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16.07.2007 | (Ra) – Linus Gerdemann hat bei der Tour de France sein Meisterstück abgeliefert. Mit seinem Sieg auf der 1. Alpenetappe und fast mehr noch mit seiner beeindruckenden Leistung auf der mit drei Bergen der 1. Kategorie gespickten Etappe am Sonntag hat der 24-jährige Münsteraner seine Klasse bewiesen. Gerdemann wurde seit seinem Profidebüt, das er 2005 beim dänischen CSC-Team gab, mit Vorschusslorbeeren überhäuft. Bjarne Riis bezeichnete ihn als „das größte deutsche Talent seit Jan Ullrich.“ Ein Lob, das schnell zur Hypthek werden kann.
Mit einem Etappensieg bei der Tour de Suisse 2005 feierte Gerdemann bei CSC einen Einstand nach Maß. Bei der Vuelta fehlte nicht viel und der Neoprofi hätte sich zu seinem 23. Geburtstag mit seinem ersten Etappenerfolg bei einer der drei großen Rundfahrten selbst beschenkt. Nach seinem überraschenden Wechsel zu T-Mobile blieben dann aber Siege zunächst aus. Vielmehr stand im Jahr 2006 das Thema Doping im Mittelpunkt der Diskussion. Gerdemann unterstützte demonstrativ den strikten Kurs seines neuen Arbeitsgebers, trennte sich von seinem umstrittenen italienischen „Preparatore“ Luigi Cecchini und wurde nach der Entlassung von Jan Ullrich in der zweiten Saisonhälfte zu einem der Anführer der Mannschaft.
Die Tour de France war Gerdemanns großes Saisonziel 2007. Darauf bereitete er sich mit einer Mischung aus professioneller Zielstrebigkeit und demonstrativer Bescheidenheit vor. Auf die Frage nach seinen Zielen für seine erste Tour-Teilnahme antwortete er: „Priorität haben für mich die Mannschaft und mein Kapitän Michael Rogers, den ich auf den schweren Etappen unterstützen will. Ich will eine gute Tour fahren und dazulernen!“
Schon beim Prolog zeigte Gerdemann dann, dass es ihm bei der Tour nicht nur darum ging zu lernen. Er fuhr er auf Platz 22, war nach Andreas Klöden zweitbester deutscher Fahrer und nur eine Sekunden langsamer als sein Kapitän Rogers. Damit deutete Gerdemann sein Potenzial schon früh an.
Auf der 1. Alpenmetappe von Bourg-en-Bresse nach Le Grand Bornand schlug dann die Stunde des jungen Rundfahrtspezialisten. „Wir gingen davon aus, dass kein Team das Rennen würde kontrollieren können“, erläuterte Gerdemann in seinem Tour-Tagebuch auf Radsport aktiv die Renntaktik seines Teams. „Deshalb war unser Ziel, in jeder Ausreißergruppe einen Fahrer dabei zu haben. Zuerst war das Kim Kirchen, dann Marcus Burghardt und schließlich gelang mir der Sprung in die, wie sich heraus stellen sollte, entscheidene Gruppe.“
Im letzten Anstieg hinauf zum Col de la Colombière setzte Gerdemann dann seine erste Attacke, mit der er die Gruppe auseinander fuhr. Zu diesem Zeitpunkt fuhr der T-Mobile-Jungstar aufgrund von Zeitgutschriften bei Zwischensprints schon im virtuellen Gelben Trikot. Zunächst konnte noch der Kasache Dimitry Fofonov dem Tempo des Deutschen folgen. Mit einem entschlossenen Antritt entledigte sich Gerdemann schließlich seines letzten Widersachers und stürmte zum Etappenerfolg.
„Das ist der wichtigste Sieg in meiner Karriere“, sagte der total ausgepumpte, aber überglückliche Gerdemann im Ziel. „Ich habe erst 300 Meter vor dem Ziel geglaubt, dass ich gewinnen kann. Ich hatte Krämpfe und bin über mein Limit gegangen.“ Auch mit dem Gelben Trikot auf seinen Schultern blieb Gerdemann bescheiden. Seine Hauptaufgabe sei es weiterhin, seinem Kapitän Michael Rogers in den Bergen zur Seite zu stehen.
Auf der dramatischen zweiten Alpenetappe am Sonntag überstürzten sich dann die Ereignisse. Gerdemann fuhr famos, zunächst wirkungsvoll unterstützt von seinem Team, das Kapitän Michael Rogers in einer aussichtsreichen Fluchtgruppe wusste. Die so hoffnungsvoll begonnene Etappe wurde dann aber zum „schwarzen Tag“ für T-Mobile. Zunächst gab der lädierte Sprinter Mark Cavendish auf, dann stürzte Rogers in einer Abfahrt und musste kurz darauf unter Tränen aufgeben. Im Schlussanstieg konnte der entkräftete Gerdemann dem Tempo der Favoriten nicht mehr folgen. Im Ziel musste er das Gelbe Trikot schließlich an den Tagesieger Mickael Rasmussen abgeben. Bemerkenswert aber, dass Gerdemann in der Gesamtwertung weiter auf dem zweiten Platz liegt. „Das war heute kein guter Tag für uns, aber so ist das Rennen», bilanzierte der Jungstar.
Da wusste er noch nichts von der Katastrophe, die sich kurz darauf ereignete. Gerdemanns Teamkollege Patrik Sinkewitz stieß auf der Abfahrt zum Teambus, der die Mannschaft ins Hotel nach Val d'Isere bringen sollte, mit einem Zuschauer zusammen. Beide verletzten sich schwer. Der Mann, ein Fan aus Luxemburg, wurde in "bedenklichem Zustand", so das Tour-Bulletin, mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus nach Grenoble geflogen. Dort liegt er seitdem im Koma. Sinkewitz brach sich die Nase und erlitt eine Gehirnerschütterung.
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