Rekord-Leistungsdaten im Jumbo-Visma-Testcenter

Bora - hansgrohes “Mountainbiker“: Wer ist Ben Zwiehoff?

Von Felix Mattis

Foto zu dem Text "Bora - hansgrohes “Mountainbiker“: Wer ist Ben Zwiehoff?"
Ben Zwiehoff (links) im Dezember 2019 im Trainingslager von Bora - Hansgrohe im Gespräch mit Team-Coach Hendrik Werner. | Foto: Alfons Benz

08.09.2020  |  (rsn) - Die Verpflichtung von Wilco Kelderman durch Bora - hansgrohe hat am ersten Ruhetag der Tour de France international Wellen geschlagen. Mit dem Niederländer kommt ein weiterer starker Rundfahrer im kommenden Jahr zu den Raublingern. Fast untergegangen ist am Montag dagegen, dass der deutsche WorldTour-Rennstall in derselben Pressemitteilung auch bekanntgab, einen 26-jährigen Deutschen für die Saison 2021 unter Vertrag genommen zu haben: Ben Zwiehoff.

Im Straßen-Radsport hat der Essener bislang nicht viel vorzuweisen. Einzig die dreitägige polnische Rundfahrt Dookola Mazowsza (Kat. 2.2) Mitte Juli hat er auf UCI-Level bisher bestritten. Zwiehoff beendete das Rennen auf dem 76. Gesamtrang. Wieso also sollte dieser Mann, mit 26 immerhin auch kein echter Nachwuchsfahrer mehr, für Bora - hansgrohe interessant sein?

Die Antwort: Weil Rennergebnisse im Jahr 2020 nicht mehr die einzigen Bewerbungskriterien für einen Profivertrag sind. Zwiehoff hat sich über andere Zahlen empfohlen. Der Jura-Student kann Leistungsdaten vorweisen, mit denen er sogar Zeitfahr-Weltmeister Rohan Dennis (Ineos) oder das aktuelle Gelbe Trikot der Tour de France, Primoz Roglic (Jumbo - Visma), in den Schatten stellt.

"Habe realisiert, dass ich auf der Straße mehr erreichen kann"

Trotzdem ist er aktuell nur die Nummer 45 in der Cross-Country-Weltrangliste. Auch wenn es kontinuierlich bergauf ging und Anfang 2020 auf Weltcup-Niveau auch die Top 10 in Reichweite kamen, der Durchbruch ganz nach oben in die Weltspitze ist ihm im Gelände bis dato nicht gelungen. "Ich hatte immer das Gefühl, nicht das volle Potenzial abzurufen", so der 1,81 Meter große und 61 Kilomgramm leichte Zwiehoff nun gegenüber radsport-news.com. "Mein bisheriges Karriereziel als Mountainbiker war immer die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Doch ich habe irgendwann realisiert, dass ich mit meinem Klettertalent auf der Straße vielleicht mehr erreichen kann."

Seit 2014 war er Mountainbike-Profi und seit zehn Jahren ist er Mitglied des BDR-Nationalkaders. Trotzdem legte ihm offenbar nie jemand nahe, es mal auf Asphalt zu probieren. Die Idee kam erst im Winter 2017/2018 im Trainingslager mit Freunden, die viel Kontakt in die Straßenszene haben - und diesen Kontakt schließlich für ihn herstellten. Im Herbst 2019 schließlich kamen Zwiehoffs Leistungsdaten so zu Bora - hansgrohe-Teamchef Ralph Denk, der sie an Teamcoach Dan Lorang weiterleitete.

Schon im vergangenen Dezember mit auf Mallorca

Lorang wurde hellhörig und bekundete Interesse. Es kam zu einem ersten Treffen in Raubling. "Da habe ich erstmal mit Dan gesprochen, dann hat er Ralph dazugeholt und ich war erstmal etwas nervös", gab Zwiehoff nun zu. Doch die Chemie stimmte und das Team lud Zwiehoff für den Dezember ins Trainingslager nach Mallorca ein, wo Zwiehoff meist in der Trainingsgruppe der Kletterer um Emanuel Buchmann unterwegs war. "Dort hat er einen sehr starken Eindruck gemacht", bestätigte am ersten Tour-de-France-Ruhetag nun Buchmann radsport-news.com.

