Verfolger vermasseln es in Harelbeke

Van der Poel mit All-Out im Sitzen zum E3-Hattrick

Von Gudio Scholl

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Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) hat die 68. E3 Saxo Classic gewonnen. | Foto: Cor Vos

27.03.2026  |  (rsn) - Seinen 60. Profisieg auf der Straße hatte sich Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) sicher etwas anders vorgestellt. Wären sich seine Verfolger 1000 Meter vor dem Ziel nicht erstmals uneinig gewesen, wäre dem Niederländer der schon sicher geglaubte Sieg bei der 68. E3 Saxo Classic (1.UWT) wohl noch vermasselt worden. Aber van der Poel nutzte die Situation zu einer verzweifelten letzten Beschleunigung, die ihm nach einem langen Solo nach 208,8 Kilometern in Harelbeke doch noch den dritten Erfolg in Serie sicherte.

Zweiter und damit buchstäblich erster Verlierer war der Norweger Per Strand Hagenes (Visma – Lease a Bike), der vier Sekunden hinter van der Poel im Sprint eines Quartetts den Belgier Florian Vermeersch (UAE – Emirates – XRG) auf Platz drei verwies. Vierter wurde dessen Landsmann Stan Dewulf (Decathlon – CMA CGM), der zur frühen Ausreißergruppe gehört und ein bärenstarkes Rennen abgeliefert hatte. Mit Jonas Abrahamsen (Uno-X Mobility) kam ein weiterer Norweger unter die Top 5.

Aus dem ersten Feld heraus sprintete der Däne Tobias Lund Andresen (Decathlon – CMA CGM, +0:24) als Sechster über den Strich. Christophe Laporte (Visma – Lease a Bike) aus Frankreich komplettierte ein starkes Mannschaftsergebnis seiner Equipe, die mit dem Ausgang des Rennens, das Spannung auf höchstem Niveau bot, aber dennoch nicht zufrieden sein konnte.

Der Belgier Gianni Vermeersch (Red Bull – Bora – hansgrohe) beendete den Klassiker als Achter, nachdem ausgerechnet sein Teamkollege Tim van Dijke am Taaienberg eine Schlüsselrolle gespielt hatte: Mit seiner dortigen Attacke wurde der Niederländer unfreiwillig zum Anfahrer des späteren Siegers – diese Szene entpuppte sich als der letztlich entscheidende Vorstoß. Der im Vorfeld als größter Herausforderer van der Poels genannte Mads Pedersen (Lidl – Trek) musste mit Platz neun Vorlieb nehmen. Zehnter wurde der Italiener Matteo Trentin (Tudor).

Dass der Rennverlauf auf den finalen 20 Kilometern nicht nach van der Poels Vorstellung war, räumte er im Ziel indirekt ein: “Ich bin sehr glücklich über den Sieg, aber es hat mich eine Menge an Energie gekostet“, konstatierte der sichtlich erschöpfte Sieger im Flash-Interview. Er habe mehrere Mal befürchtet, dass die lange Flucht – er war ab 42 Kilometer vor dem Ziel allein an der Spitze – nicht gelingen würde. Als er am letzten Kilometer sah, wie nah die Verfolger waren, habe er gewusst, dass er keine Kraft mehr für einen Sprint besaß. “So entschied ich mich für ein All-Out im Sitzen bis zur Ziellinie.“

Es reichte tatsächlich zur Titelverteidigung, mit der er zugleich zum bereits fünften Mal auf dem E3-Podium landete. “Das ist eines der schönsten Rennen des Jahres und ich genieße es immer hier zu fahren. Ich bin wirklich glücklich, es wieder gewonnen zu haben“, schloss van der Poel.

Vermeersch: “Wir waren auf zehn Meter an Mathieu dran“

Der geschlagene Vermeersch verhehlte seine Enttäuschung nicht. “Ich denke, da war heute mehr drin. Wir waren auf zehn Meter an Mathieu dran und sprinten dann nur um den zweiten Platz. So ist der Radsport“, erklärte der Belgier. Etwas gelassener nahm Strand Hagenes das späte Malheur. “Natürlich, wenn du so nahe kommst, hoffst du auch, dass du um den Sieg kämpfen kannst. Und natürlich spielt man auch kurzzeitig in so einer Situation“, sagte der E3-Zweite.

Als bester Deutscher erreichte Nils Politt (UAE – Emirates – XRG) als 22. in der ersten großen Gruppe das Ziel. Sein Team hatte ebenso wie Red Bull – Bora hansgrohe und Soudal – Quick Step viele Attacken lanciert. Max Walscheid (Lidl – Trek) belegte zwei Tage nach seinem starken Auftritt bei der Ronde van Brugge mit 6:51 Minuten Rückstand Rang 67. Zeitgleich mit ihm beendeten seine Landsleute Tim Torn Teutenberg (Lidl – Trek), Jonas Rutsch (Lotto – Intermarché), Jasha Sütterlin (Jayco – AlUla) und Kim Heiduk (Ineos Grenadiers) das Ziel.

So lief die E3 Saxo Classic:

In einer hektischen Startphase mit vielen Angriffen gelang Bastien Tronchon (Groupama – FDJ United), Nickolas Zukowsky (Pinarello – Q36.5) und Michiel Lambrecht (Flandern – Baloise) nach rund 35 Kilometern der entscheidende Vorstoß. Eine knappe halbe Rennstunde später schafften Stan Dewulf (Decathlon – CMA CGM), Luke Durbridge (Jayco – AlUla) und Sven Erik Byström (Uno-X Mobility) den Sprung nach vorn.

