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28.09.2026 | (rsn) - “Bei der WM gewinnt immer der Stärkste. So ist das Leben“, resümierte der Belgier Remco Evenepoel enttäuscht nach der Weltmeisterschaft in Montreal. Doch wer das Rennen gesehen hat, dürfte Zweifel daran haben, ob das am Sonntag wirklich so war. Es ist nichts Neues, das im Radsport nicht nur die Wattzahlen zählen, sondern auch Taktik, Teamstärke und manchmal einfach stumpfes Glück oder Pech entscheiden können.
Wer der stärkste Fahrer der WM war, lässt sich kaum mit Sicherheit sagen. Mathieu van der Poel (Niederlande) hat gute Argumente, Isaac Del Toro (Mexiko) ebenso und auch Tom Pidcock (Großbritannien), Ben Healy (Irland) und Matteo Jorgenson (USA) könnten mit dem Gefühl ins Bett gegangen sein, dass ihre Beine eigentlich für Gold hätten reichen können.
___STEADY_PAYWALL___Ganz sicher nicht der beste Mann war am Sonntag Paul Seixas. Doch gerade seine Mannschaft hatte das Kommando früh übernommen und den Wettkampf hart gemacht. Allein Bruno Armirail verkürzte den Vorsprung der Gruppe des Tages von mehr als acht auf weniger als eine Minute. Auch davor hatten die Franzosen gearbeitet, Valentin Paret-Peintre und Nicolas Prodhomme hatten zwischenzeitlich am Berg angegriffen.
Mathieu van der Poel reduzierte seine Begleiter auf Quinn Simmons und Oscar Onley. | Foto: Cor Vos
Knapp hundert Kilometer vor dem Ziel eröffnete dann van der Poel den Showdown der Favoriten. Sein erster Versuch scheiterte, doch als Wout van Aert im Flachen attackierte, zogen der Niederländer, Anthon Charmig (Dänemark), Quinn Simmons (USA), Oscar Onley (Großbritannien) und später Primoz Roglic (Slowenien) mit. Die Franzosen übernahmen im Feld wieder die Verantwortung, doch als Del Toro am Berg ein hohes Tempo anschlug und die Gruppe auf rund ein Dutzend Fahrer schrumpfte, waren die Teamkollegen von Seixas nicht mehr zu sehen.
Doch Del Toro hatte mit seiner Fahrweise nicht nur Seixas, sondern auch sich selbst in Probleme gebracht. Noch vor zwei Wochen hatte er an gleicher Stelle mit dem Franzosen unwiderstehlich attackiert. Niemand, inklusive Evenepoel, konnte auch nur ansatzweise folgen. Bei der WM blieb der Angriff aus. Als die Gruppe über die Kuppe kam, fehlten nicht nur französische Helfer. Es fehlten alle Helfer. Stattdessen gab es mit Evenepoel, Pidcock, Adam Yates, Jorgenson und McNulty gleich fünf Fahrer, die Teamkollegen an der Spitze des Rennens hatten. Pidcock war mit einer Energieleistung bergauf zurückgekehrt, nachdem er in einem ganz schlechten Moment Materialpech hatte.
Darauf folgte Uneinigkeit. Niemand wollte so richtig in den Wind. Andererseits konnte die Gruppe um van der Poel auch nicht fahren gelassen werden. Also musste – gelegentlich, widerwillig und in Stößen – von jenen geführt werden, die keine Mannschaftskameraden vorn hatten. Dort wurde gut zusammengearbeitet, auch wenn die Kräfteverhältnisse ungleich waren.
Mit noch 75 zu fahrenden Kilometern traf van der Poel eine Entscheidung, die ihn das Rennen gekostet haben könnte. Er griff an einer der kurzen Steigungen an und schüttelte Charmig, Roglic und van Aert ab. Während Roglic am langen Berg zurückkam, spielte vor allem van Aert eine entscheidende taktische Rolle. Denn nun musste Evenepoel wach werden. Dass der schlechte Beine hatte, wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand. So blieben seine Attacke und auch seine Arbeit aus – stattdessen wurde er kurzzeitig sogar abgehängt - trotzdem drehte das belgische Duo das Rennen einige Kilometer später.
