US-Amerikaner Weltmeister vor Matthews und van der Poel

McNulty in Montréal mit Soloritt ins Regenbogentrikot

Von Matthias Seng

Foto zu dem Text "McNulty in Montréal mit Soloritt ins Regenbogentrikot"
Brandon McNulty ist neuer Straßen-Weltmeister | Foto: Cor Vos

27.09.2026  |  (rsn) – Brandon McNulty hat mit einem beeindruckenden Soloritt von 33 Kilometern das WM-Straßenrennen von Montréal gewonnen. Der 28-jährige US-Amerikaner feierte den größten Sieg seiner Karriere nach 273,4 Kilometern von Brossard nach Montréal mit 13 Sekunden Vorsprung vor dem Australier Michael Matthews, der sich im Sprint der Verfolger die Silbermedaille vor dem Niederländer Mathieu van der Poel sicherte. Rang vier belegte McNultys Landsmann Quinn Simmons, der eine starke Vorstellung des US-Teams abrundete.

Knapp dahinter wurde der Mexikaner Isaac Del Toro (+0:14) Fünfter vor dem Dänen Mads Pedersen, dem Briten Tom Pidock und Matteo Jorgenson, dem dritten US-Amerikaner in den Top Ten. Die wurden komplettiert durch die zeitgleichen Giulio Ciccone (Italien) und Ben Healy (Irland).

 “Ich habe wirklich keine Worte. Bis 300 Meter vor dem Ziel konnte ich es gar nicht glauben, ich war so müde. Am letzten Anstieg zum Mont Royal bin ich Zone 2 gefahren. Ich bin gestorben. Aber ich habe weiter gepusht. “, sagte McNulty, der Nachfolger seines in Montréal verletzt fehlenden UAE-Teamkollegen Tadej Pogacar wurde, im Flash Interview nach seinem 23. Sieg als Profi und seinem ersten in dieser Saison.

“Heute sind wohl Wunder passiert"

Geglaubt hatte er selber nicht daran, wie er anfügte. “Wir haben darüber gesprochen und ich habe ein paar Witze mit meiner Frau gemacht. Ich wusste, dass etwas passieren kann, aber es musste ein Wunder passieren. Heute sind wohl Wunder passiert.“ Maßgeblich mit dafür verantwortlich war die clevere Taktik des US-Teams, das letztlich drei Fahrer in der entscheidenden Gruppe hatte, aus der heraus McNulty 33 Kilometer vor dem Ziel seine entscheidende Attacke setzte. “Wir haben schon vor Wochen gesagt, dass wir ein superstarkes Team haben und es möglich ist. Wir sind unglaublich gut gefahren und haben alle Attacken neutralisiert. Ich habe einfach keine Worte.“

Eine ähnlich starke Vorstellung lieferte einen Tag nach seinem 36. Geburtstag Matthews ab. Der Australier teilte seine Kräfte ebenfalls gut ein und verwies im Sprint schließlich van der Poel auf den Bronzerang. “Vor dem Rennen war ich leise zuversichtlich. Aber die WM ist immer ein bisschen Lotterie. Jetzt hier mit der Silbermedaille zu sitzen, ist unglaublich, nach allem, was ich die vergangenen zwei Jahre durchgemacht habe. Ich wurde heute einfach von einem besseren Radfahrer geschlagen. Brandon hat hier im vergangenen Jahr gewonnen, vor zwei Wochen wurde er Dritter (beim GP de Montréal, d. Red.). Er hat offensichtlich gezeigt, dass er in einer unglaublichen Form ist. Und dieser Kurs liegt ihm einfach. Chapeau“, lobte der Routinier gegenüber Eurosport seinen Konkurrenten.Für den U23-Weltmeister von 2010 war es zugleich das vierte Edelmetall in der Elite.

“Ich bin hierhergekommen, um zu versuchen, Weltmeister zu werden. Ich bin stolz auf das Rennen, das ich gezeigt habe. Ich wollte vier Runden vor Schluss All-in gehen, um immer einen Schritt voraus zu sein, falls die Bergfahrer attackieren. Am Ende war es sehr knapp“, sagte van der Poel zu Eurosport, nachdem er wie 2024 die Bronzemedaille gewonnen hatte. Zugleich erklärte der Straßen -Weltmeister von 2023, dass für ihn damit die Saison 2026 für ihn beendet sei. “Das war heute mein letztes Rennen. Ich denke, ich habe heute eine wirklich gute Leistung gezeigt. Ich bin glücklich damit. Ich habe gemacht, was ich machen musste, und es ist am Ende Bronze geworden.“

