RSNplusBis jetzt ein fast perfekter Giro

Carapaz liegt vor den großen Bergen in Lauerstellung

Von Tom Mustroph aus Cuneo

Foto zu dem Text "Carapaz liegt vor den großen Bergen in Lauerstellung"
Für Carapaz beginnt der Giro erst in den hohen Bergen richtig | Foto: Cor Vos

21.05.2022  |  (rsn) - "Carapaz, Carapaz“ schreit die ecuadorianische Fancommunity in der Etappenstadt Genua. Genau, die ecuadorianische. Die Farben der Flagge ähneln zwar der kolumbianischen, und auch die Fans aus Ecuador machen Lärm, wie man es von den Radtifosi aus dem Nachbarland in Südamerika kennt. Aber Genua ist traditionell eine Bastion von Migranten aus Ecuador. "15.000 von uns leben hier in Genua ganz offiziell, noch etwa genauso viele wahrscheinlich ohne Papiere“, erzählt munter Luis, der unter der Riesenfahne, die er schwenkt, fast verschwindet. Fragt man ihn, fragt man die Leute um ihn herum, dann ist eine Sache klar: Ihr Liebling wird diese Rundfahrt gewinnen.

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Die Aussichten des Mannes mit der Startnummer 1 sind tatsächlich ziemlich gut. Bislang wirkte er am solidesten von allen Klassementaspiranten. Am Blockhaus, der bisher einzigen Bergankunft nach dem Aufwärmakt am Ätna, machte sein Team Ineos lange die Pace. "Wir wollten das Rennen kontrollieren und für Richard vorbereiten“, sagte Ineos-Teamkollege Ben Swift gegenüber radsport-news.com. Carapaz eröffnete denn auch die Angriffe und setzte sich mit Romain Bardet und Mikel Landa ab. Aber er konnte den Basken ebenso wenig wie den Franzosen abschütteln. Den Etappensieg musste er gar noch an Boras Australier Jai Hindley abgeben, der von hinten herangeflogen kam. "Ja, leider hat es mit dem Etappensieg nicht geklappt. Ich hatte etwas Pech im Sprint. Aber meine Form ist gut“, sagte Carapaz danach.

Am Blockhaus belegte Carapaz hinter Bardet (DSM) und Etappensieger Hindley (Bora - hansgrohe) den dritten Platz. | Foto: Cor Vos

Auch Teamkollege Swift ist davon überzeugt. "Es macht einfach Spaß, für einen Leader zu fahren, der vorn mitmischt. Man darf nicht vergessen, Blockhaus war noch früh im Rennen, viele Rennfahrer noch nicht erschöpft. Das ändert sich jetzt. Und da kann Richard für viel größere Unterschiede sorgen“, meinte Swift zu radsport-news.com.

Ganz auf die langen Berge will man sich bei Ineos aber auch nicht verlassen. Auf der 11. Etappe holte Carapaz drei Bonussekunden und kletterte so auf Platz 2 im Klassement vor. "Wenn sich etwas ergibt, wollen wir das natürlich nicht liegen lassen. Jede Sekunde kann entscheidend sein“, meinte Swift. Das scheint eine neue Interpretation der "marginal gains“-Theorie zu sein. Auch andere Fahrer von Ineos fuhren bereits um Bonussekunden.

Ben Tulett etwa, Jhonatan Narvaez und Pavel Sivakov. Und auch Ben Swift, seit 2010 beim Rennstall und damit einer der Routiniers, beteiligte sich am Sekundensammeln. "Ja, auch ich habe drei auf der Etappe nach Messina geholt“, erzählt er lachend radsport-news.com. Für den aktuellen britischen Meister ging es selbstverständlich nicht um eine Verbesserung der eigenen Platzierung im Gesamtklassement. "Wir wollen einfach nur verhindern, dass andere Teams die Sekunden holen“, sagte er.

