Interview mit dem Kardiologen Prof. Herbert Löllgen

“Bewegung ist das beste Rezept für Gesundheit“

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06.03.2020  |  Ärzte können ihren Patienten seit einiger Zeit ein Rezept ausstellen, um diese zu mehr Bewegung zu motivieren. Der Experte Professor Herbert Löllgen erklärt die Idee des "Rezepts für Bewegung", wie und wo man es erhalten und einlösen kann, und für welche Menschen und welche gesundheitlichen Beschwerden es sich besonders gut eignet.

Die Idee zum „Rezept für Bewegung“ entstand in den achtziger Jahren in Deutschland. Zuerst durchgesetzt hat es sich allerdings in Neuseeland und Schweden. Seit einigen Jahren ist es aber auch hierzulande erhältlich. Endlich, denn Bewegung und Sport wirken bei einigen Krankheiten erwiesenermaßen besser als einzelne Medikamente...

Sie setzen sich dafür ein, dass Ärzte ihren Patienten "Rezepte für Bewegung" ausstellen. Was ist unter einem "Rezept für Bewegung" genauer zu verstehen?
Professor Löllgen: Das Rezept ist in zwei Variationen entwickelt. Zum einen im Hinblick auf das Siegel "Sport pro Gesundheit" des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Hier können qualitätsgesicherte Kurse belegt werden zu Ausdauer, Kraftttraining, Entspannung, Sport mit Älteren oder Sport mit Kindern. Zum anderen kann ein Rezept dem Patienten gegeben werden, um sich körperlich individuell nach den 'Fida'-Kriterien zu betätigen. Diese Kriterien sind Frequenz, also Häufigkeit pro Woche, Intensität des Sports, Dauer pro Trainingseinheit und Art des Sports. Dabei kann die Belastung indivudell nach Alter und Geschlecht festgelegt werden.

Sie sagen, dass körperliche Aktivität wie ein Medikament wirkt. Worin bestehen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Bewegung und einem Medikament? 
Körperliche Aktivität hat zahlreiche Indikationen, kann also zur Prävention und Therapie verschiedener Krankheiten eingesetzt werden. Körperliches Training zeigt eine nicht geradlinige Dosis-Wirkungs-Beziehung. Das bedeutet, dass der Zusammenhang zwischen dem Maß an körperlicher Leistung und den daraus resultierenden Gesundheits-Effekten nicht gleichmäßig ist, sondern die größte Wirkung beim Wechsel von Bewegungsmangel zu moderater Bewegung festzustellen ist.

Noch mehr Sport heißt also nicht unbedingt noch mehr Gesundheit?
Eine weitere Steigerung des Trainingsumfangs verbessert zwar die Leistungsfähigkeit, die Gesundheit und die Lebenserwartung jedoch nur geringfügig mehr. Aber es gibt weitere positive Effekte: Körperliche Betätigung hat auch gesicherte positive Auswirkungen auf seelische Funktionen. Es bestehen im Vergleich zu Medikamenten wenige Nebenwirkungen und seltener Gegenanzeigen. Zudem wirkt körperliche Aktivität bei einigen Krankheiten stärker als ein einzelnes Medikament.

Wie genau funktioniert das "Rezept für Bewegung"?
Man trägt die oben aufgeführten Fida-Angaben in das Rezept für "Sport pro Gesundheit" ein. Dann kann der Patient bei einem Verein die Kurse belegen, die ihm der Arzt vorgeschlagen hat.

Die Idee eines "Rezepts für Bewegung" entstand bereits 1982. Aber erst in den letzten Jahren scheint es sich langsam durchzusetzen. Warum hat das so lange gedauert?
Die Idee konnte sich anfangs nicht durchsetzen. Zum einen, weil Ärzte damals zu sehr auf Medikamente Wert legten. Zum anderen, weil die Bedeutung der körperlichen Aktivität damals umstritten war. Erst zahlreiche Studien ab 1995 haben dann den hohen Stellenwert von Bewegung und Aktivität gezeigt. Daraufhin hat man die Idee des Rezeptes wieder hervorgeholt.

Wo in Deutschland kann man ein "Rezept für Bewegung" erhalten? Wo kann man es einlösen? Und werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen?
Das "Rezept für Bewegung" kann jeder Arzt ausstellen. Er erhält die Vordrucke beim jeweiligen Landessportbund oder Sportärztebund. Einlösen kann man es bei jedem Verein mit dem Qualitätssiegel "Sport pro Gesundheit". Die Kosten für das "Rezept für Bewegung" werden von den Krankenkassen nicht übernommen, lediglich die Kosten für die Kurse "Sport pro Gesundheit", an denen man mit diesem Rezept teilnehmen kann. Die Kosten dieser Kurse werden von den Kassen meist zu einem großen Anteil übernommen.

Die Arztkosten muss man also selbst übernehmen?
Bisher ja. Es bleibt zu hoffen, dass das neue Präventionsgesetz eine Änderung dahingehend bewirkt, dass die Krankenkassen weitere oder alle Kosten übernehmen. Das Ausstellen des Rezepts mit erklärendem Gespräch des Arztes dauert in der Regel bis zu zehn Minuten und länger.