Vor allem Isaac Del Toro und Paul Seixas ließen sich nie aus den Augen. | Foto: Cor Vos
Doch in der Zwischenzeit hatte an der Cote Camillien-Houde Healy versucht, nach vorn zu springen. Um zu verhindern, dass dem Iren das gelingt, verschärfte van der Poel das Tempo. Dabei ging Onley über Bord – was hinten Pidcock aktivierte. Yates hatte inzwischen Probleme, den Anschluss zu halten.
Als van Aert von der Gruppe um Del Toro und Evenepoel gestellt wurde, setzte er sich an deren Spitze. “Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich mich nicht gut fühle. Aber es war einfach so, dass Wout unbedingt etwas für mich machen wollte“, verriet Evenepoel gegenüber Eurosport. Von mehr als 45 Sekunden verringerte der Roubaix-Sieger den Rückstand seines Kapitäns auf ungefähr 20. An der Cote Camillien-Houde schaffte es Healy nach langer Verfolgung endlich, die Spitzengruppe zu erreichen. Doch lange konnte der Ire das nicht genießen, denn Del Toro, Seixas, Pidcock und die beiden US-Amerikaner Jorgenson und McNulty kamen kurz danach ebenfalls an ihn, van der Poel, Roglic und den dritten US-Boy, Simmons, heran.
Einige weitere Fahrer um Evenepoel kamen noch heran, doch die USA blieben in der Überzahl. Und die nutzte McNulty 33 Kilometer vor dem Ziel. Nachdem ein paar Versuche der Favoriten direkt neutralisiert wurde, griff der Außenseiter an – und er durfte gehen. Er hatte nicht nur zwei Mannschaftsgefährten in der Gruppe, sondern mit Del Toro auch noch einen UAE-Markenkollegen. Der begann jetzt, nachdem er in der Verfolgungsarbeit den Löwenanteil der Arbeit verrichtet hatte, mit Seixas zu diskutieren, der nun sichtlich unzufrieden mit dem Mexikaner wirkte.
Silber! Michael Matthews schlägt sich im Ziel vor dem Kopf. Er war immer vorne dabei, tat aber wenig. | Foto: Cor Vos
Die Uneinigkeit der Favoriten führte dazu, dass McNulty bald eine Minute vor ihnen den Kurs umkurvte. Das Rennen schien gelaufen. Eine Zusammenarbeit gab es nicht, dafür probierten es die Fahrer immer wieder mit Attacken. Pidcock zeigte sich dabei besonders aktiv und stark, doch Simmons und vor allem Jorgenson, der das gesamte Rennen nicht in den Wind musste und noch sehr frisch wirkte, vereitelten alle Angriffe sofort. Durch das Bummeltempo der Favoriten kamen weitere Profis von hinten heran, unter ihnen auch der Däne Mads Pedersen und der Schweizer Mauro Schmid.
Spannend wurde es dann völlig überraschend trotzdem noch. Bei der letzten Überquerung der Cote Camillien-Houde gingen bei McNulty die Lichter aus. In dem, was in jenem Moment nur noch der Kampf um Silber sein konnte, hatten die Favoriten bergauf alles in die Waagschale geworden, ohne dabei - mit Ausnahme von Seixas, der Krämpfe bekam - große Unterschiede zu forcieren. Dafür waren sie plötzlich bis auf wenige Sekunden am Spitzenreiter heran.
Den US-Amerikaner einzuholen, schien nun gut möglich. Doch oben angekommen, nahmen seine Verfolger die Beine hoch. Sie guckten sich an und der 28-Jährige fuhr wieder davon. Zwei Wellen musste er bis zum Titel überstehen und aufgrund seines Zustandes schien es trotzdem noch möglich, dass er das WM-Gold verlieren könnte. Er fing sich aber wieder und konnte 13 Sekunden ins Ziel retten. Zweiter wurde der Australier Michael Matthews, der sich sensationell immer vorne gehalten hatte, aber erst auf den letzten fünf Kilometern aktiv wurde.
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