RSNplusStarke Canyon-Taktik im DM-Frauenrennen

Niedermaier musste Czapla zum Sprint überreden

Von Paul Grosch aus Bad Liebenstein

Foto zu dem Text "Niedermaier musste Czapla zum Sprint überreden"
Sprintfinale des DM-Frauenrennens von Bad Liebenstein | Foto: Cor Vos

27.06.2026  |  (rsn) – Am Ende wurde das 70-Kilometer-Solo von Justyna Czapla zwar nicht mit dem Deutschen Meistertrikot belohnt. Doch mit Hilfe ihrer Teamkollegin Antonia Niedermaier von Canyon - SRAM schaffte sie hinter Titelverteidigerin Franziska Koch (FDJ - United Suez) und der zweitplatzierten Liane Lippert (Movistar) überraschend den Sprung aufs Treppchen. Die beiden boten auch taktisch eine starke Leistung.

Czapla hatte bereits 29 Kilometer nach dem Start, zu Beginn der zweiten Runde attackiert. “Wir wollten das Rennen vor allem schwer machen“, erklärte die Deutsche U23-Zeitfahrmeisterin gegenüber RSN im Ziel. Dass sie schließlich über 70 Kilometer Solo vor allen anderen fuhr, sei nie das Hauptziel gewesen.

“So genau haben wir das nicht geplant. Wir wollten so oft wie möglich angreifen, damit eine von uns wegfahren kann und die anderen Fahrerinnen unter Druck geraten. Mit meiner Attacke hat das dann überraschend gut geklappt“, meinte Czapla, deren Angriff Teamkollegin Rosa Klöser mit eigenem Antritt vorbereitet hatte. ___STEADY_PAYWALL___

“Rosa hat vor mir attackiert, dann bin ich noch einmal drübergegangen. Die anderen haben mich dann fahren lassen“, erzählte Czapla, die ihren Vorsprung schnell ausbauen konnte. “Ich hatte dann zweieinhalb Minuten. Das hatte ich so nicht erwartet. Es war überraschend, wie lange ich allein vorne war.“

Mit "den Anderen“ meinte Czapla vor allem die Favoritinnen Koch und Lippert, die mit Niedermaier und Gravel-Ass Nele Laing (Canyon x DT Swiss ATR) eine vierköpfige Verfolgergruppe bildeten. Wobei Niedermaier zunächst keine Führungsarbeit leistete, eben weil Teamkollegin Czapla vornewegfuhr. Die Giro-Zweite konnte so Kräfte für spätere Attacken sparen.

Justyna Czapla (Canyon – SRAM) imponierte mit einem 70-km-Solo im DM-Straßenrennen der Frauen. | Foto: Christian Heilwagen

Die letzte von vier Runden begann Czapla mit knapp 40 Sekunden Vorsprung auf das Quartett. Niedermaier attackierte dann am langen Anstieg insgesamt dreimal, ohne Koch und Lippert jedoch abschütteln zu können. Die starke Laing wiederum schaffte mehrmals den Anschluss. Durch Niedermaiers Attacken kam die Verfolgergruppe Czapla immer näher. Der Zusammenschluss erfolgteaber  erst aus Brotterode heraus, etwa einen Kilometer vor der Bergwertung nach Niedermaiers dritter Attacke.

Auf der Pressekonferenz zeigte Czapla Verständnis dafür, dass ihre Teamkollegin mehrmals attackiert und so ihren Vorsprung verkleinert hatte. “Antonia war schon die Leaderin bei uns im Team heute. Deswegen kann ich auch verstehen, dass das Auto zu ihr sagte, dass sie es selbst probieren solle.“ Taktisch wäre es auch eine Überlegung wert gewesen, dass Niedermaier im unteren Teil des Anstiegs den Rest der Gruppe arbeiten lässt und nur eine Attacke an der steilsten Stelle kurz vor der Bergwertung setzt. Vielleicht wäre sie dann weggekommen?

Czapla spürte,"dass ich nicht durchhalten kann"

Ob Czapla bei mehr Zürückhaltung von Niedermaier sogar solo hätte gewinnen können, ist eine Vermutung, welche die 22-Jährige selber zurückwies. “Ich habe am Ende schon gemerkt, dass ich vorne nicht durchhalten kann und sie mich einholen werden“, sagte Czapla zur Situation. Niedermaier schilderte gegenüber RSN ihre Sicht: “Ich hatte das Gefühl, dass sie das Tempo nicht ganz halten wird. Die Anweisung vom Teamauto war, dass wir im Idealfall zusammen wegkommen sollen.“

Fast hätte Canyon – SRAM ihre Überzahl mit zwei Fahrerinnen in der fünfköpfigen Spitzengruppe noch ausspielen können. Czapla fuhr nach dem Zusammenschluss weiter ihr Tempo, während sich die anderen Fahrerinnen anschauten. Somit entstand wieder eine Lücke.

“Canyon hatte dann zwei in der Gruppe. Da ist man oft besser dran, wenn man nur auf eine Fahrerin reagiert. Wir mussten davor auch schon viel arbeiten“, erklärte Koch im Ziel ihre Herangehensweise. Am Ende war es dann Laing, die mit einer Attacke die erneute Lücke zu Czapla wieder schloss.

Am Ende sprang im Sprint für die Deutsche U23-Zeitfahrmeisterin sogar noch Bronze heraus. | Foto: Christian Heilwagen

Danach war in der Live-Übertragung immer wieder zu sehen, wie sich Czapla und Niedermaier besprachen. “Wir haben ausgemacht, dass wir oben noch einmal abwechselnd attackieren wollen. Antonia hat am Ende dann aber gesagt, dass das wenig Sinn machen würde“, erzählte Czapla gegenüber RSN. “Sie meinte, dass wir im Sprint lieber auf mich setzen sollten. Das hat gut geklappt.“

Dazu musste sie aber von ihrer Mannschaftskollegin mit sanftem Zwang überredet werden. "Ich hatte sie gefragt, ob sie sprinten will. Da hat sie (schüchtern) abgewunken: Lieber nicht", erzählte Niedermaier. Um den Sprint vorzubereiten, setzte die Canyon-Leaderin auf dem letzten Kilometer eine weitere Attacke - "damit das Rennen nicht einschläft. Ich weiß, dass Justyna ein laufender Sprint besser liegt als einer aus dem Stand“, erklärte sie. Was ja auch zutraf!

Das ganze Rennen zeigte sich die Canyon - SRAM als das aktivste Team mit der aggressivsten Taktik. Da aber Koch und Lippert auf alle Angriffe eine Antwort hatten, war klar, dass die Entscheidung im Sprint fallen würde - mit zu erwartendem Ausgang. So machten Czapla und Niedermaier im Finale das Beste aus der Situation. Und hinter der DM-Dritten Czapla und der Fünften Niedermaier rundete Klöser auf Rang acht den beeindruckenden Meisterschaftsauftritt von Canyon - SRAM ab

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