SCYENCE-Gründer Lukas Löer im Interview

“Smart trainieren heißt nicht, stumpf Kilometer zu sammeln“

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Lukas Löer, CEO von SYCENCE.CC | Foto: SCYENCE.CC GmbH

09.11.2026  |  (rsn) – Ob VO2max, Wattwerte oder die perfekte Ernährungsstrategie: Im Profiradsport ist die datenbasierte Trainingssteuerung längst Standard. Das Kölner Coaching-Unternehmen SCYENCE bringt dieses sportwissenschaftliche Know-how nun in den Alltag von Hobbyathleten. Gründer und Ex-Konti-Profi Lukas Löer erklärt im Interview, warum stumpfes Kilometersammeln oft in die Stagnation führt, wie man mit begrenzter Zeit das Maximum herausholt und weshalb beim Training die Konsistenz jede Heldentat schlägt.

RSN: Wie ist die Idee zu SCYENCE entstanden, und welche Vision verfolgen Sie mit Ihrem Ansatz des strukturierten Trainings im Radsport?

Lukas Loer: Ich habe immer wieder gesehen, dass ambitionierte Radsportler enorm viel investieren, Zeit, Geld und Motivation – und trotzdem bleiben viele weit unter ihren Möglichkeiten. Vor einigen Jahren fehlte es dazu an Wissen, also gründeten wir einen YouTube-Kanal mit der Vision, die Sportwissenschaften einfach und fundiert zu erklären. „Was ist eine VO2max?“, „In welchen Zonen sollte ich trainieren?“ und „Ist die Herzfrequenz eigentlich relevant oder sollte ich eher auf Watt schauen?“

Ich denke, über die Jahre hinweg haben wir und viele andere mediale Kanäle dazu beigetragen, dass ein besseres Verständnis über die Themen der Sportwissenschaften besteht. Nicht, weil wir lehrerhaft den Leuten das Wissen reingedrückt haben, sondern weil die Community einfach ein großes Interesse an der Ausdauerphysiologie aufgebaut hat. Im Profisport war die Trainingssteuerung auf Basis von Physiologie und Daten längst Standard – im Breitensport war sie lange die Ausnahme – und so haben wir versucht, diese Lücke zu schließen: Trainingswissenschaft auf Spitzenniveau so übersetzen, dass sie im Alltag eines berufstätigen Menschen funktioniert.

In unserem Coaching ist unser Ansatz, den ambitionierten Hobbyathleten die Möglichkeit zu geben, gerade bei den Anforderungen des Alltags (Beruf, Familie, Sozialleben und vieles mehr), so effizient und qualitativ trainieren zu können wie ein Profi und die Zeit, die sie investieren, bestmöglich zu nutzen.
Denn gerade der Breitensportler und die Breitensportlerin hat den größtmöglichen Bedarf, das meiste aus der Zeit herauszuholen.

RSN: Das Motto von SCYENCE lautet „Be Smart, Ride Fast“. Was bedeutet es für euch, smart zu trainieren, und worin unterscheidet sich dieser Ansatz vom klassischen Prinzip, einfach möglichst viele Kilometer zu sammeln?

Lukas Loer: Kilometer an sich sind kein Trainingsreiz, sie sind eine Messgröße. Der Körper passt sich an den Reiz an, den man ihm setzt, und an die Erholung, die man ihm danach gibt. Smart trainieren heißt, dass die Struktur der Trainingswoche einen Zweck verfolgt. Sprich die richtige physiologische Signalkaskade an, und du wirst mit hoher Wahrscheinlichkeit besser. Fahr einfach irgendwas, und der Prozess unterliegt mehr dem Zufall.

Klassisches „Kilometersammeln“ ist dabei nicht schlecht, ganz im Gegenteil. Eine breite aerobe Grundlage und die Fähigkeit, auch nach vier Stunden noch Leistung zu bringen, entstehen durch Umfang. Das Problem ist nur Volumen ohne Steuerung: zu intensiv gefahren, macht es dich nur müde, hindert dich, in der Lage zu sein, bei intensiven Trainingstagen abzuliefern.

Viele Athleten und Athletinnen, die zu uns kommen, fahren dauerhaft in diesem Mittelbereich und wundern sich dann, warum sie stagnieren. Smart heißt für uns, richtig zu dosieren, richtig zu verteilen und richtig zu erholen. Dazu gehört auch die Ernährung im Training, die oft unterschätzt wird.

