Vor 60 Jahren in der “Grünen Hölle“ Nürburgring

Als Altig den Finger in den Hals steckte und Weltmeister wurde

Von Zeitzeuge Klaus Angerrmann

Foto zu dem Text "Als Altig den Finger in den Hals steckte und Weltmeister wurde"
Rudi Altig zum letzten Mal im Gelben Trikot nach dem Prolog der Tour de France 1969 in Roubaix. | Foto: Privatarchiv Angermann

27.08.2026  |  Zum 60. Jahrestag des Weltmeistertitels von Rudi Altig hat die deutsche Radsport-Reporterlegende Klaus Angermann sich an damals erinnert. Der inzwischen 88-Jährige war Wegbegleiter des vor zehn Jahren verstorbenen Mannheimers, hat eine schriftliche Laudatio auf das sportliche Lebenswerk Altigs verfasst und fordert dessen Aufnahme in die sogenannte 'Hall of Fame des deutschen Sports'. radsport-news.com wünscht viel Spaß beim Lesen dieses externen Beitrags!

Der morgige Freitag, 28. August 2026, steht eigentlich für einen Sonntag - jenen Sonntag anno 1966, der den Mannheimer Rudi Altig im deutschen Radsport "unsterblich" machte, als er auf dem Nürburgring das Regenbogentrikot der Radprofis gewann. Ein Triumph bei Nebel und kühlem Wetter auf dem Kurs der Formel 1 in der Eifel, den seitdem kein Deutscher wiederholen konnte. Wer weiß das noch? Ich war dabei!

Altig besiegte auf jenen 273 Kilometern – zwölf Runden à 22,8 km, davon 50 % Steigung, 45 % Abfahrt – den gesamten damaligen Adel der Straßenfahrer mit Anquetil, Poulidor, Stablinski, Aimar, Motta, Simpson, Gimondi, Zilioli, Dancelli, Reybrouck, Janssen, Jimenez und den jungen Merckx.

Von 74 Teilnehmern erreichten nur 22 das Ziel der Berg- und Talfahrt. Zermürbend die 37 Kurven jeder Runde und deren Schikanen wie Hohe Acht, Schwalbenschwanz, Brünnchen, Kesselchen, Caracciola-Karussell... Es war ein Ausscheidungsrennen, das nicht nur Titelverteidiger Tom Simpson zerrieb, sondern auch die Deutschen Junkermann, Wolfshohl, Kunde, Peffgen, Horst Oldenburg und Rudis Bruder Willi, den Aufopferungsvollen. Nur Winfried Bölke hielt eisern durch, kam als 16. ins Ziel.

Deprimierende Anfangsrunden

Deprimierend für den späteren Triumphator waren die Anfangsrunden: Zweimal musste Altig vom Rad und die Finger in den Hals stecken, um seinen Magen vom Ballast des Frühstücks zu erleichtern... das damals noch aus Steak mit Reis oder Haferschleim bestand.

Doch wie hatte Altig bei der Pressekonferenz vorhergesagt? "Dieses Rennen kann nur ein Fahrer gewinnen, der sich schindet, quält und seine Kräfte genauestens einteilt." Mit dieser Devise kam Altig zurück, ließ sich von schadenfrohen Blicken der Konkurrenten nicht ärgern und erst recht nicht verführen von deren Attacken.

Klaus Angermann interviewte den frischgebackenen Straßen-Weltmeister Rudi Altig 1966 beim Sechstage-Rennen in Frankfurt. | Foto: Privatarchiv Angermann

Beherrscht nutzte er, der sonst so Aggressive, seinen Heimvorteil, die Kenntnis der Eifel-Strecke, die er - daheim im nahen Bergischen Land - wohl an die hundertmal studiert hatte. Auch die Pfiffe vieler der 100.000 Zuschauer ließen ihn kalt, als er mit 40 Sekunden Rückstand in die zwölfte und letzte Runde preschte - und die Spitze erreichte: Poulidor, Motta, Zilioli und Anquetil. "Chrono-Maître" Jacques Anquetil, der fünfmalige Tour-Sieger, wollte bei seiner elften WM-Teilnahme endlich Weltmeister werden. "Jacques entschlossener Blick verriet mir alles", erzählte Altig später. So wurde das WM-Finale 1966 zum verbissenen Duell zweier Freunde.