Im Winter verständigten sich Zwiehoff und Denk darauf, dass er im Sommer zu Olympia nach Tokio reisen solle, um dort mit dem Mountainbike zu starten, und anschließend ab August Stagiaire bei Bora - hansgrohe auf der Straße zu werden. Denk sieht das Talent bei seinem Neuzugang: "Ben ist seit Jahren Teil der MTB-Nationalmannschaft und feierte dort immer wieder Erfolge, aber es fehlt ihm dort vielleicht ein wenig an Explosivität. Auf der Straße, besonders in den Bergen, sehen wir enorme Möglichkeiten", so der Bora - hansgrohe-Teamchef.

In Polen ging es um Erfahrung im Peloton, nicht ums Ergebnis

Dann aber kam die Corona-Krise und nahezu alle WorldTour-Rennställe strichen ihre Stagiaires-Plätze, weil sie mit dem knappen Rennkalender ab Sommer zunächst einmal ihren eigenen Kader beschäftigen mussten.

"Dann wurde Olympia verschoben und ich dachte: 'Scheiße, alles nochmal ein Jahr verschieben? Ich werde ja auch nicht jünger'", beschrieb Zwiehoff das schwierige Frühjahr. Doch der Essener, der bis heute von seinem Vater Hansjörg Zwiehoff - in der Mountainbike-Szene ein nicht ganz unbekannter A-Lizenz-Trainer - trainiert wird, verfolgte seinen Wunsch vom Wechsel auf die Straße weiter.

Er besorgte sich einen Startplatz bei der Dookola Mazowsza-Rundfahrt, weil Lorang ihm im Winter gesagt hatte, es wäre hilfreich, wenn er vorweisen könnte, dass er sich auch im Straßen-Peloton bewegen kann. Das gelang bei dem völlig flachen Rennen in Polen, wo Felix Groß aufgrund eines Sieges im 2,5-Kilometer-Prolog für die deutsche Nationalmannschaft den Gesamtsieg holte. Zwiehoff verlor im Zeitfahren 15 Sekunden auf den Sieger, war aber auch ohne Zeitfahrrad angereist.

An der Alpe du Zwift nur von Osborne bezwungen

In der deutschen Szene hatte man seinen Namen aber auch zuvor schon auf den Radar - spätestens als Zwiehoff Anfang Mai bei der virtuellen Rad-Bundesliga namens Zwift GCA Liga auf der Alpe du Zwift - dem virtuellen Nachbau von L'Alpe d'Huez - den Bundesliga-Fahrern um die Ohren fuhr. Mit einer Durchschnittsleistung von 5,9 Watt pro Kilogramm Körpergewicht wurde er Zweiter hinter dem für seine beeindruckenden Leistungswerte bekannten Ruderer Jason Osborne.

Einen Tag danach hatte Zwiehoff Robert Wagner am Telefon, den Sportdirektor des Development-Teams von Jumbo - Visma. Und über diesen Kontakt wurde er schließlich im Juli zum Leistungstest nach Amsterdam eingeladen - einem Test, der in die Teamgeschichte des niederländischen Rennstalls einging. Denn Zwiehoff erzielte die besten Werte, die das Labor bis dahin gesehen hatte - das wurde radsport-news.com aus unterschiedlichen Quellen unabhängig voneinander bestätigt.

Zwiehoff demütig: "Ich weiß auch, dass Leistungswerte nicht alles sind"

Plötzlich ging es schnell. Mehrere Teams hatten nun Interesse daran, Zwiehoff unter Vertrag zu nehmen, und am Ende entschied sich der Essener für Bora - hansgrohe. "Für mich war von Anfang an klar, dass ich dorthin gehe, wenn sie mir die Chance geben. Denn die Connection war zuerst da, sie war immer super und auch ohne Vorvertrag oder so haben sie mich durch dieses Jahr hindurch unterstützt", so Zwiehoff, der gegenüber radsport-news.com betonte:

"Ich bin superhappy, dass ich die Chance kriege, zu zeigen, dass ich nicht nur hohe Werte habe, sondern das auch auf die Piste kriege. Aber ich weiß auch, dass solche Werte aus Leistungstests nicht alles sind und ich sehr viel lernen muss. Deshalb bin ich super dankbar und sehr demütig, dass ich mit so wenig Straßenerfahrung diese Chance bekomme. In erster Linie will ich lernen und dem Team weiterhelfen. Ich habe mich dort im Dezember so wohlgefühlt, dass ich jetzt bei der Tour de France schon mit den Jungs richtig mitfiebere."

Dort eines Tages dabei zu sein, ist Zwiehoffs großer Traum.

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