RSNplus“Wir sind rein zum ´stage hunting´ da“

Engelhardt: Voller Stolz im Meistertrikot zum Tour-Debüt

Von Christoph Matt

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Felix Engelhardt strahlt im Meistertrikot nach dem DM-Straßenrennen in Bad Liebenstein. | Foto: Christian Heilwagen

01.07.2026  |  (rsn) - Die Vorfreude auf das erste Juli-Wochenende dürfte bei Felix Engelhardt (Jayco - AlUla) ohnehin groß gewesen sein, seit dem vergangenen Sonntag hat sie sich beim frischgebackenen Deutschen Meister aber wohl noch einmal deutlich gesteigert. Der 25-Jährige startet in diesem Jahr zum ersten Mal bei der Tour de France und darf sich bei seiner Premiere direkt mit dem Meistertrikot schmücken. Allerdings muss er sich damit bis zur 2. Etappe gedulden. Beim Auftakt-Mannschaftszeitfahren gebührt diese Ehre noch Nils Politt, dem Zeitfahrmeister.

“Erleichterung und Aufregung, das ist ja immer der Kindheitstraum. Was man mit dem Radsport verbindet, ist die Tour”, beschrieb Engelhardt seine Stimmung vor der dreiwöchigen Rundfahrt gegenüber RSN. Grand Tours sind für den Wahl-Innsbrucker nicht mehr ganz neu. Schon viermal stand der Deutsche für sein australisches Team in der Aufstellung. Zwei Vueltas und zwei Giros hat er bereits in den Beinen und ist mit den Strapazen über drei Wochen bestens vertraut.

Ein Meistertrikot zu gewinnen, ist für ihn ebenfalls kein Neuland. 2022 krönte er sich zum U23-Europameister. Auf der ganz großen Bühne konnte Engelhardt sich im Meistertrikot bisher aber noch nicht zeigen. “Das ist etwas ganz Besonderes, und ich werde es mit Stolz nach Frankreich tragen”, betonte er nach der Meisterschaft am Sonntag im Thüringer Wald. ___STEADY_PAYWALL___

Bei der Tour Auvergne - Rhone Alpes konnte Engelhardt dieses Jahr schon mal französische Rennluft schnuppern. | Foto: Cor Vos

Für Bekleidungssponsor Maap bedeutete der Last-Minute-Erfolg eine Sonderschicht am Designtisch, um dem frischgebackenen Meister das neue Outfit rechtzeitig auf den Leib zu schneidern. Noch hat die Öffentlichkeit das Design des Meistertrikots nicht gesehen. Innerhalb der Mannschaft wird wegen der neuen Gewandfarbe jedoch nichts umgestellt.

Fokus auf Etappenjagd statt Gesamtwertung

“Am Plan ändert sich eigentlich nicht viel, nur am Trikot”, erklärte der ehemalige KTM - Tirol - Fahrer. “Wir sind rein fürs 'Stage-Hunting' da. Wir haben keinen, der ausgewiesen aufs Gesamtklassement fährt. Wir haben 'Acki' (Pascal Ackermann) für den Sprint und auch Michael Matthews. Aber hauptsächlich sind wir für die Etappen da. Wir werden schauen, dass wir oft in die Fluchtgruppe gehen und von dort aus unser Glück suchen.”

Im modernen Radsport mit Fahrern wie Tadej Pogacar (UAE - Emirates - XRG) ist die Etappenjagd für Engelhardt die logische Konsequenz. Auch wenn die Equipe mit Ben O’Connor im Vorjahr ein Top-10-Ergebnis im Gesamtklassement einfahren konnte und der Australier auch diesmal wieder dabei ist, sieht Engelhardt in Etappensiegen den deutlich größeren Mehrwert:

Ben O'Connor könnte durchaus wieder in die Top 10 im Gesamtklassement fahren, soll aber den Offensivgeist des Teams nicht bremsen. | Foto: Cor Vos

“Wenn du dich auf das Klassement konzentrierst und realistisch gesehen niemanden hast, der aufs Podium fahren kann, dann ist es verschenkte Liebesmüh, dass sich die gesamte Mannschaft drei Wochen lang opfert und du am Ende Neunter wirst. Das bringt dir ergebnistechnisch nicht so viel und punktetechnisch ebenso wenig. Da ist es doch interessanter zu versuchen, eine Etappe zu gewinnen.”