Bester Schweizer war Mauro Schmid (+0:22) auf Rang elf, gefolgt von Zeitfahr-Weltmeister Remco Evenepoel, der als bester Fahrer des insgesamt enttäuschenden belgischen Teams auf Rang 12 (+0:25). Der im Finale von Krämpfen geplagte Franzose Paul Seixas (+2:47) blieb auf dem 15. Platz ebenfalls hinter den von ihm selbst geschürten hohen Erwartungen zurück. Zuvor hatte sein Team schon früh das Tempo erhöht und die Gruppe des Tages bereits mehr als 100 Kilometer vor dem Ziel gestellt.

Als bester der sechs deutschen Starter landete Georg Zimmermann mit 6:48 Minuten Rückstand auf dem 38. Platz, neun Positionen dahinter belegte Florian Lipowitz (+7:04) Rang 47. “Ich bin ehrlich gesagt einfach happy, heute ins Ziel zu kommen. Es war ein sehr harter Tag, mir hat einfach ein bisschen der Punch gefehlt und die letzte Stunde war einfach zu lang für mich heute“, sagte der 26-Jährige im Ziel dem ZDF.

So lief das WM-Straßenrennen der Männer:

184 Fahrer aus 61 Ländern, darunter auch das von Florian Lipowitz angeführte sechsköpfige Aufgebot von German Cycling, nahmen am Sonntagmorgen in Brossard bei trockenem, wenn auch relativ kühlem Herbstwetter das über 273,4 Kilometer und mehr als 3.800 Höhenmeter führende Straßenrennen der Männer in Angriff.

Es dauerte keine zehn Kilometer, bis die Gruppe des Tages davonziehen konnte. Zu ihr gehörten nicht weniger als 17 Fahrer, darunter auch der Deutsche Meister Felix Engelhardt, der Norweger Andreas Leknessund, die beiden Eritreer Biniam Girmay und Henok Mulubrhan sowie der Kanadier Guillaume Boivin. Dagegen war kein Fahrer aus den favorisierten Nationen wie Belgien, Frankreich, Italien, Australien, der Niederlande oder Mexiko dabei.

Auf der rund 112 Kilometer langen Anfahrt zum Rundkurs fuhren sich die Ausreißer einen Vorsprung von rund 8:30 Minuten heraus. Als es auf die erste der zwölf Zielrunden mit der Cote Camillien-Houde (1,7 km à 7,7 %) ging, übernahm das französische Team die Führung im Feld, wobei Bruno Armirail im Alleingang dafür sorgte, dass der Rückstand binnen kurzer Zeit um mehr als drei Minuten schrumpfte. Dabei fiel mit Nico Denz ein deutscher Starter zurück, um kurz darauf aufzugeben.

Das Streckenprofil des Rundkurses des WM-Straßenrennens der Männer | Foto: Veranstalter

An der zweiten Überquerung des schwersten Anstieges des Tages fiel die Spitzengruppe auseinander, 140 Kilometer vor dem Ziel bestand sie noch aus Engelhardt, Girmay, Mulubrhan, dem Iren Jamie Meehan, dem Letten Emils Liepins und Boivin. Der Kanadier fiel einige Zeit später zurück, 120 Kilometer vor dem Ziel ging es auch Girmay in der Spitzengruppe zu schnell.

Gleiches galt dann auch für Engelhardt, der fünf Kilometer später wieder im Feld verschwunden war. Dort war es nach wie vor Armirail, der unerbittlich aufs Tempo drückte und die Jäger bereits eingangs der fünften Runde an die Ausreißer heranführte. An der Cote Camillien-Houde dünnten Armirails Teamkollegen Valentin Paret-Peintre, Jordan Jegat und Pavel Sivakov das Feld weiter aus, als Folge verloren namhafte Fahrer wie Vuelta-Etappensieger Marco Brenner, der dortige Gesamtsieger Enric Mas oder der Vuelta-Dritte Felix Gall den Anschluss.

100 Kilometer vor dem Ziel zeigt sich van der Poel erstmals

Die Franzosen vereitelten danach einige weitere Attacken, ehe sich van der Poel knapp 100 Kilometer vor dem Ziel erstmals im Wind zeigte. Kurz darauf zog Anthon Charmig davon, dahinter fiel Maximilian Schachmann mit einem Defekt aus dem Feld zurück. Zugleich schloss am Anstieg eine Verfolgergruppe um van der Poel zum Dänen auf, in der Abfahrt folgten Wout van Aert und Primoz Roglic. Als die Gruppe dann wieder gestellt wurde, attackierte der Belgier, van der Poel, Charmig, Roglic, der Brite Oscar Onley und Simmons folgten.

