Wer gewinnt heute die Tour de Suisse?

Yates und Almeida: Teamkollegen und Gegner auf Augenhöhe

Von Joachim Logisch

Foto zu dem Text "Yates und Almeida: Teamkollegen und Gegner auf Augenhöhe"
Hand in Hand überqueren die UAE-Teamkollegen Adam Yates (li.) und Joao Almeida die Ziellinie der 7. Etappe der Tour de Suisse. | Foto: Cor Vos

16.06.2024  |  (rsn) - Das sieht man nicht alle Tage. Ungeniert beharken sich die beiden UAE-Emirates-Profis Joao Almeida und Adam Yates seit drei Etappen um den Gesamtsieg bei der bei der 87. Tour de Suisse. Ungewöhnlich daran ist, dass der Grund des internen Konkurrenzkampfes nicht von Gegnerschaft, sondern einer großen Einigkeit getragen wird. Gestern fuhren beide sogar Hand in Hand als Erste über die Ziellinie in Villars-sur-Ollon.

"Wir wussten von Anfang an, dass es für uns beide ein gutes Rennen werden würde. Das haben wir in den letzten Tagen bewiesen. Wir sind beide in guter Form und kämpfen beide um den Sieg. Es ist superschön für das Team, in dieser Position zu sein“, erklärte Almeida das Geschehen, das so manchen sprachlos an der Seite stehen lässt. “Solange wir Erster und Zweiter werden - es ist egal, wer es wird - sind wir beide glücklich“, fügte er an.

Im Finale der 4. Etappe hinauf zum Gotthardpass hielt sich der Portugiese noch zurück, als sein Mannschaftskollege den Ausreißern um den späteren Tagessieger Torstein Traeen (Bahrain Victorious) nachstieg, um mit Platz zwei im Ziel das Gelbe Trikot zu übernehmen. Almeida wurde Vierter und rückte damit im Gesamtklassement auf Rang zwei (+0:26) vor.

Einen Tag später zog der Portugiese den Gelben ins Ziel der Bergankunft in Cari. Nachdem Yates attackiert hatte, um den Tagessieg zu holen, bleib Almeida zunächst bei den Verfolgern, um dann seinerseits zu kontern, als die Gegner Schwächen zeigten. Normalerweise ist das verpönt, weil es die Konkurrenz wieder zum Spitzenreiter nachziehen könnte. Nicht so in diesem Fall. Almeida belegte Platz zwei (+0:06) mit elf Sekunde Abstand zu Egan Bernal (Ineos Grenadiers), dessen Abstand in der Gesamtwertung auf 1:11 Minuten anwuchs.

>Auch auf der vorletzten Etappe dominierte das UAE-Duo

Nachdem sie ihre Führung in der Gesamtwertung zementiert hatten, konnten die UAE-Stars ungehindert austesten, wer von beiden der Stärkere ist. Am Ende der 6. Etappe war es Almeida, der Yates auf den letzten 300 Metern abschüttelte und vor dem Mann in Gelb gewann. Sein Rückstand in der Gesamtwertung schrumpfte von 35 auf 27 Sekunden.

Auch die 7. und damit vorletzte Etappe am Samstag dominierte das Duo aus dem Emirate-Rennstall. Drei Kilometer vor Schluss griff Almeida an, um den Österreicher Felix Gall (Decathlon AG2R La Mondiale) zurückzuholen. Yates blieb bei den Verfolgern Matthew Riccitello (Israel – Premier Tech) und Wilco Keldermann (Vima – Lease a Bike), obwohl er von Almeida mit einem Kopfnicken aufgefordert wurde, ihm zu folgen. Als er nicht sofort reagierte, verringerte Almeida, der in Vertretung von Yates das Schwarze Punktetrikot trug, das Tempo geringfügig, so dass die drei aufschlossen.

Als Gall eingeholt war, übernahm Yates das Kommando und nur Almeida konnte folgen. Bis zur Ziellinie blieb der Gelbe an der Spitze, um dann den Schwarzen an seine Seite zu holen. Im Sattel aufgerichtet, mit gegenseitigen Ehrbezeugungen überquerten sie einträchtig das Ziel, wobei Almeida seinem Kollegen den Vortritt ließ.

"Er ist so ein netter Kerl", sagte Yates nach der Etappe über Almeida. "Als wir dort am Ende wegkamen, diskutierten wir, was wir tun sollten. Ich fragte ihn, ob ich die Etappe haben könnte, und er sagte sofort ja. Das zeigt, was für ein Charakter er ist. Er ist so ein netter Kerl und er ist in einer so guten Verfassung, dass er leicht selbst gewinnen könnte“, lobte der Brite den Teamkollegen. "Das ist eine großartige Eigenschaft, nicht nur als Radfahrer, sondern auch als Mensch, also Chapeau für ihn.“

Durch das Etappenergebnis vergrößert sich Yates' Vorsprung auf Almeida auf 31 Sekunden vor der letzten Etappe am Sonntag, einem 15,7 Kilometer langen Zeitfahren von Aigle nach Villars-sur-Ollon, das überwiegend bergauf führt. Bernal, Mattias Skjelmose (Lidl – Trek)und Riccitello vervollständigen die Top 5 mit 1:51, 2:50 bzw. 3:02 Rückstand.

Trotz seines komfortablen Vorsprungs von 31 Sekunden sieht sich Yates nicht als Topfavorit auf den Gesamtsieg, sondern vielmehr Almeida. "Ich denke, er wird auf mich im Zeitfahren fast eine Minute gutmachen, also bin ich sicher, dass man ihn morgen ganz oben sehen wird", sagte der Spitzenreiter. "Ich denke, er hat in den letzten Tagen gezeigt, wie stark er ist, wenn er sein verrücktes Tempo fährt. Wenn er morgen bei der TT alleine ist, denke ich, dass er hier hochfliegen wird. Und dann können wir hoffentlich wieder gewinnen."

Hauptsache, einer von ihnen. Wer von beiden, ist Almeida und Yates egal. Das kommt im professionellen Radsport nur selten vor!

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