Zweimal attackierte Altig, zweimal wurde er zurückgeholt. Der dritte und finale Versuch brachte den Triumph vor Anquetil und Poulidor. Aus Enttäuschung darüber "versäumte" Anquetil die Siegerehrung.

WM-Titel war die Krönung des kompletten Athleten

Dieser Weltmeistertitel 1966 war die Krönung eines kompletten Athleten auf dem Rennrad - einem Rouleur und Sprinter der Extraklasse, einem bärenstarken kämpferischen Charakter, stets optimistisch, kameradschaftlich zu Kollegen, begeisternd für das Publikum, oft zu Späßen aufgelegt - wie beispielsweise vor einer Tour-de France-Etappe, als "Rüdi" mit einem Tourenrad erschien, angezogen wie ein Wanderer, mit Rucksack. In Frankreich nannte man ihn bewundernd "sacré Ruedi" – "heiliger Rüdi".

Seine Karriere - dokumentiert auch im berühmten belgischen Statistikwerk "Velo Gotha" - ist eine Revue von Erfolgen auf Bahn und Straße: 1959,'60,'61 mit drei WM-Titeln im Verfolgungsfahren, 1962 mit dem Sieg bei der Vuelta, bei der eigentlich Teamgefährte Anquetil der "Gesetzte" war und bei der Altig 1965 seinen linken Oberschenkel brach und dennoch im selben Jahr Zweiter der WM wurde.

Rudi Altig im Windschatten von Christian Raymond bei einem Nach-Tour-Kriterium 1968. | Foto: Cor Vos

Glanzlichter setzten die Triumphe bei Flandern-Rundfahrt (1964), Mailand-Sanremo (1968), beim deutschen Klassiker Rund um den Henninger-Turm, den italienischen Classica Piemont- und Toscana-Rundfahrt sowie Mailand-Turin. Es gehörten dazu Paris-Luxemburg, die Andalusien-Rundfahrt, Monumente im Zeitfahren - aus dem Rennkalender längst verschwunden - wie die Grand Prix Lugano, Algier (mit Rivière), die Cronstaffetta (mit Motta + Balmamion).

Altig schleppte Anquetil zum Sieg

Historisch und unvergessen bleibt die Baracchi-Trophäe von 1962, das 100km-Paar-Zeitfahren von Bergamo. Mit Partner Anquetil auf Siegeskurs gingen beim Franzosen auf den letzten 20 Kilometern "die Lichter aus". Altig schleppte und schob den total erschöpften Copain quasi ins Ziel. Zum Sieg.

Zementiert ist Altigs Ruhm gleichsam in seinen vier Frankreich-Rundfahrten: seinen acht Etappensiegen, den 18 Tagen in Gelb (1962/4, 1964/3,1966/9, 1969/2). Dazu das Grüne Trikot, das er 1962 als erster Deutscher erkämpfte. Eine Spur, der drei Jahrzehnte später Olaf Ludwig und Erik Zabel erfolgreich folgten.

Einen kleinen Anteil an Altigs letzten TDF-Erfolg 1969, am Sieg im Prolog und am Gelben Trikot hatten übrigens auch der Autor dieser Laudatio und sein Frankfurter Kollege Helmer Boelsen. Altig hatte uns beim 10,4-km-Auftaktzeitfahren in Roubaix den Auftrag gegeben: "Ihr steht am roten Lappen und ruft mir dort den Abstand zu Merckx zu!" Der hatte, früh gestartet, Sieg versprechende 13:07 Minuten vorgelegt.

Zeitnahme am Checkpoint Rudi

So standen wir zwei Journalisten dann als Zeitnehmer am "Checkpoint Rudi". Die Herzen schlugen schneller als die ZDF-Stoppuhr in meiner Hand. Der Zeiger tickte, tickte, Rudi schoss heran und ich konnte ihm zurufen "acht plus, acht plus !!" Schneller als Merckx hatte er die 1.000-Meter-Marke erreicht. Mit diesem "Doping" jagte Altig ins Ankunftsstadion der Hölle des Nordens und hatte am Ziel sieben Sekunden Vorsprung!

