Favorisierte Belgier gehen bei WM leer aus

Schlechter Tag bei Evenepoel, Lichter aus bei van Aert

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Schlechter Tag bei Evenepoel, Lichter aus bei van Aert"
Remco Evenepoel hatte in Montreal keine guten Beine. | Foto: Cor Vos

27.09.2026  |  (rsn) – Sie stellten das wohl stärkste Team im WM-Straßenrennen der Männer in Montréal und mit Remco Evenepoel und Wout van Aert gleich zwei der fünf Fahrer, die als Favoriten ausgemacht wurden: Belgien machte sich am Sonntag bereit für ein Radsportfest!

Doch als Thibau Nys aufgab und ans Sporza-Mikrofon trat, kamen erste Zweifel auf. “Er fühlt sich nicht top“, lauteten die Worte des Lidl-Profis. Gemeint war Evenepoel. Der Zeitfahr-Weltmeister war zu dem Zeitpunkt noch in der recht umfangreichen Favoritengruppe, während van Aert kurz davor zur Attacke geblasen hatte. 

“Die Situation war eigentlich perfekt mit Wout vorne und ich in der Gruppe dahinter“, urteilte Evenepoel später am Eurosport-Mikrofon. Als jedoch der Mexikaner Isaac Del Toro und der Franzose Paul Seixas bergauf probierten, die Lücke zu den Spitzenreitern zu schließen, bestätigten sich Nys‘ Worte: Evenepoel konnte nicht folgen.

Beulen in der Rüstung und stumpfe Speerspitzen

Nicht lange danach kam die zweite Delle in die goldene Rüstung der Belgier. Alsder Niederländer Mathieu van der Poel attackierte und sich in einem Trio absetzte, musste van Aert überraschend passen. “Es war unglaublich hart – zu hart für mich. Ich bin ein gutes Rennen gefahren, aber vier oder fünf Runden vor Schluss gingen bei mir die Lichter aus. Es ist schade, aber ich hatte einfach keine Kraft mehr“, blickte van Aert bei Sporza zurück.

Schon 60 Kilometer vor dem Ziel waren als beide belgischen Speerspitzen stumpf geworden, doch aufgeben wollten sie noch lange nicht. Da die Favoritengruppe sich nur selten einig war, konnte Evenepoel wieder in sie zurückkehren – und dann wurde van Aert aufgesammelt. Der sah seine Chance, sich nützlich zu machen. “Als ich die Spitzenreiter ziehen lassen musste, konnte ich nur noch versuchen, Remco näher an die Spitze heranzubringen. Ich sah, dass er einer der letzten Favoriten war, die zur Spitzengruppe aufschlossen. Das war kein gutes Zeichen“, erklärte er.

Doch es gibt Fahrer, bei denen normale Radsportregeln und -weisheiten nicht greifen. “Bei Remco weiß man nie. Deshalb war ich auch noch optimistisch, was seine Chancen anging, selbst als mein eigenes Rennen schon vorbei war“, so van Aert. Mit seiner Hilfe wurde das Führungsquartett - van der Poel, Quinn Simmons (USA) und Oscar Onley (Großbritannien) wurden inzwischen durch den Iren Ben Healy verstärkt – wieder eingeholt.

Optimismus, weil man nie weiß

“Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich mich nicht gut fühle. Aber es war einfach so, dass Wout unbedingt etwas für mich machen wollte. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich wusste ziemlich schnell, dass es heute nicht mein Tag für den Sieg war“, hatte Evenepoel schon da kaum noch Hoffnung. Bergauf wurde er folgerichtig zum zweiten Mal abgehängt, schaffte später aber erneut den Anschluss an die Favoriten.

So war auch er dabei, als der US-Amerikaner Brandon McNulty 33 Kilometer vor dem Ziel seine entscheidende Attacke ritt. Wie die anderen Favoriten reagierte auch Evenepoel nicht – zunächst zumindest. Seine Versuche wegzukommen kurz danach scheiterten schnell. Doch eine Runde später, Evenepoel war inzwischen ein weiteres Mal zurückgekehrt, nachdem er am Berg nicht mitgehen konnte, attackierte er seine Gegner, als der Vorsprung des Spitzenreiters noch gut 30 Sekunden betrug.

Von Runde 1 an gespürt, "dass ich keinen guten Tag hatte"

“Tja...das waren irgendwie Versuche in der Hoffnung, dass die anderen nicht auf mich reagieren würden. Ich hatte in der vorletzten Runde kurz das Gefühl, dass ich wegkommen würde. Aber dann fuhr Del Toro die Lücke zu. Schade“, ärgerte sich Evenepoel am Sporza-Mikrofon. Das war sein letzter ernsthafter Versuch, eine Medaille zu erringen. Am letzten langen Anstieg des Tages wiederholtn sich dann die Prozedur der vorherigen Runde. Dem Belgier ging es zu schnell, bergab machte er seinen Rückstand aber wieder gut. Dieses Mal erlaubten sich die Favoriten fast Stehversuche, während der Spitzenreiter überraschenderweise in greifbare Nähe gekommen war.

Letztlch blieb für Evenepoel nach Gold im Zeitfahren nur Platz zwölf, 25 Sekunden hinter dem Sieger und zwölf hinter der Silbermedaille, die Michael Matthews gewann. Bei Eurosport zog er abschließend ein ernüchterndes Fazit. “Es war hart. Von der ersten Runde an habe ich gespürt, dass ich keinen guten Tag hatte. Es ist natürlich ziemlich scheiße, dass das heute passiert. Aber es gibt keine Ausreden. Bei der WM gewinnt immer der Stärkste. So ist das Leben.“

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