Eingangs der siebten Runde hatte Frankreich im Feld wieder die Kontrolle übernommen, der Rückstand wuchs auf mehr als 40 Sekunden an. Nun zeigte sich Del Toro an der Cote Camillien-Houde erstmals an der Spitze des Feldes, das prompt auseinanderfiel. Seixas beteiligte sich an der Führungsarbeit in der Gruppe, in der auch Evenepoel dabei war, in der aber keine Einigkeit herrschte.

Van der Poel attackierte 75 Kilometer vor dem Ziel, nur Simmons und Onley konnten mitgehen. Aus dem Verfolgertrio heraus zog Roglic am Anstieg davon und schaffte auf der Kuppe den Anschluss. Del Toro und Seixas reagierten auf eine Attacke von Healy, Evenepoel dagegen konnte dem Tempo nicht folgen – und kurz darauf musste auch van Aert kurzzeitig reißen lassen, als er und Charmig gestellt worden waren.

Evenepoel wie ein Jojo

Eingangs der viertletzten Runde zog Healy erneut davon, kurz vor der Kuppe des Anstiegs konnte Onley einer weiteren Attacke von van der Poel nicht folgen, dahinter war es wieder Del Toro, der die Verfolgergruppe ausdünnte. 45 Kilometer vor dem Ziel schaffte Evenepoel dann aber wieder den Anschluss an die Gruppe um Del Toro und Seixas, die eingangs der drittletzten Runde, mit van Aert an der Spitze, 30 Sekunden Rückstand auf das Spitzentrio aufwies. Dazwischen lagen noch Healy und Onley.

Der irische Vorjahresdritte schaffte an der Cote Camillien-Houde den Anschluss und ging sofort in die Offensive. Kurz darauf fuhr die Verfolgergruppe, zu der Evenepoel aber nicht mehr gehörte, zum Quartett vor. Aus einer Attacke von Jorgenson entstand eine neunköpfige Spitzengruppe, aus der heraus 33 Kilometer vor dem Ziel McNulty davonzog und sich auf die neun Verfolger, von denen zwei ebenfalls das US-Nationaltrikot trugen und zu denen auch UAE-Teamkollege Del Toro gehörte, einen Vorsprung von rund einer Minute erarbeitete.

Daran konnte auch Pidcock mit seiner Attacke an der vorletzten Überquerung der Cote Camillien-Houde nichts ändern. Dem Briten folgen konnten hier aber nur noch Seixas, Matthews, Ciccone und Jorgenson, wogegen Healy, van der Poel und Del Toro zunächst passen mussten, dann aber wieder herankamen.

McNulty clever, Verfolger uneinig

Nachdem die Verfolger den Rückstand schon halbiert hatten ging die Schere dann aber wieder auf. Die letzten 13,4 Kilometer dieser WM nahm McNulty mit 52 Sekunden Vorsprung auf die von Evenepoel angeführte Verfolgergruppe in Angriff, wo wieder das Tempo verschleppt wurde. So kamen Simmons und Ex-Weltmeister Pedersen wieder zurück.

Nach Attacken von Ciccone, Del Toro und Pidcock am Camillien-Houde-Anstieg kamen die Verfolger dann aber auf der Kuppe bis auf 15 Sekunden an den Spitzenreiter heran, der dann aber wieder den Vorsprung ausbauen konnte, da die Verfolger sich bergab nicht einig waren und nicht durchzogen. Fünf Kilometer vor dem Ziel griff Mauro Schmid nach einer vereitelten van-der Poel-Attacke an, Pidcock und wieder Jorgenson folgten, wogegen der von Krämpfen geplagte Seixas zurückfiel.

Auf den letzten Kilometern fand die Verfolgergruppe wieder zusammen, ehe es erneut Healy – diesmal mit Matthews am Hinterrad – probierte. Auf der 600 Meter langen Zielgeraden behauptete McNulty seinen Vorsprung souverän und konnte schon frühzeitig den größten Sieg seiner Karriere bejubeln. 13 Sekunden dahinter holte sich Matthews in einem packenden Sprint die Silbermedaille knapp vor van der Poel und Simmons.

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