Noch einmal hatte der Freund das Gelbe Trikot erobert. Er trug es zwei Tage. Dann nahm es Merckx ihm ab. Die Stoppuhr von 1969 gibt es noch immer, als kleiner Schatz in meinem Archiv.

Dem Radsport treu geblieben ist Altig auch nach seinem Rücktritt 1971: als Bundestrainer, als "Einwicklungshelfer" im damaligen Persien, als Sportlicher Leiter des Puch-Rennstalls, viele Jahre als Ideengeber und Markenbotschafter von Velo Schauff sowie als origineller TV-Experte bei Eurosport und ARD. Er dirigierte als Rennleiter im Cockpit Rund um den Henninger Turm, Eschborn-Frankfurt, die Niedersachsen Rundfahrt, Rund um Köln und Deutsche Meisterschaften.

Rudi war immer ansprechbar, wenn er Gutes tun konnte

Die schon in der Mannheimer Jugendzeit ihm und Bruder Willi von Mutter Christina und Traineridol Karl Ziegler anerzogene Bodenhaftung bewies Rudi national auch durch ein breites soziales Engagement. Rheinland-Pfalz-Ministerpräsident Kurt Beck lobte ihn dafür bei der Trauerfeier nach Rudis Tod 2016 als "immer ansprechbar, wenn es darum ging, für andere etwas zu tun." Dafür stehen unter anderem die Aktion Sorgenkind, die Tour der Hoffnung und - bis heute fortgesetzt - das von ihm ins Leben gerufene, spendenreiche Charity Golfturnier in Ahrweiler.

Nach seiner Karriere war Rudi Altig viele Jahre Sportlicher Leiter von Teams wie hier bei der Tour de France 1980 und bei Radrennen wie Rund um den Henninger Turm in Frankfurt. | Foto: Cor Vos

All diese Erfolge und Verdienste Rudi Altigs spiegeln seine Auszeichnungen wider, durch Sport und Staat: die Wahl zum Sportler des Jahres 1966, das Silberne Lorbeerblatt, das Bundesverdienstkreuz und der Verdienstorden von Rheinland-Pfalz. In Mannheim gibt es einen Altig-Weg, und in seiner Wahlheimat Sinzig erinnert an ihn das Denkmal Le Roi du Peloton. Der König.

Aufnahme in Hall of Fame ist überfällig

Eine Ehrerweisung jedoch wird Rudi Altig bislang vorenthalten, die Aufnahme in die Ruhmeshalle des Deutschen Sports. Gründe sind seine Dopingvergangenheit, die man aber unter den damaligen Bedingungen betrachten muss. In seiner zwölfjährigen Profilaufbahn bekam er nur einmal eine Zehn-Minuten-Strafe wegen Dopings aufgebrummt. Das war bei seiner letzten Tour de France 1969.

Altig wurde in seiner Zeit von deutschen Staatsmännern hofiert, die ihn mit Orden und Titeln geehrt haben. Weil Altig immer ehrlich und offen heraus war, gab er später zu, gedopt zu haben, was er auch nicht als großes Vergehen ansah. Natürlich haben sich heute die Ansichten geändert. Aber es bleibt, dass Altig einer der größten Sportler seiner Zeit war und deshalb in die Hall of Fame gehört!

Auch in diesem Sinne treffen sich am morgigen 28. August 2026 seine Familie mit Ehefrau Monique, Bruder Willi und fast 100 ehemalige deutsche Asse auf Einladung des Radsport-Pioniers Joachim Faulhaber im Technik Museum Sinsheim, um dort das 60 Jahre-Rudi-Altig-WM-Jubiläum zu feiern, in "Jockels Rennrad Ausstellung“. Fürsprecher und Türöffner bei dessen Entstehung 2014 war bei Museumsdirektor Herrmann Layher ein gewisser Rudi Altig.

