Vorschau auf das WM-Zeitfahren der Frauen

Top-Favoritinnen mit Fragezeichen, Niedermaier Medaillenhoffnung

Von Sebastian Lindner

Foto zu dem Text "Top-Favoritinnen mit Fragezeichen, Niedermaier Medaillenhoffnung"
Reicht es in Kigali zum ersten WM-Zeitfahrgold? Marlen Reusser ist eine der großen Favoritinnen. | Foto: Cor Vos

17.09.2025  |  (rsn) – Ohne Titelverteidigerin muss das diesjährige WM-Zeitfahren der Frauen in Kigali auskommen. Das liegt daran, dass sich Grace Brown partout nicht wollte umstimmen lassen und das Rennrad – zumindest auf professioneller Ebene – auf dem Höhepunkt ihrer Karriere an den Nagel hängte. Namen, die den vakanten Titel gerne für sich beanspruchen würden, gibt es reichlich. Zwei aber haben im Kampf der Favoritinnen die Nase relativ deutlich vorn.

Marlen Reusser (Schweiz) und Demi Vollering dürften mit Blick auf den Kurs, der mit 31,2 Kilometern Länge und 460 Höhenmetern mindestens mal der schwerste der jüngeren Vergangenheit ist, sich größere Chancen ausrechnen als etwa Chloe Dygert, die auch mit weniger Höhenunterschied im Profil zufrieden gewesen wäre. Ganz außer Acht lassen darf man die zweimalige Weltmeisterin aus den USA aber gewiss nicht.

Im Vorjahr war Dygert Dritte, als es 2023 in Schottland im Finale einen gepflasterten Anstieg rauf zur Ziellinie an der Burg von Stirling ging, holte sie sich das Regenbogentrikot. Bei fünf Starts landete sie bei einem nicht beendeten Rennen vier Mal unter den besten Vier, drei Mal auf dem Podium. Dygert weiß also, wie man auf den Tag genau fit ist.

Regenbogen-Allergie bei Reusser?

Die Gesundheit machte Reusser hingegen zuletzt immer wieder einen Strich durch die Rechnung. 2024 verpasste sie sowohl Olympia als auch die Heim-WM in Zürich wegen eines Post-Covid-Syndroms. 2025 fand sie zurück zu alter Stärke – und mehr: Die 33-Jährige legte deutlich verbesserte Berg-Qualitäten an den Tag und mauserte sich so zu einer Podiums-Kandidatin bei Grand Tours. Den Giro beendete sie als Zweite nur 18 Sekunden hinter Elisa Longo Borghini. Schon vor den beiden letzten Etappen soll sich allerdings ein Virus im Körper der Ausnahmeathletin eingenistet haben.

Zwei Wochen später zur Tour de France hatte der sich dann richtig breitgemacht. Reusser stieg während der 1. Etappe völlig entkräftet vom Rad und gab auf, noch bevor die Rundfahrt richtig Fahrt aufgenommen hatte. “Ich bin die beste Saison meines Lebens gefahren, bis ich krank wurde“, sagte sie dem SRF vor einigen Tagen nach der Nominierung. “Es war plötzlich der Wurm drin. Es ist keine ideale Vorbereitung auf die WM, aber jetzt will ich das Beste daraus machen und den Hahn noch aufdrehen.“

Wie viel dabei am Ende herauskommt – und wie viel Understatement in der Aussage steckt – wird sich erst am Sonntag zeigen. Was die Vergangenheit allerdings gezeigt hat: Reusser scheint neben immer wieder auftretenden gesundheitlichen Problemen auch eine Art Regenbogen-Allergie zu haben. Denn zu Weltmeister-Ehren hat es die siebenmalige Starterin noch nicht gebracht. Dabei hat sie die Hälfte ihrer 32 Profisiege im Kampf gegen die Uhr eingefahren.

Auch hinter Vollering ein kleines Fragezeichen

Weltmeisterin war auch Vollering noch nicht. Siege im Zeitfahren hat aber auch sie schon eingefahren, wenngleich die verglichen mit der weiteren Erfolgsliste weniger auffallen. Das kurze Zeitfahren der Tour de France 2023 gehört dazu. Und vor einem Jahr in Zürich holte sie Silber. Den Ruf einer Spezialistin hat Vollering nicht. Das zeigt sich auch darin, dass sie in dieser Saison kein einziges Einzelzeitfahren bestritten hat (was allerdings auch für Dygert gilt). Auf dem Zeitfahrrad saß sie lediglich einmal, als zur Eröffnung der Vuelta ein Team-Wettbewerb auf dem Programm stand.

Dennoch hat sich Vollering – so wie Reusser am Berg – im Zeitfahren gemausert. Die zwei langen Anstiege und der etwas kürzere, durch eine Abfahrt geteilte im Finale dürften ihr mehr zupass kommen als allen anderen Kandidatinnen für Edelmetall. Allerdings steht auch hinter dem Gesundheitszustand der 28 Jahre alten Niederländerin ein kleines Fragezeichen. Mitte August sagte Vollering die Tour de Romandie krankheitsbedingt ab. Somit ist auch bei ihr die Tour de France der bisher letzte Wettkampf.