Das Feld ließ diese Gruppe bald gewähren, doch Henri-Francois Renard-Haquin, Sean Flynn (beide Picnic – PostNL) und Vojtech Kminek (Burgos - Burpellet BH) setzten eine ganze Weile zu dritt nach, konnten die Abstand aber nie auf unter eine Minute reduzieren. Die Hauptgruppe ließ die Spitze auf knapp vier Minuten enteilen. Zu dieser Zeit war ein ehemaliger Weltklassefahrer schon längst raus: Der Niederländer Fabio Jakobsen (Picnin – PostNL) hatte den Klassiker nach 30 Kilometern aufgegeben.

Timo Kielich (Visma – Lease a Bike), Edward Planckaert (Alpecin - Premier Tech), Dan Hoole (Decathlon - CMA CGM), Connor Swift (Ineos Grenadiers), Edward Theuns (Lidl - Trek), Anthony Turgis (TotalEnergies) und Pepijn Reinderink (Soudal - Quick Step) griffen gut 90 Kilometer im bis zu 18 Prozent steilen E3 Col Kamemelkbeekstraat an und sammelten kurz nach dieser Helling das Verfolgertrio ein. Der Rückstand dieser Zehnergruppe zur Spitze betrug allerdings 2:50 Minuten, das Feld lag 40 Sekunden dahinter.

Das Streckenprofil der 68. E3 Saxo Classic | Foto: Veranstalter

In der ersten Passage des Oude Kwaremont verloren die beiden Picnic-Profis ebenso den Anschluss an die Verfolger wie Kminek. Kurz darauf wurde das Trio von Jan Tratnik (Red Bull – Bora – hansgrohe) und Mikkel Honoré (EF Education – EasyPost) eingesammelt. Beide waren auf den Kopfsteinpflaster-Anstieg aus dem Feld herausgesprungen. Doch dieses Quintett wurde bald wieder gestellt.

70 Kilometer vor dem Ziel eröffnete Tim van Dijke (Red Bull – Bora – hansgrohe) das Rennen der Favoriten mit einem Angriff am Taaienerg. Van der Poel folgte ihm scheinbar mühelos. Dieses Duo hatte zu dem Zeitpunkt nur 20 Sekunden Rückstand zu den sieben Verfolgern und 1:50 Minuten zum Sextett an der Spitze. Kurz vorm Boigneberg, der zehnten von 16 Hellingen, kam es zum Zusammenschluss, sodass Topfavorit van der Poel mit Planckaert einen Helfer bei sich und Pedersen bereits distanziert hatte.

Doch bereits im Boigneberg attackierte van der Poel und ließ alle Begleiter stehen. Somit war er zwar seinen Helfer los – das galt allerdings auch für Edward Theuns von Lidl – Trek, das damit niemanden mehr in aussichtsreicher Position hatte. Im Feld herrschte Uneinigkeit, van der Poel hatte 60 Kilometer vor dem Ziel bereits mehr als eine Minute Vorsprung zu den übrigen Favoriten. Der Rückstand zur Spitze betrug für den Niederländer lediglich noch 50 Sekunden.

Van der Poel zieht durch

Es gab immer wieder Angriffe aus dem verbliebenen Feld, doch es herrschte nie Einigkeit. Auch weil unter anderem Tibor Del Grosso (Alpecin - Premier Tech) als Bremsklotz fungierte. Dennoch wurden die sieben Verfolger um Planckaert und Theuns 53 Kilometer vor dem Ziel gestellt. Van der Poel brauchte eine ganze Weile, ehe er die Spitze eingeholt hatte. Am Ende des Kapelberg stellte der Rekord-Crossweltmeister den Anschluss her. 45,5 Kilometer waren da noch zu absolvieren – der Vorsprung zum Peloton betrug 1:05 Minuten.

Im Paterberg sorgte van der Poel mit hohem Tempo dafür, dass fünf seiner Begleiter früh abreißen ließen. Dewulf blieb am längsten bei ihm, doch als der Niederländer aus dem Sattel ging und nochmal forcierte, war es auch um den Decathlon-Profi geschehen.

28 Kilometer vor dem Ziel wurde Dewulf von Per Strand Hagenes (Visma – Lease a Bike), Florian Vermeersch (UAE – Emirates – XRG) und Jonas Abrahamsen (Uno-X – Mobility) eingeholt. Das neu gebildete Quartett kam zunächst kaum näher an den Solisten an der Spitze heran.

Die Verfolger vermasseln es auf den letzten Metern

Lange sah es so aus, als führe van der Poel einem ungefährdeten Solo-Sieg entgegen. Doch auf den letzten 20 Kilometern wirkte der Niederländer bei weitem nicht mehr so souverän wie sonst. Die Verfolger dagegen arbeiteten gut zusammen und witterten Morgenluft, als ihr Rückstand sich Stück für Stück verringerte.

Doch unter dem Teufelslappen lag das Quartett nur noch um wenige Sekunden zurück. Der entkräftete van der Poel blickte sich scheinbar resignierend um – doch zugleich blickten sich die Verfolger an, Vermeersch nahm Tempo raus und van der Poel nutzte die kam noch für möglich gehaltene Chance und rettete sich unerwartet doch noch ins Ziel. Den Sprint der enttäuschten Verfolger gewann Strand Hagenes vor Vermeersch. Hinter Dewulf rollte Abrahamsen als Fünfter rein.

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