Weitere Radsport-Markt-Nachrichten

27.08.2026Liste der ausgeschiedenen Fahrer / 6. Etappe

(rsn) - 184 Fahrer aus 23 Teams nahmen die Vuelta a Espana 2026 beim Auftaktzeitfahren in Monaco in Angriff. Nicht alle werden das Ziel an der Alhambra in Granada im Süden Spaniens erreichen. Stürz

27.08.2026Bretagne-Klassiker in Plouay als Vuelta-Alternative am Wochenende

(rsn) – Ein echter Klassiker des Männer- und Frauen-Radsports steht am Wochenende auf dem Programm und bietet eine Abwechslung zum Geschehen bei der Vuelta a Espana: der Bretagne Classic der Männ

27.08.2026Vorschau auf die Gravel-Europameisterschaften in Houffalize

(rsn) - Nach zwei Austragungen auf italienischem Boden kehren die Gravel-Europameisterschaften nach Belgien zurück. Dort wurden 2023 in Oud-Herverlee erstmals kontinentaleTitelkämpfe auf dem Schott

27.08.2026Nach acht UAE-Jahren sprintet Molano künftig für Lotto

(rsn) - In unserem ständig aktualisierten Transferticker informieren wir Sie regelmäßig über Personalien aus der Welt des Radsports. Ob es sich um Teamwechsel, Vertragsverlängerungen oder Rücktr

27.08.2026Schwere Prüfung mit 3.000 Höhenmetern inklusive Schotter

(rsn) – Auch die 6. Etappe führt in einer Schleife nahe der Mittelmeerküste entlang, wenn auch weiter südlich durch die Region Valenciana. Auf 177 Kilometern sind 3080 Höhenmeter zu bewältigen.

27.08.2026Radsport live im Stream, TV und Ticker: Die Rennen des Tages

(rsn) – Welche Radrennen finden heute statt? Wo und wann kann man sie live im Fernsehen oder Stream verfolgen? Und wo geht´s zum Live-Ticker?In unserer Tagesvorschau informieren wir über die wicht

26.08.2026Finn gewinnt auch Schlussetappe und feiert Gesamtsieg

(rsn) – Lorenzo Finn (Red Bull – Bora – hansgrohe) hat mit einem standesgemäßen Auftritt die 62. Tour de l´Avenir (2.2U) für sich entschieden. Der 19-jährige Italiener sicherte sich die abs

26.08.2026Das Strafenregister der Vuelta a Espana / 5. Etappe

(rsn) – Die Liste an potenziellen Vergehen, derer Radprofis, Teammitarbeitende oder andere am Rennen Beteiligte im Laufe einer Rundfahrt bezichtigt werden können, ist lang. Genauso lang wie das Reg

26.08.2026Van Aert kontrolliert das Feld – aber nicht seine Brille

(rsn) – Wout van Aert (Visma – Lease a Bike) war im Ziel der 5. Etappe der Vuelta a Espana (2.UWT) glücklich. Sein Team kontrollierte das Finale, der belgische Superstar hatte daran entscheidend

26.08.2026Die Highlight-Videos der Vuelta a Espana

(rsn) – Für Leser und Leserinnen, die lieber schauen statt lesen, bietet radsport-news.com die Highlight-Videos. Die Eurosport-Mitschnitte aller 21 Teilstücke der diesjährigen Vuelta a Espana (2.

26.08.2026Laporte: “Haben gezeigt, wozu wir in der Lage sind“

(rsn) – Während Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) in den Bergen dominiert, sind auch die Sprints der Vuelta a Espana 2026 bisher eine klare Sache. Matthew Brennan (Visma – Lease a Bike) ko

26.08.2026Brennan krönt perfekte Visma-Vorstellung mit zweitem Sieg

(rsn) – Nach mustergültiger Vorbereitung seines Teams hat Matthew Brennan (Visma – Lease a Bike) seinen zweiten Tagessieg bei der 81. Vuelta a Espana (2.UWT) gefeiert. Der 21-jährige Brite ließ

JEDERMANN-RENNEN DIESE WOCHE
  • Keine Termine