Niedermaier deutscher Medaillenhoffnung 

Profitieren von der vielleicht nicht optimalen Fitness der großen Favoritinnen die Frauen aus der Reihe dahinter? Breit ist die Riege derer jedenfalls, die auf eine Schwäche der Spitzenkräfte hoffen. Vollerings Landsfrau Anna van der Breggen gehört dazu, genau wie die beiden Französinnen Juliette Labous und Cédrine Kerbaol. 

Hier und dort wird auch über doppeltes Zeitfahr-Edelmetall in der Familie Pogacar spekuliert: Der Verlobten des Überfliegers, Urska Zigart, werden auf dem Kletterkurs durchaus Außenseiterchancen eingeräumt. Auch die Britin Anna Henderson, Brodie Chapman aus Australien und Monica Trinca Colonel aus Italien könnten unter Umstände ins Medaillenrennen eingreifen.

Und das gilt auch für Antonia Niedermaier. Die amtierende U23-Weltmeisterin, die mit ihrer Fahrt von Zürich auch Vierte bei der Elite wurde, geht durchaus mit der Hoffnung auf Edelmetall ins Rennen. “Es ist eine sehr anspruchsvolle Strecke, ziemlich bergig, aber das liegt mir", sagte die 22-Jährige, die in dieser Saison erstmals Deutsche Zeitfahrmeisterin in der Eliteklasse wurde.

Mehr Informationen zu diesem Thema

18.11.2025Aserischer Nachwuchsfahrer positiv auf “Crystal Meth“

(rsn) – Der Radsportweltverband UCI hat Nachwuchsfahrer Artyom Proskuryakov vorläufig suspendiert. Grund ist nach Angaben der UCI eine positive Dopingprobe, die der 18-jährige Aserbaidschaner bei

12.11.2025Tour du Rwanda ab 2027 mit WorldTour-Status?

(rsn) – Der Radsportweltverband UCI hat trotz der Kritik an der WM-Vergabe an ein autokratisch regiertes Land die vergangene Straßen-Weltmeisterschaften sowohl aus sportlicher als auch aus organisa

30.09.2025Keine Medaille in Ruanda: German Cycling muss umdenken

(rsn) – Ohne eine einzige Medaille ist German Cycling von den Straßen-Weltmeisterschaften in Ruanda abgereist. Seit der Wiedervereinigung ist der deutsche Straßenradsport nur in einem einzigen Jah

29.09.2025Saison für Van Wilder nach Sturz im WM-Straßenrennen beendet

(rsn) – Er wird letztlich nicht entscheidend für die Vergabe von Gold und Silber gewesen sein, doch der Ausfall von Ilan Van Wilder als mutmaßlich wichtigstem Helfer von Remco Evenepoel war schon

29.09.2025Pogacars Rekordjagd geht weiter: “Durchhalten ist die einzige Option“

(rsn) – Es war eine schnelle Nummer. Das Rennen an sich einerseits. Knapp 270 Kilometer mit 5500 Höhenmetern. 6:21 Stunden benötigte Weltmeister Tadej Pogacar dafür. Trotz enormer Länge und Höh

29.09.2025Healy fuhr mit einem speziellen Rennanzug aufs WM-Podium

(rsn) – “Es ist ein besonderes Bild“, sagte Ben Healy. Da kam er gerade von der Siegerehrung am Convention Center von Kigali und war auf dem Weg zur Pressekonferenz. “Viele der Großen sind da

28.09.2025Ayuso bleibt am längsten Berg als einziger an Pogacar dran

(rsn) – Juan Ayuso hat es am Mont Kigali 104 Kilometer vor dem Ziel des WM-Straßenrennens als einziger Fahrer geschafft, direkt am Hinterrad von Tadej Pogacar zu bleiben und mit ihm die Abfahrt in

28.09.2025Skujins glänzt auch in Kigali: “Habe Gewichtsklasse 70+ gewonnen“

(rsn) – Toms Skujins hat bei den Weltmeisterschaften in Ruanda einmal mehr unter Beweis gestellt, dass er wohl einer der unterschätztesten Fahrer im gesamten Peloton ist. Der Lette wurde nach Platz

28.09.2025Sattel-Drama kostet Evenepoel die Chance aufs WM-Double

(rsn) – Remco Evenepoel war am Boden zerstört. Im Ziel des WM-Straßenrennens von Kigali setzte sich der Belgier an die Bande und blickte minutenlang schwer enttäuscht nach unten. Es dauerte, bis

28.09.2025Hirschi schon 90 Kilometer vor dem Ziel im “Überlebenskampf“

(rsn) – Für die Schweiz sind am Sonntag ziemlich erfolgreiche Weltmeisterschaften zu Ende gegangen. Vier Medaillen – ein Mal Gold, ein Mal Silber und zwei Mal Bronze – nehmen die Eidgenossen mi