Lukas Löer studierte Sportwissenschaft und war zudem als Konti-Profi im Radsport aktiv, bevor er SCYENCE.CC gründete. | Foto: leokirk

RSN: Was bedeutet strukturiertes Training im Radsport für SCYENCE?

Lukas Loer: Struktur heißt für uns nicht, dass ein starrer Plan abgearbeitet werden muss – irgendwie scheinen viele Athleten da draußen das von einem Trainingsplan zu befürchten.

Es geht vielmehr darum, dass wir vom Ziel der Athleten rückwärts planen. Wann ist der Saisonhöhepunkt? Welche Leistungsfähigkeiten entscheiden dieses Rennen oder den Radmarathon? Wo steht der Athlet / die Athletin heute? Daraus leiten wir Trainingsblöcke ab, mit klaren Schwerpunkten und geplanter Entlastung. Es ist wichtig, im wöchentlichen Wandel der Trainingsanpassungen den Fokus nicht zu verlieren.

Wir von SCYENCE verstehen jeden Plan und jede Wochen- bzw. Monatsstruktur als eine Art Hypothese. Wir erstellen den Plan zur erfolgreichen Leistungsanpassung, basierend auf sportwissenschaftlich fundierten Erkenntnissen – die Rückmeldung des Athleten, also seine Leistungsdaten, sein Empfinden, sein Schlaf und sein Alltag, zeigt uns, ob die Hypothese stimmt.

Wenn nicht – passen wir an. Eine gute Struktur gibt Orientierung und lässt trotzdem Raum für die Realität.

RSN: Die meisten Hobbyradsportler sind zeitlich angebunden und müssen ihr Training mit Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen vereinbaren. Wie lässt sich mit begrenzter Trainingszeit dennoch eine nachhaltige Leistungssteigerung erreichen?

Lukas Loer: Der wichtigste Faktor ist Konsistenz. Sechs bis acht Stunden pro Woche, über viele Monate ohne größere Unterbrechungen, bringen mehr als Phasen mit fünfzehn Stunden, auf die dann ein Einbruch folgt. Mit begrenzter Zeit verschiebt sich der Anteil intensiver Einheiten etwas nach oben, aber nicht jede Einheit darf hart sein. Ein typisches Gerüst sind erstmal ein bis zwei gezielte Schlüsseleinheiten pro Woche, ergänzt durch lockere LIT-Ausfahrten und, wenn möglich, eine längere Ausfahrt am Wochenende. Indoor-Training ist hier ein echter Hebel, weil es sehr präzise und zeiteffizient ist.

Allerdings gehen wir auch noch einen Schritt weiter. Und zwar gibt es Phasen im Training, wo man noch mehr aus seiner Zeit herausholen kann. Beispielsweise aus der Ursprungspublikation von Rønnestad (2014) nutzen wir auch gerne das Modell der sogenannten Blockperiodisierung in einem HIT-Wochenmodell.

Eine Woche Training, 4 bis 5 HIT-Sessions, maximales Commitment deinerseits und eine Woche, die absolut planbar ist. Das passiert nicht ständig, sondern vielleicht 2–4 Mal im gesamten Winter. Jedoch erlebe ich immer dort zum ersten Mal die Professionalisierung jeglicher ambitionierter Hobbyanliegen. Auf einmal gibt es keine zu hohen LIT-Intensitäten mehr, genug Kohlenhydratversorgung vor, während und nach der Einheit und es wird wieder der Recovery-Shake rausgeholt.

Die Athleten machen alles richtig, weil sie das Maximale aus der Woche holen, wollen, und manchmal ist das auch der Schlüssel. Allerdings muss man auch ehrlich sagen: Beruflicher Stress, wenig Schlaf und der normale Alltag sind ebenfalls Belastungen und Begleiterscheinungen im Leben der Athleten, sodass diese Woche nur gezielt eingesetzt werden kann und natürlich kein ständiger Teil der Trainingsplanung ist. Der Körper unterscheidet nicht, woher der Stress kommt. Ein guter Plan richtet sich deshalb nach dem echten Kalender des Athleten, nicht nach einem idealisierten.

RSN: SCYENCE bietet unterschiedliche Möglichkeiten der Trainingsbetreuung. Wann ist ein strukturierter Trainingsplan ausreichend, und ab welchem Punkt kann individuelles Coaching einen entscheidenden Unterschied machen?

