Juli Zeh - “Neujahr“ - Buchvorstellung

Strampeln - am Rad und im Leben

Von Wolfgang Preß

Foto zu dem Text "Strampeln - am Rad und im Leben"
| Foto: Luchterhand Verlag

01.01.2019  | 

Lanzarote, Neujahr, früher Morgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad, und strampelt. Er strampelt den Anstieg nach Femés hoch, am Fuß des Vulkans Atalaya. "Erster Erster, ein Tag wie geschaffen für eine Herausforderung", hat Henning gedacht, als er die Tour plante: "Er wird dem neuen Jahr gleich mal zeigen, was eine Harke ist."

Aber sein Leihrad ist schwer, Wasser und Proviant hat er vergessen,
er kämpft gegen Wind und Steigung. Dabei lässt Henning sein Leben Revue passsieren. Eigentlich alles in Ordnung: Zwei gesunde Kinder, ordentlicher Job, mit seiner Frau Theresa teilt er sich die Familienarbeit. Trotzdem geht es Henning schlecht. Er fühlt sich permanent überfordert - als Ernährer, Ehemann, Vater; in keiner Rolle findet er sich wirklich wieder. Und seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Panik-Attacken, die er "ES" nennt.

Radfahren ist für Henning "pure Entspannung, beim Radfahren erholt er sich, auf dem Rad ist er mit sich selbst allein. Eine schmale Schneise zwischen Beruf und Familie." Früher ist Henning viel und lang gefahren, "manchmal mehr als hundert Kilometer". Aber er "trainiert zuhause nicht mehr, er kommt einfach nicht dazu". Da hilft auch der Lieblingssatz seiner Frau wenig: "Es ist nur eine Phase".

Die Straße wird steiler, der Wind stärker, Henning quält sich.
Er "beginnt, stumm im Takt der Tritte zu skandieren: Scheiß-Wind, Scheiß-Wind, Scheiß-Wind. Die Wut gibt ihm Kraft. Das Treten scheint ein wenig leichter zu gehen. Es ist eine allgemeine Wut. Nicht nur auf Straße, Wind und Berg. Es ist eine Wut auf alles, eine Wut wie ein Energiefeld, wie Hitze oder Licht.

Henning brennt innerlich. Scheiß-Job, Scheiß-ES, Scheiß-Welt." Und dann bricht es aus ihm heraus: Scheiß-Theresa, Scheiß-Jonas, Scheiß-Bibbi, Scheiß-Kinder, Scheiß-Familie. Er denkt es nicht mehr, er schreit. Er hat keine Ahnung, was er damit meint. Es gibt niemanden auf der Welt, den er so sehr liebt."

Als Henning schließlich erschöpft die ersten Häuser
von Femés erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier. Es folgt der freie Fall in die eigene Vergangenheit, in die Erinnerung an ein Kindheitserlebnis, das Henning zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist.

Gut 75 Seiten schildert Juli Zeh lebendig und anschaulich, wie Henning die Rampe zum Vulkan bewältigt, einschließlich seiner immer wieder weit abschweifenden Gedankengänge aus seinem und über sein Leben. Dann beginnt der zweite Teil des Romans, die Rückblende auf ein verdrängtes Erlebnis seiner Kindheit: Henning und seine zwei Jahre alte Schwester Luna sind mit ihren Eltern im Urlaub auf Lanzarote.

Natürlich sind sie genau in dem Haus untergebracht,
in dem Henning jetzt am Ende seiner Tour von einer Künstlerin mit Getränken und Obst versorgt wird. "Neujahr" erzählt damit auch von der Unfreiheit, die Herkunft und Identität bedeuten. Und von der Unfreiheit, die man sich selber schafft, von den Abgründen, die sich auftun, wenn man sich dieser Unfreiheit entledigen will.

Henning ist ein emanzipierter Mann - aber er beneidet die Männer, die an diesem Morgen nicht auf einem Fahrrad sitzen, sondern ihren Silvester-Rausch ausschlafen: "Männer, die keine Kinder haben. Oder es besser hinkriegen als er." Henning und Theresa verfolgen das, was sie als ihren richtigen Lebensentwurf ausgemacht haben: "Sie teilen sich Kinder und Beruf. Das ist ihnen wichtig. Sie haben einiges auf sich genommen, um ihr Modell bei den Arbeitgebern durchzusetzen." Aber man spürt bald, dass die Panik-Attacken, die Henning immer wieder durchleidet, Symptom einer konstanten Selbstüberforderung sind.

In einem Interview mit der Berliner Zeitung bemerkte
die promovierte Juristin Juli Zeh etwas, das ein Schlüsselsatz zu ihrem neuen Buch sein könnte: "In den vergangenen Jahren wurden unter dem Stichwort Emanzipation viele Gewissheiten über Bord geworfen, auf denen sich sozialer Zusammenhalt stützte. Das war auch richtig. Es wurde allerdings nicht daran gedacht, dass das den Einzelnen überfordern kann."

"Neujahr macht diese Dynamik erzählerisch erfahrbar - ohne didaktischen Zeigefinger, aber auch mit dem Privileg von Literatur, nicht gleich eine politische Lösung parat haben zu müssen. Man muss den Roman deshalb noch lange nicht als Parabel lesen und täte ihm auch unrecht, würde man ihn auf ein Gleichnis reduzieren.
Die gesellschaftspolitische Ebene ließe sich beim Lesen ausklammern; es bliebe dann immer noch ein gut geschriebenes und klug konstruiertes Buch, eine Art Psychothriller. Aber weil beides, der Thriller und die Gesellschafts-Analyse, hier so dicht ineinandergreifen, ist "Neujahr" vielleicht Juli Zehs bislang bestes Buch."
Karin Janker, Süddeutsche Zeitung

Juli Zeh, Neujahr, Roman; Hardcover mit Schutzumschlag, 192 Seiten, 13,5 x 21,5 cm; ISBN: 978-3-630-87572-9; 20 Euro [D]; 20,60 Euro [A]; 28,90 Franken [CH]

 
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