keine Einnahmen über Ticketverkäufe für die Rennen generieren, erhalten kaum TV-Gelder und können auch nur selten Ablösesummen erzielen. Durch das neu geschaffene Auf- und Abstiegssystem geraten Mannschaften, die ihren Platz in der WorldTour einbüßen, nun in Gefahr, auch ihre Geldgeber zu verlieren und stehen von jetzt auf gleich vor dem Aus.

Der wirtschaftliche Faktor zählt mehr als der sportliche

Derzeit wird Lotto Soudal auf Position 19 der Weltrangliste geführt und hat damit auch als ProTeam im kommenden Jahr Startrecht bei allen WorldTour-Rennen – für die Belgier ändert sich also wenig bis nichts. Israel – Premier Tech dagegen belegt nur Platz 21 und ist somit für Starts bei den großen Landesrundfahrten auf Wildcards angewiesen. Hätte das Team nur eine Position schlechter abgeschnitten, würde das sogar auf alle WorldTour-Rennen zutreffen.

Auch aus wirtschaftlicher Sicht scheint das neu installierte System nicht zu funktionieren. Im Fußball beispielsweise können auch kleinere und finanziell schwächere Teams in die zweite oder gar erste Liga aufsteigen, sofern sie eine Lizenz erhalten. Dabei gibt allerdings die sportliche Leistung den Ausschlag. Hat ein Team sich für die höhere Liga qualifiziert, dann spielt es dort in der Regel auch. Im Radsport dagegen ist der sportliche Faktor nur einer von mehreren und zudem weniger bedeutsam als der finanzielle Aspekt. Und das (leider) folgerichtig.

Denn um auf WorldTour-Niveau zu fahren, braucht es ein entsprechendes Budget. Wenn der Hauptsponsor nicht gewillt ist, pro Saison einen hohen einstelligen oder besser noch zweistelligen Millionenbetrag zu zahlen, so ist ein Aufstieg fast unmöglich, selbst wenn ein Zweitdivisionär zuvor eine überragende Saison absolviert haben sollte.

Im Radsport geht es nur um Auf- und Abstieg

Das Auf- und Abstiegssystem mag im ersten Dreijahreszyklus einen gewissen Anreiz geschaffen haben, da es mehr als 18 Bewerber für die WorldTour-Lizenzen gab. In der Vergangenheit war es allerdings nicht selten so, dass kaum 18 Teams das Budget für die WorldTour aufbringen konnten. So wäre es sinnvoller, wenn der Radsportweltverband UCI allen Mannschaften eine Lizenz erteilen würde, welche die wirtschaftlichen und ethischen Kriterien erfüllen könnten, so würden auch keine Geldgeber verprellt.

Als eine Begründung für die Reduzierung der WorldTour auf 18 nannte die UCI, dass so die Felder kleiner und die Rennen sicherer würden. Häufig sind schwere Stürze aber nicht die Folge zu großer Fahrerfelder, sondern viel eher teils irrwitziger Streckenführungen, die unnötige Gefahren heraufbeschwören. Der Radsportweltverband sollte viel eher bei diesem Thema, das auch immer wieder von Teams und Fahrern angemahnt wird, aktiv werden.

Problematisch ist auch das Punktesystem, auf dessen Basis über Auf- und Absteiger entschieden wird. In anderen Sportarten gibt es für jeden Sieg die identische Punktzahl, ganz gleich, ob der Gegner FC Bayern München oder FC Augsburg heißt. Im Fußball, aber auch in anderen Sportarten, werden Punkte gesammelt, weil man am Saisonende ein Ziel erreichen will: sei es, nicht abzusteigen, sich für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren oder Meister zu werden. Im Radsport dagegen geht es nur um Auf- und Abstieg.

Lotto Soudal gewinnt 25 Rennen und muss dennoch absteigen

Für die Top-Teams schafft ein solches System keinen zusätzlichen Anreiz. Und für die schwächeren WorldTour-Mannschaften entsteht dadurch sogar ein falscher Anreiz. Schließlich sollten Radrennen mit dem Ziel bestritten werden, diese zu gewinnen. Durch das Punktesystem im Radsport werden nun aber andere Prioritäten gesetzt. Lotto Soudal etwa fuhr 25 Saisonsiege ein – nur sechs Teams waren erfolgreicher -, wird aber dennoch absteigen. Andere Teams dagegen verfolgten den Plan, mehrere Fahrer auf die vorderen Plätze eines Rennens zu bringen, da in der Addition dafür oftmals mehr Punkte ausgeschrieben sind als für einen Sieg.

Zudem sollten die Top-Teams ihre besten Fahrer bei den wichtigsten Rennen einsetzen. Das aktuelle Punktesystem sorgt allerdings dafür, dass abstiegsbedrohte Teams ihre Kapitäne eher zu kleineren Rennen schicken. Ein Vergleich dazu: Ein Etappensieg bei der Tour de France wird mit 120 Punkten belohnt, für einen Sieg bei einem Rennen der Kategorie 1.1 dagegen gibt es 125 Punkte.

So nominierten einige Teams nicht ihre bestmöglichen Aufgebote für die großen Rennen, sondern für diejenigen, bei denen die Chancen auf viele Punkte am besten standen. Im Fußball wäre es kaum vorstellbar, dass eine Mannschaft in der Champions League auf ihre besten Spieler zugunsten eines Bundesligaspiels verzichtet.

Die UCI muss dringend nachbessern

Diese neue Vorgehensweise der Radsport-Erstdivisionäre geht zudem zu Lasten der Kontinental-Mannschaften, die sich in dieser Saison bei kleineren Rennen nicht selten bis zu zehn Erstdivisionären gegenübersahen. Für die jungen Fahrer der Drittdivisionäre ist es sicherlich eine spannende Herausforderung, sich mit WorldTour-Profis zu messen. Sportliche Erfolgserlebnisse waren dabei allerdings Mangelware.

Ein weiterer problematischer Punkt ist, dass nur die Ergebnisse der zehn besten Fahrer eines Teams für die Rangliste zählen. Dies wirkt sich auch auf das Rennprogramm der anderen rund 20 Profis aus, da diese in den Rennen weniger Freiheiten erhalten. So klagten in der zurückliegenden Saison mehrere dieser Fahrer darüber, dass sie entweder nur wenig eingesetzt oder zu Rennen geschickt wurden, die ihnen nicht liegen.

All das zeigt zweierlei: Die UCI muss dringend das Punktesystem nachbessern. Und ein System von Auf- und Abstieg passt nicht zum Radsport, wie er derzeit strukturiert ist.

 

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