--> -->

01.07.2026 | (rsn) - Alte Hasen, ambitionierte Debütanten und hohe Erwartungshaltungen speziell an einen Fahrer – die Voraussetzungen, mit denen die zwölf deutschen Starter aus neun verschiedenen Teams in die 113. Tour de France gehen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Im Fokus steht dabei der Vorjahresdritte Florian Lipowitz (Red Bull – Bora – hansgrohe), auf dem die Hoffnungen der deutschen Fans bei der am Samstag in Barcelona beginnenden Frankreich-Rundfahrt 2026 ruhen.
Wir präsentieren in einer zweiteiligen Übersicht die deutschen Tourstarter.
In seinem achten Jahr als Radprofi kann sich Kanter in diesem Sommer endlich den Traum eines jeden Berufsradfahrers erfüllen. Seinen ersten Start bei der Tour de France hat sich der gebürtige Cottbuser redlich verdient. Konnte er doch mit einem Etappenerfolg bei Paris-Nizza (2.UWT) seinen ersten WorldTour-Sieg bejubeln und darüber hinaus mit zahlreichen weiteren Podiumsplätzen in dieser Saison die Lücke zur Sprinterelite deutlich verkleinern.
Drei Top-Ten-Ergebnisse bei Etappen des letztjährigen Giro müssen Kanter zudem das Selbstvertrauen geben, dass auch in Frankreich mit guter Positionierung und ein wenig Fortune auf einer der Flachetappen ein Top-5-Resultat möglich ist. Schließlich konnte bei seiner Generalprobe mit drei Top-5-Ergebnissen bei der Baloise Belgium Tour (2.Pro) gegen die versammelte Weltspitze der schnellen Männer erstklassige Leistungsnachweise erbringen.
Nach dem sensationellen dritten Platz aus dem Vorjahr liegt die Messlatte für die deutsche Tour-Hoffnung hoch. Die Vorzeichen stehen allerdings gut, dass Lipowitz auch diesmal im Kampf um das Tour-Podium erfolgreich eingreifen kann. Die Form jedenfalls sollte passen, das haben sowohl die Ergebnisse der letzten Wochen als auch der störungsfreie Aufbau auf sein Saisonhighlight gezeigt.
Drei Saisonsiege, allesamt bei der Slowenien-Rundfahrt (2.Pro) errungen, werden Lipowitz, der mit Blick auf die Tour zuletzt einen Bogen um die Straßen-DM gemacht hatte, weiteres Selbstbewusstsein geben. Bei der Tour wird der 25-Jährige zunächst eine Doppelspitze mit Neuzugang Remco Evenepoel bilden, ehe sich im Verlauf der Rundfahrt herauskristallisieren sollte, wem die Kapitänsrolle zufällt. Es würde nicht verwundern, wenn das wie bereits 2025 - als Primoz Roglic der erklärte Leader war - auch diesmal wieder Lipowitz sein würde.
In seinen bisher sechs Jahren als Radprofi kennt der Pfälzer einzig und allein die Umgebung des Teams von Manager Iwan Spekenbrink. Nach seiner Tour-Premiere im Vorjahr soll Märkl gemeinsam mit John Degenkolb und Julius van den Berg im Sprintzug von Pavel Bittner in Aktion treten. Im vergangenen Jahr gelang dem Tschechen kein Etappensieg, und auch diesmal scheint die Konkurrenz übermächtig. Bei der Tour 2025 konnte Märkl zum Grand Départ in Lille auf Rang 13 ein Ausrufezeichen setzen – es sollte sein bestes Ergebnis damals bleiben. Immerhin erreichte er nach drei harten Wochen Paris, auch diesmal würde sich Märkl das gerne auf seine Fahern schreiben können.
Kaum ein deutscher Tour-Starter verfügt über mehr Erfahrung beim größten Radrennen der Welt als der gebürtige Kölner. Politts Rolle hat sich seit seinem Wechsel zu UAE von der eines Etappenjägers zu der einer “Lokomotive“ für Superstar Tadej Pogacar verändert. Ob im Flachen, auf welligem Terrain oder aber zu Beginn von längeren Anstiegen – der 32-Jährige ist stets ganz vorne im Zug des Slowenen zu sehen.
Welche Power der Tour-Etappengewinner von 2021, damals noch im Dress von Bora – hansgrohe, auch in diesem Jahr auf dem Pedal hat, bewies Politt zuletzt mit dem Gewinn seines dritten Deutschen Meistertitels im Zeitfahren in Bad Liebenstein und auch als Vierter des Straßenrennens.
Bei der 113. Tour wird Politt sich ganz in den Dienst des Titelverteidigers stellen. Doch wer weiß: Sollte Pogacars Gelbes Trikot frühzeitg schon so gut wie in trockenen Tüchern sein, könnte der Routinier vielleicht auch mal freie Fahrt erhalten.
Wie der Vater, so der Sohn – was dem ehemaligen Telekom-Profi Tobias Steinhauser 1996 bereits in seinem ersten Profijahr gelang, schaffte der Filius nun auch. In seiner fünften Saison bei EF Education – EasyPost wurde Georg Steinhauser erstmals von den US-Amerikanern in das Tour-Aufgebot berufen. Nach einem starken Saisonbeginn mit vier Top-Ten-Platzierungen bei der Mallorca Challenge bestritt der Allgäuer in seinem Formaufbau für die Tour gleich fünf WorldTour-Rundfahrten.
Dabei konnte Steinhauser insbesondere im März seine Klasse bei Paris-Nizza (2.UWT) nachweisen, als er nicht nur Dritter im Gesamtklassement wurde, sondern sich zudem das Trikot des besten Jungprofis überstreifen durfte. Als starker Kletterer an der Seite von Richard Carapaz und Ben Healy soll er mit dazu beitragen, dass die beiden Kapitäne weit vorne landen. Je nach Rennverlauf könnte, ähnlich etwa wie beim Giro d’Italia 2024, als Steinhauser solo eine schwere Bergetappe gewann, auch ein Tageserfolg bei der Frankreich-Rundfahrt drin sein.
Man hat noch die traurigen Bilder im Kopf, als der gebürtige Augsburger 2025 nach einem Sturz auf der 9. Etappe all seine Träume begraben musste, im Deutschen Meistertrikot seine erste Tour-Etappe zu gewinnen. Doch spätestens nach seinem Heimsieg bei Eschborn-Frankfurt (1.UWT) sollten die trüben Erinnerungen aus dem Vorjahr verschwunden sein.
Auch wenn Lotto - Intermarché in Barcelona mit Lennert Van Eetvelt und Sprinter Arnaud De Lie an den Start gehen und Zimmermann für beide wird arbeiten müssen, düften sich ihm genügend Möglichkeiten bieten, auf der einen oder anderen Etappe in Ausreißergruppen mitzumischen.
Und vielleicht hat der DM-Fünfte von Bad Liebenstein dann mehr Glück als 2023, als er nach einer 127 Kilometer langen Flucht auf der 10. Etappe im Sprint sich nur Pello Bilbao (Bahrain Victorious) geschlagen geben musste.