Lukas Loer: Ein strukturierter Trainingsplan reicht gut, wenn das Ziel klar ist, der Alltag halbwegs planbar bleibt und der Sportler genug Erfahrung hat, um sich selbst ehrlich einzuschätzen.

Aber selbst die Tatsache, dass unsere Coaches eigene Coaches haben, zeigt, dass man selbst nicht immer rational und objektiv auf seine Trainingsdaten blicken kann. Du wirst immer ein wenig emotionaler auf deine Einheiten schauen und dein Training anpassen: Habe ich heute vielleicht zu wenig trainiert? Hätte ich die Intensität härter fahren müssen? Oder sollte ich lieber mal Pause machen? Diese Entscheidungen nehmen wir als Coaches für die Athleten ab, weil wir die Daten objektiver einschätzen können und empathisch auf die Situation der Athleten blicken.

Die meisten Athleten sind zu streng mit sich! Individuelles Coaching macht den Unterschied, sobald Dinge komplex werden: unregelmäßige Arbeitszeiten, mehrere Saisonziele, ein Leistungsplateau trotz konsequenten Trainings, Wiedereinstieg nach Krankheit oder Verletzung oder ein ambitioniertes Ziel.

Dann braucht es laufende Anpassung, Datenanalyse und jemanden, der auch Pacing, Ernährung und Rennstrategie mitdenkt. Der vielleicht größte Mehrwert ist aber der Dialog. Ein Coach erkennt Muster, die man selbst nicht sieht, und bremst einen, wenn es nötig ist.

RSN: Welche Fehler beobachten Sie bei ambitionierten Radsportlern besonders häufig, wenn sie ihre Leistung durch strukturiertes Training verbessern möchten, und wie lassen sich diese vermeiden?

Lukas Loer: Der Klassiker ist die Intensitätsverteilung: lockere Einheiten zu hart, harte Einheiten nicht hart genug. Am Ende ist alles mittel, und nichts setzt einen klaren Reiz.

Weitere typische Fehler:

  • Zu viel, zu früh: Nach dem Saisonstart wird die Belastung zu schnell gesteigert. Die Leistungszonen werden missachtet, da man sich mit den Sommerwerten vergleicht, und zu häufig knallt man gegen eine Wand. Das verlangsamt den Anpassungsprozess.

  • Verpasste Einheiten nachholen wollen: Das endet meist darin, dass sich Belastung ungünstig staut. Was nicht geklappt hat, hat halt nicht geklappt. Auf Biegen und Brechen das Training nachzuholen ist nicht immer sinnvoll.

  • Zu wenig Energie im Training: Besonders bei langen oder intensiven Einheiten wird zu wenig Kohlenhydrat zugeführt. Das kostet Trainingsqualität und Regeneration. Wir besprechen mit den Athleten Nutrition-Strategien.

  • Fixierung auf eine einzige Zahl: Meist ist es die FTP. Leistungsfähigkeit ist mehr als eine Zahl! Anaerobe Leistungskapazität, gemessen in Watt oder Fatigue Resistance in einem 4h30 Gravel World Series Qualifier, ist nicht in FTP messbar.

  • Profipläne kopieren: Die passen nicht zum eigenen Alltag. Es gibt nur wenige, die von wirklichem Hitzetraining profitieren, und das muss geplant werden!

Vermeiden lässt sich das mit einem klaren Ziel für jede Einheit, ehrlicher Selbstbeobachtung und der Bereitschaft, auch mal weniger zu machen. Als Coaches helfen wir dabei, das Training einzuschätzen.

SCYENCE.CC wurde im Jahr 2022 zunächst als YouTube-Projekt gelauncht und entwickelte sich schnell zu einem professionellen Unternehmen. | Foto: SCYENCE

RSN: Wie wichtig sind Regeneration und die Anpassung des Trainingsplans für den langfristigen Leistungsaufbau, und woran lässt sich erkennen, dass ein Mensch seine Trainingsbelastung verändern sollte?

Lukas Loer: Die Anpassung passiert nicht im Training, sondern in der Erholung danach. Training ist der Auslöser! Deshalb planen wir Entlastung bewusst ein und behandeln sie nicht als Lückenfüller.

Warnsignale sind zum Beispiel:

  • Die gewohnte Leistung fühlt sich über einen längeren Zeitraum deutlich schwerer an

  • die Herzfrequenz lässt sich bei Intensität schlecht hochbringen oder ist in Ruhe erhöht

  • der Schlaf wird schlechter, die Motivation sinkt oder man ist häufiger krank.