Muss der austellende Arzt bestimmte Qualifikationen haben?
Das individuelle "Rezept für Bewegung", wie es auch europaweit eingeführt wurde, kann jeder Arzt im Rahmen einer Beratung zu einem aktiven Lebensstil ausstellen. Er sollte sportmedizinische Grundkenntnisse haben und meist auch eine sportärztliche Vorsorgeuntersuchung durchführen, um Risiken zu vermeiden. Noch ein Wort zu den Leistungsübernahmen der Krankenkassen. Was diese in den meisten Fällen übernehmen, sind zwei Drittel des Betrags für eine sportärztliche Vorsorgeuntersuchung, die man gegebenenfalls im Anschluss an das "Rezept für Bewegung" machen sollte – insbesondere, wenn man älter als 35 Jahre ist.

Kennen die meisten der niedergelassenen Ärzte das „Rezept für Bewegung“? Und wird es von den Ärzten auch häufiger verschrieben?
Das "Rezept für Bewegung" ist leider noch zu wenig bekannt. Die Landessportbünde bewerben es, ebenso die Sportärzteverbände. Mit Hilfe von Werbemitteln und Arztinformationen soll das Rezept weiter bekannt gemacht werden. Hier ist der DOSB maßgeblich beteiligt.

Wie sieht Ihrer Meinung nach eine optimale Beratung durch den Arzt hinsichtlich des "Rezepts für Bewegung" aus? Sprechen mehr Ärzte ihre Patienten auf die Vorteile von Bewegung für die Gesundheit und speziell auf das "Rezept für Bewegung" an?
Die optimale Beratung umfasst die Erkennung der Risiko-Faktoren wie Bewegungsmangel, Übergewicht, Bluthochdruck, Fehlernährung und Nikotin-Missbrauch. Vor allem bei Bewegungsmangel sollte jeder Arzt den Patienten auf die positiven Auswirkungen von Bewegung, körperlicher Aktivität und Sport ansprechen. Je nach Alter und Gesundheitszustand ist dann eine Vorsorgeuntersuchung anzuraten. Allein das Ansprechen auf regelmäßige Bewegung führt bei vielen Patienten zum Nachdenken, was der Arzt weiter unterstützen sollte.

In anderen Ländern wie Neuseeland oder Schweden wurde das "Rezept für Bewegung" bereits vor längerer Zeit eingeführt. Welche Erfahrungen hat man dort damit gemacht?
Die Erfahrungen in diesen Ländern sind ausgesprochen positiv. Nachuntersuchungen haben dort gezeigt, dass viele Menschen sich aufgrund des Rezepts mehr bewegen als jemals zuvor in ihrem Leben.

Welchen Menschen mit welchen gesundheitlichen Beschwerden raten Sie unbedingt den Arzt nach dem "Rezept für Bewegung" zu fragen?
Alle Patienten mit Übergewicht, Bewegungsmangel und Fehlernährung. Aber auch solche mit Bluthochdruck, Diabetes mellitus und alle älteren Patienten. Alle diese Gruppen profitieren besonders von körperlicher Aktivität.

Wo kann man sich - abgesehen vom Arzt - über das "Rezepts für Bewegung" informieren?
Ein Merkblatt ist bei den Sportärzte-Verbänden erhältlich: "10 goldene Regeln". Auch das Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) hilft weiter. Weitere Informationen sind ebenfalls bei DGSP erhältlich. Auch der DOSB hat zusammen mit Ärzten ein Merkblatt herausgegeben. Darüber hinaus bieten alle Landessportbünde hilfreiche Informationen an.

Zwei Bewegungs-Tips von Prof. Löllgen
Die folgenden Übungen sind einfache, aber effektive Übungen zur Stärkung der Muskulatur. Sie sollten vor allem im Alter neben einem regelmäßigen Ausdauer-Training gemacht werden. (ca 150 Minuten pro Woche). Beide Übungen möglichst regelmäßig am Morgen durchführen.

Kniebeugen auf einem Bein
Täglich auf einem Bein stehend bis zu 50 Kniebeugen machen – je nach Fitness-Zustand ohne sich festzuhalten. Damit verbessert man die Funktion und Stabilität der Beine und der Beinmuskulatur und absolviert zugleich ein sensomotorisches Training.

Türrahmen-Drücken
Täglich im Türrahmen mit beiden Armen gegen die Längsbalken drücken, 5 x 5 Sekunden, und ebenso 5 x 5 Sekunden gegen den Querbalken nach oben. Damit stärkt man die Armmuskulatur.

Professor Dr. Herbert Löllgen ist niedergelassener Kardiologe in Remscheid. Zuvor war er Chefarzt im Klinikum Remscheid und leitender Kardiologe an der Ruhr-Universität Bochum. Neben der Kardiologie gehören die Sport- sowie Luft- und Raumfahrt-Medizin zu seinen Forschungsschwerpunkten. Als begeisterter Hobbysportler hat er früher regelmäßig Laufstrecken bis 42 Kilometer absolviert, inzwischen beschränkt er sich auf die Halbmarathon-Distanz.

Das Interview haben wir von der Netzseite "InForm" übernommen (vielen Dank!), eine Initiative der Bundesministerien für Gesundheit und für Ernährung, die das Ziel verfolgt, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten in Deutschland nachhaltig zu verbessern.
Auf dieser Seite geben viele weitere Experten wie Prof. Löllgen Einblicke in neue wissenschaftliche Erkenntnisse rund um die gesunde Lebensführung.

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