Carapaz weiß, wie man den Giro gewinnt. 2019 durfte er die begehrte Trophäe mit nach Hause nehmen. | Foto: Cor Vos

Ganz fanatisch gehen die Ineos-Männer die Sekundenjagd aber nicht an. "Wir werden jetzt nicht den halben Tag arbeiten, um eine Gruppe zurückzuholen und die Bonussekunden abzugreifen“, erklärte Swift. Dort, wo sich die Gelegenheit bietet, wollen die Männer von der Insel das aber weiter tun.

Allerdings bietet sich auch die Interpretation an, dass der Rennstall und auch Carapaz selbst sich den ganz großen Coup nicht zutraut und deshalb die Jagd auf Sekunden ausgerufen hat. Ganz tief ist das Team schließlich auch nicht besetzt.

Vielleicht ist all das aber auch nur Ausdruck dafür, wie die Mentalität des Ecuadorianers den Rennstall mitverändert hat. Denn Carapaz ist seit seinen Tagen im kolumbianischen Radsport einer, der die Angriffe liebt. Er ist nicht superexplosiv, aber sehr zäh. Und seinem Rennfahrerherz gefällt es, der Konkurrenz ab und an auf den Zahn zu fühlen. Für allem für den Sonntag dürfte er sich einiges vorgenommen haben. Der finale Anstieg nach Cogne ist 22 km lang, zuvor gibt es zum Aufwärmen zwei weitere Berge. Und am Samstag davor steht das permanente Auf und Ab rings um Turin an. Erschöpft genug für einen Antritt der "Lokomotive von Carchi“ dürfte die Konkurrenz dann sein.

Bei der Tour de France belegte Carapaz im letzten Jahr Platz drei hinter Sieger Pogacar (UAE Team Emirates) und dem Zweiten Vingegaard (Jumbo - Visma). | Foto: Cor Vos

"Ich fühle mich gut, mein Körper sendet mir gute Signale und ich freue mich auf die richtigen Berge“, meinte er. Profitieren kann er auch davon, dass seine auf dem Papier wichtigsten Kontrahenten schon gar nicht mehr dabei sind wie der wegen Magenproblemen ausgestiegene Franzose Romain Bardet oder so weit abgeschlagen rangieren, dass sie keine Bedrohung darstellen. Das gilt für Simon Yates und Rückkehrer Tom Dumoulin. Beide kuscheln sich im Gesamtklassement auf den Plätzen 32 und 31 aneinander, mit fast 20 Minuten Rückstand auf die Spitze. Von denen, die sich auf Schlagdistanz zu Carapaz befinden, sind die einen zu unbeständig, etwa Landa, der Franzose Guillaume Martin und der Italiener Domenico Pozzovivo. Dem Portugiesen Joao Almeida fehlt das Ausdauervermögen für die ganz langen Kanten.

Da bleibt eigentlich nur Boras Jai Hindley als ernsthafter Herausforderer übrig. Das Babyface aus Australien fuhr bisher sehr kontrolliert und abgezockt. Mit Emanuel Buchmann und dem nach Fluchtversuch wieder in höhere Klassementregionen zurückgekehrten Wilco Kelderman hat Bora zudem zwei weitere Pfeile zu verschießen, die den robusten Haudegen aus der Andenregion tatsächlich zum frühen Handeln und damit zu ungewohntem Kräfteverschleiß treiben könnten.

Aber noch liegt Carapaz als Bestplatzierter von allen Favoriten in schönster Lauerstellung und kann warten, bis ihm das Rosa Trikot in den Schoß fällt. Schön für das Rennen ist allerdings, dass Carapaz nicht der Typ fürs Warten ist. Er will die Rennen gern von vorne fahren. Gut für den Giro, schlecht für den, der in den nächsten Tagen schlechte Beine hat.

2021 gewann Carapaz das olympische Straßenrennen in Tokio vor Wout van Aert (Jumbo - Visma) und Tadej Pogacar (UAE Team Emirates). | Foto: Cor Vos

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