Hoffnungen beim Auftakt in Barcelona

Welche Teilstücke das Team genau im Blick hat, darf oder will der Ulmer noch nicht verraten. Ein potenziell sieghungriger Pogacar könnte den Ausreißerplänen ohnehin schnell einen Strich durch die Rechnung machen. Grundsätzlich ist das Team allerdings gut aufgestellt. Matthews und O’Connor haben bereits Tour-Etappen in ihrem Palmares. Der Schweizer Mauro Schmid schrammte im Vorjahr nur knapp an einem Erfolg vorbei. Für Sprinter Ackermann wiederum wäre ein Tagessieg in Frankreich der letzte Baustein für seine persönliche Grand-Tour-Trilogie – und das seit Jahren gejagte große Karriereziel.

Angestrichen hat sich die Equipe auf jeden Fall den Auftakt in Barcelona. Obwohl es bei der Generalprobe des Mannschaftszeifahrens auf der 3. Etappe der Tour Auvergne-Rhone Alpes nicht für die vordersten Plätze reichte, blickt der Bayer optimistisch auf den Start: “Man will nicht unbedingt immer den besten Zeitfahrspezialisten. Du fährst vorn 30 Sekunden 600 Watt und hängst dann mit 400 Watt hinten drin. Ich fahre mehr Watt im Schnitt bei Mannschafts- als bei Einzelzeitfahren", erklärte Engelhardt.

Das Jayco-Team im Teamzeitfahren der Tour Auvergne-Rhone Alpes. | Foto: Cor Vos

Entscheidend sei die Homogenität: “Wenn man ein oder zwei Ausreißer nach oben hat, hilft das meistens wenig, weil die alle anderen kaputtfahren. Wir trainieren das in allen Trainingslagern und nutzen viel Know-how der australischen Bahnmannschaft, die im Hinblick auf Olympia viel dazu forscht." Auch das australische Straßen-Nationalteam ist in Teamzeitfahren stark, wurde 2024 und 2025 immerhin Weltmeister in der Mixed-Staffel.

Abgesehen vom Auftakt freut sich Engelhardt besonders auf die Atmosphäre in Frankreich und die geschichtsträchtigen Orte wie L'Alpe d'Huez. "Ich bin auf jeden Fall gespannt. Wenn es wirklich so spektakulär ist, wie man es aus dem Fernsehen kennt, ist das schon etwas Besonderes", so der Debütant.

Engelhardt wird in den kommenden drei Wochen auch zum Botschafter für den heimischen Radsport. Trotz der steigenden Popularität des Breitensports, habe es der klassische Rennsport noch schwierig, meinte er. “Man sieht schon, dass in den Nachwuchsklassen die Substanz fehlt.”

Der Deutsche verbrachte seine ganze bisherige WorldTour Karriere bei der australischen Mannschaft | Foto: Cor Vos

Das Problem liege dabei weniger am mangelnden Interesse als vielmehr an den Rahmenbedingungen: "Die größte Schwierigkeit sehe ich darin, dass es in Deutschland zu wenig Rennen gibt. Es ist zu schwierig und bürokratisch, etwas zu organisieren. Jedes Jahr wird es schlimmer; keiner möchte mehr, keiner darf mehr", fand Engelhardt klare Worte. "Der Sport ist sehr beliebt in der breiten Masse und ich glaube, da wäre mehr möglich."

Wie viel Radsportbegeisterung tatsächlich maximal möglich ist, kann er sich ab Samstag zum ersten Mal hautnah anschauen – beim größten Rennen der Welt.

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