Messwerte wie die Herzfrequenzvariabilität können helfen, aber nur im Trend über mehrere Tage, nicht als Tageswert. Entscheidend ist die Kombination aus objektiven und subjektiven Signalen. Kurzfristige Ermüdung in einem harten Block ist gewollt – kann man sich vorstellen, wenn wir mit dem Modell der HIT-Woche arbeiten, oder? Wenn sie sich aber über Wochen nicht ändert, muss man reagieren, bevor aus Überlastung ein echtes Problem wird!

RSN: Welche Entwicklungen in der Trainingswissenschaft und der digitalen Trainingssteuerung werden den Radsport Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren besonders prägen und wie geht SCYENCE diese Entwicklungen an?

Lukas Loer: Ein großes Thema ist die Durability, also die Frage, wie viel Leistung jemand nach mehreren Stunden Belastung noch abrufen kann. Rennen werden zunehmend am Ende entschieden, und die frische Leistung im Labor erklärt nur einen Teil davon. Tadej Pogacar zum Beispiel ist im Labor und erholt sich schon stark, klar! … Aber der Mann verliert vor allem kaum an Leistung, wenn er mal 2.000 oder 3.000 kJ Vorbelastung hatte, und das ist irre!

Die Ermüdungsresistenz ist jedoch echt komplex und vielschichtig. Die kann man nicht an einzelnen Parametern festmachen. Da wird es noch mehr Forschung zu geben, die sich mit Trainingsinterventionen diesem Wert widmen. Ein zweites Thema ist die Ernährung: Die deutlich höhere Kohlenhydratzufuhr im Profisport hat die Leistungsfähigkeit spürbar verändert und kommt jetzt im ambitionierten Breitensport an – doch 150 g/h Kohlenhydrate pro Stunde im 1:0,8-Verhältnis ist bestimmt nicht für die breite Masse bestimmt!

Die individuelle Verträglichkeit dieser Mengen zu testen ist heutzutage möglich und superspannend. Für die meisten Athleten jedoch steht die sogenannte Isotopen-Tracing-Methode preislich nicht im Verhältnis zum eigenen Anspruch. Bei der digitalen Trainingssteuerung werden Sensorik, Modellierung eines digital mit Daten gefütterten Zwillings und KI-gestützte Analyse vieles einfacher machen. Die Gefahr ist jedoch Datenflut ohne Interpretation, und nicht jedes Wearable misst, was es verspricht.

Wie viele da draußen kennen nun ihre Schlafwerte, Recovery-Scores und HRV-Daten ... und das war’s! Verschenktes Potenzial und unnötige Ausgaben, wenn man die Daten im Training nicht nutzt. Unser Ansatz: Neue Methoden prüfen wir kritisch, und was trägt, integrieren wir. Die Technologie unterstützt den Coach, sie ersetzt ihn nicht. Auch da wollen wir künftig mehr Abhilfe verschaffen.

RSN: Welche konkreten Empfehlungen würden Sie einem Radsportler geben, der bisher eher intuitiv trainiert und künftig strukturierter und effizienter an seiner Leistungsentwicklung arbeiten möchte?

Lukas Loer:

1. Bestimmt eure Ausgangslage mit einem sauberen Leistungstest oder besser einer Diagnostik. Ohne verlässliche Trainingsbereiche ist jede Struktur ein Raten.

2. Definiert ein konkretes Ziel mit Datum. Daraus ergibt sich die Planung, und es ist auch für die Athleten leichter. Es hält die Motivation aufrecht und es fühlt sich nicht an wie Autofahren ohne Ziel.

3. Baut eure Woche um zwei Schlüsseleinheiten herum und fahrt den Rest bewusst locker. Dann machst du schon vieles aus der Trainingsliteratur richtig.

4. Konsistenz schlägt Heldentaten. Lieber jede Woche solide als einmal im Monat ein Monsterblock. Vor allem im Trainingslager!
*Ich kann das Wort „Küstenklassiker“ nicht mehr hören!

5. Protokolliert nicht nur Wattwerte, sondern auch, wie ihr euch fühlt, wie ihr schlaft und was ihr esst.

6. Esst auf dem Rad genug, besonders bei langen und intensiven Einheiten.

7. Überprüft nach acht bis zwölf Wochen, ob es funktioniert, und passt dann an. Strukturiertes Training ist ein Lernprozess, und genau das macht es so effektiv.

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