Der schönste Rennrad-Anstieg der Welt - Leser-Geschichte

Trail Ridge Road: Über die “Great Divide“ - auf 3714 Meter

Von Andy Sager

Foto zu dem Text "Trail Ridge Road: Über die “Great Divide“ - auf 3714 Meter "
| Foto: Andy Sager

27.04.2020  |  Vor drei Tagen hatten wir Sie gebeten, geschätzte Nutzer, über den schönsten Rennrad-Anstieg der Welt abzustimmen (können Sie übrigens noch bis Donnerstag tun...) - und uns dazu Ihre Geschichte zu mailen. Hier nun die erste, und sie führt gleich auf die höchste Passtraße der USA (die auch eine der höchsten weltweit ist), die Trail Ridge Road im Rocky Mountains Nationalpark in Colorado. Lesen Sie selbst...

Was war das denn? 1600 Meter Aufstieg, 3714 Meter Passhöhe, alpine Tundra, eine kontinentale Wasserscheide - und dann noch Winde, die einen samt Velo mir nichts, dir nichts quer über die Strasse pusten. Sowas hatte ich noch nie erlebt… Doch der Reihe nach…

Wir sind recht zeitig in Estes Park gestartet,
da Becky und Larry, unsere Gastgeber, beide früh zur Arbeit mussten. Also ging es um halb sieben nach einem gemeinsamen Frühstück auf die Piste. Larry, der für den Nationalpark arbeitet, gab uns noch ein paar Tips - und warnte uns vor dem Wind, der für heute angesagt war.

Falls wir es uns unterwegs anders überlegen, wären wir wieder herzlich willkommen, meinte er zum Abschied. Er wusste wohl, was uns erwartet... So  ging es zunächst frohen Mutes rein in die Berge. Ein wunderbarer Aufstieg im Rocky Mountains National Park belohnte uns für unsere Mühen mit Sonne, guten Strassen, wenig Verkehr und traumhaften Aussichten.

So stellt man sich eine perfekte Berg-Etappe vor:
2800, 2900, 3000, 3100, 3200 Meter… Je höher wir kamen, desto weniger wurden die Bäume, desto stärker wurde der Wind. Und umso tiefer sanken die Temperaturen. Pausen mussten dennoch sein, schliesslich atmet es sich auf dieser Höhe nicht mehr ganz so ring.

Die Aussichtspunkte wurden immer spektakulärer, die bewundernden Blicke der Autofahrer häufiger. Mancher gab uns ein wohlwollendes Handzeichen, was nochmals Energie freisetzte. So näherten wir uns langsam, aber sicher der angesagten maximalen Höhe von 3714 Metern. Bis hierhin zog es zwar schon richtig, aber noch erträglich.

Als wir dann auf der Passhöhe um eine Felsflanke
kurvten, riss es uns praktisch von den Velos. Der Wind war so stark und derart wechselhaft, dass ans Fahren nicht wirklich zu denken war. Wir retteten uns  zu Fuss zum nächsten Parkplatz - nur um bald festzustellen, dass wir keine Wahl hatten. Im Schritttempo liessen wir uns den Berg hinunterwehen, immer wieder mussten wir stoppen, um die Landung neben der Strasse zu vermeiden.

Mittlerweile war es eisig kalt, das Thermometer zeigte gerade mal ein Grad Celsius an. Dazu kamen Windböen, wie ich sie selten erlebt habe. Als es nochmals aufwärts ging, mussten wir wieder schieben. Zu gerne hätten wir die Hände in den Jackentaschen gewärmt - doch der Wind war so stark, dass wir unsere Velos mit beiden Händen festhalten mussten, um sie nicht gleich ans Tobel (schweizerdeutsch für Schlucht; d.Red.) zu verlieren.

So erreichen wir schliesslich irgendwann
unseren letzten Höhepunkt für heute, den Milner-Pass (3279 m), "Great Divide" genannt, die Wasserscheide zwischen Atlantischem und Pazifischem Ozean. Von hier waren es dann gottseidank nur noch zwei Kilometer, einigermaßen windgeschützt, bergab bis zum Visitor Center und zum Restaurant, wo wir uns mit Suppe und heisser Schoggi aufwärmen.

Auch hier sind wir eine kleine Attraktion: Ein älterer Herr fragt, ob wir tatsächlich mit dem Velo von Estes Park hierhin gefahren sind. Als Belohnung gibt's ungläubige Blicke und einen Apfel. Der Mann am Nebentisch staunt: „Und das bei dem Wind!? Ich konnte kaum meine Autotür aufmachen…“

Nach der Rast mussten wir irgendwann
wieder raus. Warm eingepackt nahmen wir die wunderbare Abfahrt nach Grand Lake - sie entschädigte für vieles, auch wenn der Wind nur wenig nachliess und die Temperaturen nochmal kühler waren als im Osten. Unten angekommen, konnten wir am Wegesrand Elche, Hirsche und Rehe bestaunen - leicht auszumachen an den Autos, die für ein Foto anhielten.

Wir kurvten weiter nach Grand Lake, unser Minimal-Tagesziel. Doch wir waren zeitig dran, und wollten noch ein paar Kilometer machen - bis Granby, vielleicht sogar bis Hot Sulphur Springs. Es wurde jedoch bald wieder unangenehmer, die Wolken verdichteten sich, der Wind drückte, und wir hatten beide ob der schnellen Auf- und Abstiege etwas „blöde Köpfe“. So entschieden wir uns, in Granby Schluss zu machen. Eine gute Entscheidung, wie der Rezeptionist im Hotel bestätigte: Morgen soll es weit weniger windig sein...

Die Daten
109,86 km | 6 h 11 min Fahrzeit | Höchster Punkt 3714 Meter | 1763 Höhenmeter Anstieg | 17.8 km/h Schnitt

Andy Sager stammt aus Waldkirch im Schweizer Kanton St Gallen. Zusammen mit seinem Bruder Rolf war er schon diverse Male mit Renner und Rucksack monatelang unterwegs - vor allem in Frankreich und den USA.

 

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