28.09.2025Roglic: “Bin glücklich, dass ich das Rennen beendet habe“

(rsn) – Der alte und neue Weltmeister Tadej Pogacar aus Slowenien kann offensichtlich nicht anders, als die internationale Konkurrenz durch lange Solo-Ritte bei Welttitelkämpfen zu düpieren. Ähnl

28.09.2025Highlight-Video des WM-Straßenrennens der Männer

(rsn) – Tadej Pogacar hat seinen WM-Titel aus Zürich mit einem 67-Kilometer langen Solo in Kigali verteidigt. Der Slowene eröffnete 104 Kilometer vor dem Ziel am Mont Kigali das Finale und ließ d

Weitere Radsportnachrichten

23.10.2026Ausblick auf die Cross-Saison 2026/2027

(rsn) – Am Sonntag beginnt in Overijse mit der Superprestige die erste der drei großen Serien – und damit fängt auch der Cross-Winter 36 Tage vor dem meteorologischen so richtig an. Die ersten R

23.10.2026Rockets zielen mit Präsenz und Coolness zugleich auf Tour-Wildcard

(rsn) – 2026 haben die Unibet – Rose Rockets beim Giro d´Italia ihr Grand-Tour-Debüt gegeben und dort mit ihrem starken Sprintzug um Dylan Groenewegen vor allem auf den Flachetappen einen imposa

23.10.2026Nedbank Gravel Burn: Schweres Etappenrennen als Saisonabschluss

(rsn) – Nach den UCI Gravel-Weltmeisterschaften ist vor dem Gravel Burn. Viele Athleten, die an den Titelkämpfen in Australien teilgenommen haben, scheuten mit ihren Sponsoren und Trade Teams wede

23.10.2026Merlier mit Magnier gemeinsam zur Tour? “Habe sicher nichts dagegen“

(rsn) – Mit Tim Merlier und Paul Magnier verfügt Soudal – Quick-Step auch 2027, wenn die Mannschaft in Soudal – Safety Jogger umbenannt werden wird, über zwei absolute Weltklasse-Sprinter mit

23.10.2026Brennan zur Tour? Plugge: “Werden ihn definitiv in Betracht ziehen“

(rsn) – Die großen Teams der Gesamtwertungs-Kandidaten stehen nach der Bekanntgabe der Route für die Tour de France 2027 nun vor vielen wichtigen Gesprächen in den kommenden Wochen, um Pläne zu

23.10.2026Tour-de-France-Finale ohne Fans auf den letzten Kilometern?

(rsn) – Col du Tourmalet mit anschließendem Zeitfahren in Pau 2023. Sportlich knappe Entscheidung und tolle Zuschauer-Kulisse oben in Alpe d´Huez 2024. Französisches Radsportfest um Pauline Ferra

23.10.2026Prudhomme zu EZF-Renaissance: “Geht nicht um bestimmten Fahrer“

(rsn) – 71 Kilometer verteilt auf zwei Einzelzeitfahren – und bis auf die steile, 800 Meter lange Cote de Pech David in Toulouse auch alles sehr flach: Die aerodynamischen Zeitfahrspezialisten dü

23.10.2026Neue Designs für Grün und Weiß: Die Wertungstrikots der Tour 2027

(rsn) – Die Wertungstrikots der Tour de France und der Tour de France Femmes sowie aller weiteren ASO-Rundfahrten werden ab der kommenden Saison nicht mehr von Santini, sondern künftig von Castelli

22.10.2026Alle Etappen im Detail: Die Strecke der Tour de France 2027

(rsn) – Die 114. Tour de France (2.UWT) beginnt am 2. Juli 2027 in der schottischen Metropole Edinburgh und endet nach 21 Etappen am 25. Juli in der französischen Hauptstadt Paris. Die Profis müss

22.10.2026Alle Etappen im Detail: Die Strecke der Tour de France Femmes 2027

(rsn) – Die 6. Ausgabe der Tour de France Femmes (2.WWT) beginnt am 30. Juli 2027 im englischen Leeds und endet nach neun Etappen am 7. August mit einer Bergankunft am Puy de Dome im Zentralmassiv.

22.10.2026Kemna: Schwerste Knochenbrüche nach Sturz vom Dach

(rsn) - Bei Arbeiten auf dem Dach seines Hauses ist Picnic-Sportdirektor Rudi Kemna Beginn dieser Woche schwer gestürzt. Der Niederländer fiel auf eine Stahlkonstruktion und zog sich dabei mehrere W

22.10.2026Evenepoel kann sich freuen: Tour mit zwei Einzelzeitfahren

(rsn) – Etwas mehr als eine Sekunde pro Kilometer hatte Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe) im Einzelzeitfahren der Tour de France 2026 auf Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) gut

RADRENNEN HEUTE
  • Keine Termine