RSNplusVollendung einer Familiengeschichte in der halben Heimat

Barry fürchtete in eine Wand zu krachen, die nie kam

Von Peter Maurer aus Montreal

Foto zu dem Text "Barry fürchtete in eine Wand zu krachen, die nie kam"
Ashlin Barry bei der Podiumszeremonie | Foto: Cor Vos

26.09.2026  |  (rsn) – Es war schon ein unglaublicher Parforce-Ritt, den Ashlin Barry (Visma – Lease a Bike Development) an seinem 19. Geburtstag beim Straßenrennen der U23-Männer an den Tag legte. 128 Kilometer vor dem Ziel wagte er sich in einer Ausreißergruppe an die Spitze des Rennens, die letzten 30,5 Kilometer spulte er als Solist ab und gewann das Rennen an einem Ort, der für seine Familie ein sehr spezieller ist.

Denn 14 Jahre zuvor beendete sein Vater Michael Barry, jahrelang ein Teamkollege und Helfer von Lance Armstrong, seine Karriere beim Grand Prix Montreal (2.UWT). “Das sind so die ersten Erinnerungen, die ich an ein Radrennen habe. Ich wusste zwar nicht viel davon, aber ich habe schon immer geträumt, hier vor meinem Heimpublikum fahren zu können“, berichtete der junge Amerikaner, der auch die kanadische Staatsbürgerschaft hat in der Pressekonferenz nach dem Rennen.

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Aber nicht nur sein Vater, sondern auch seine Mutter kennt Montreal sehr gut. 2002 gewann Dede Demet den Montreal World Cup (WC), welches am Mont Royal, also dem ersten Anstieg des aktuellen Kurses, endete. Zwei Jahre später gewann sie im Zeitfahren der Olympischen Spiele in Athen die Silbermedaille, ehe sie im Anschluss ihre Karriere beendete. Der erste Weg ihres Sohnes nach dessen Triumph führte dann in ihre Arme. “Ich glaube, ich habe mich bei ihr bedankt, aber so genau, weiß ich das nicht mehr“, schilderte Barry die Szene.

Ashlin Barry in der Gruppe des Tages | Foto: Cor Vos

Die beiden Eltern hatten zwar einige Tipps vor dem WM-Rennen für ihren Sohnemann, doch so wirkliche Vorteile konnte er nicht daraus ziehen: “Am Ende ist das ein Kurs, wo du starke Beine brauchst.“ Und die hatte der 19-Jährige, der sicherlich nicht in den oberen Sternekategorien der Favoritenlisten zu finden war, auf alle Fälle. Doch mit eisernem Willen verteidigte er seine Führung und nicht einmal der Dritte im WM-Zeitfahren, der Spanier Hector Alvarez, konnte die Lücke zum entschwundenen Amerikaner noch schließen.

Zeitfahren als Solo-Training

“Ich habe keine Ahnung, wie ich das gemacht habe. Ich bin nur mein Tempo gefahren und dachte immer, da wird noch wer kommen von hinten. Ich versuchte nur nicht zu überdrehen und mich gut mit Essen und Trinken zu verpflegen“, schilderte er seinen Rennplan.

Eigentlich hatte er sich für das Zeitfahren viel mehr ausgerechnet, landete dort aber auf dem unglücklichen vierten Rang. Der Kampf gegen die Uhr liegt ihm sehr, gehört er auch zum amerikanischen Vierer auf der Bahn, der sich für die Olympischen Spiele in Los Angeles qualifizieren will. “Ich habe mehr an der Zeitfahr-Maschine als am Straßenrad herumgetüftelt, weil ich eigentlich dachte, das Zeitfahren gibt mir mehr Möglichkeiten. Vielleicht hat aber das ständige Fahren in einer Aero-Position geholfen bei meiner Alleinfahrt und möglicherweise den Unterschied ausgemacht“, berichtete Barry.

Die Wand, die nie kam

Vor allem aber nutzte er auch das Chaos dahinter clever aus. Barry wusste, dass er im immer schneller werdenden Finale seine Karten wohl nicht ausspielen hätte können, weshalb er versuchte, vor das Rennen zu kommen. “Ich hatte eine Idee, was ich machen könnte, aber was ich heute getan habe, das hätte ich niemals erwartet“, war er von seiner eigenen Leistungsfähigkeit mehr als verwundert und fügte an: “Als ich allein war, da gab es einen Punkt, wo ich dachte, sie werden mich jetzt stellen. Ich hätte darauf gehofft, irgendwie vorne zu bleiben. Dann befürchtete ich, irgendwann werde ich mit dieser Fahrt physisch gegen eine Wand krachen. Aber sie haben mich nicht geholt und auch das gegen die Wand Krachen ist nie passiert.“

Hector Alvarez (Spanien, links), Barry und Jesper Stiansen (Norwegen, rechts) auf dem Podium | Foto: Cor Vos

Der 1,92 Meter große Schlacks, der mittlerweile in Girona in Spanien lebt, gehört mit seinen 77 Kilogramm nicht zu den besten Kletterern. “Dennoch habe ich gezeigt, dass ich doch ganz gut bergauf fahren kann. Viele dachten, das kann ich nicht. Vor dem Rennen war ich ehrlich, denn ich hatte wirklich keine großen Erwartungen und auch nicht das Wissen, dass ich so fahren werde, wie ich es getan habe“, gab sich der junge Amerikaner fast schon philosophisch.

Ob er schon bald aufsteigt in das WorldTeam von Visma – Lease a Bike weiß er nicht. Auf dem Papier ist er weitere zwei Jahre ans Devo-Team angeschlossen, auch weil er sein Bahnprogramm für Los Angeles noch abspulen will. “Irgendwie habe ich auch den Wunsch, dass ich Rennen im Weltmeistertrikot fahren kann. Dafür brauche ich auch U23-Rennen. Aber wenn Visma sagt, dass ich in die WorldTour soll, dann ist das so. Es wird sicher Gespräche geben“, erzählte er.

Bis vor drei Jahren fuhr er noch für die Heimat seines Vaters, Kanada. Für den Wechsel entscheidend war vor allem das Straßenprogramm des amerikanischen Teams, welches auch zahlreiche Rennen in Europa bestreitet. “Das spielte eine große Rolle in meiner Entwicklung und hat mir viel geholfen, weswegen ich den Wechsel nicht bereue“, sagte er abschließend.

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