RSNplusNach Roubaix wäre van Aert erster Pogacar-Jäger

Gedankenspiel: Liebe UCI, bring´ uns den Weltcup zurück!

Von Guido Scholl

Foto zu dem Text "Gedankenspiel: Liebe UCI, bring´ uns den Weltcup zurück!"
Wout van Aert, Mathieu van der Poel, Tadej Pogacar und Co. auf dem Kopfsteinpflaster im Wald von Arenberg. | Foto: Cor Vos

14.04.2026  |  (rsn) – Wer den Profiradsport schon etwas länger verfolgt, erinnert sich noch an den Weltcup - eine Serie aus zehn höchst unterschiedlichen Eintagesrennen. Das Ziel: Den vielseitigsten Radprofi zu ermitteln und mit einem Titel zu belohnen, der auf einer Stufe mit dem des Weltmeisters steht. Gäbe es die einst so beliebte Wertung noch, wäre nach Paris-Roubaix Wout van Aert (Visma - Lease a Bike) erster Verfolger Tadej Pogacars (UAE - Emirates - XRG). Und der Slowene hätte den Gesamtsieg keineswegs bereits in der Tasche.

Denn erstens wären mit van Aert, Mathieu van der Poel (Alpecin - Premier Tech) und Mads Pedersen (Lidl - Trek) noch drei weitere Ausnahmekönner im Rennen – und übrigens Jasper Stuyven (Soudal – Quick-Step), der momentan sogar noch vor Pedersen läge. Und außerdem hat sich im Radsport viel verändert, seit die UCI den Weltcup im Jahr 2005 zur damaligen ProTour verwässerte, indem Rundfahrten mit aufgenommen wurden. Der alte Charakter war weg, der Reiz erst Recht. Heute wäre die Wiedereinführung durchaus überlegenswert, denn die Stars der Szene sind vielseitiger geworden.

Das Reglement des Weltcups ab 1997: 100 Punkte gab es für einen Einzelsieg, 70 für Platz zwei, 50 für Rang drei, 40 für Rang vier - und danach in den Top 10 jeweils vier Zähler weniger pro Platz. Mailand-Sanremo, Flandern und Roubaix waren stets fester Bestandteil der UCI-Serie. Pogacar hätte also erstaunliche 270 Punkte auf dem Konto. Van Aert läge bei 190, van der Poel bei 134, Stuyven bei 110 und Pedersen trotz des für ihn enttäuschenden Roubaix-Ergebnisses bei 104 Punkten. ___STEADY_PAYWALL___

Der eine oder andere mag jetzt einwerfen: Aber im Weltcup ging es mit Amstel und Lüttich-Bastogne-Lüttich weiter. Da hätte Pogacar dann 200 Punkte obendrauf gelegt und den Sack zugemacht. So einfach ist die Sache aber nicht. Denn die Serie zog ihren Reiz auch daraus, dass jeder so viele Rennen bestreiten konnte, wie er mochte und für seine Ergebnisse auch Punkte erhielt. Nur: Wer in der Gesamtwertung berücksichtigt werden wollte, musste mindestens sechsmal starten.

Paolo Bettini war 2004 der letzte Gewinner der Weltcup-Wertung und des dazugehörigen Trikots mit den Längsstreifen. | Foto: Cor Vos

Das bedeutet, dass jemand wie Remco Evenpoel (Red Bull - Bora - hansgohe), der bislang nur auf den einen Start in Flandern kommt, Pogacar bei den Ardennenklassikern Punkte wegnehmen könnte - oder einer wie Paul Seixas (Decathlon - CMA CGM), selbst wenn beide nicht auf die Gesamtwertung führen. Und wer sagt, dass sie den Weltcup nicht nachträglich ins Auge fassen würden, weil sie aussichtsreich platziert sind? Oder wer sagt, dass Fahrer wie van der Poel und van Aert in ihrer aktuellen Verfassung nicht auch in den Ardennen um den Sieg mitfahren können? Zumindest würden sie wohl kaum leer ausgehen. Die Existenz eines lukrativen Weltcups würde ihre Starts vielleicht sogar wahrscheinlicher machen.

Kanada als Ersatz für die Meisterschaft von Zürich

Wie ging es damals nach Lüttich weiter? Zunächst einmal war wegen Tour und Giro Pause - mal von dem Jahr abgesehen, als Rund um den Henninger Turm Weltcup-Status genoss. Dann folgten im August die Clasica San Sebastian und die Hamburg Cyclassics. Wäre Pogacar direkt nach der Tour frisch genug, um im Baskenland alles auseinanderzufahren? Würde er überhaupt teilnehmen? Ein Fragezeichen ist allemal berechtigt, zumal er dort noch nie gewann. Und Hamburg wäre auf jeden Fall eher etwas für die (virtuellen) drei bis vier Jäger.

Nach Hamburg nahmen die Weltcup-Aspiranten die Meisterschaft von Zürich unter die Räder. Die gibt es nicht mehr. Logischer Ersatz wäre wohl eines der zum ähnlichen Zeitpunkt ausgetragenen kanadischen Rennen GP de Montreal oder GP de Quebec. In beiden Fällen wohl Vorteil Pogacar. Aber Pedersen, van Aert und van der Poel könnten bei einem wieder aufgewerteten Paris-Tours ihre Aufholjagd fortsetzen. Klar - vor Il Lombardia, traditionell der Weltcup-Abschluss, bräuchten alle drei ein Polster zu Pogacar, um ihn auf Distanz zu halten. Doch auch der Kampf um die Plätze hinter dem Überflieger wäre spannend. Kaum denkbar, dass es van der Poel gefallen würde, wenn van Aert vor ihm läge. Und anders herum.

Die aktuellen Stars des Radsports fühlen sich auf unterschiedlichen Terrains zuhause - von links: Remco Evenepoel, Wout van Aert, Mathieu van der Poel und Tadej Pogacar. | Cor Vos

Der Blick auf die aktuelle Saison ist allerdings auch nur ein Beispiel, das zeigen soll, welchen Reiz der Weltcup heutzutage hätte. Was, wenn Pidcock im Sanremo-Finale etwas konzentrierter gewesen wäre? Und wenn van der Poel in Roubaix nicht ausgerechnet im Wald von Arenberg einen Defekt gehabt hätte? Es ist auch nicht gesagt, dass es für den Slowenen ewig so weiter geht - die Konkurrenz schläft nicht.

Australien, UAE, USA und China für die weltweite Vermarktung?

Überhaupt sollen diese Gedankenspiele nur ein Denkanstoß sein: Liebe UCI, bring' den Weltcup zurück! Das würde schließlich auch dem Ansinnen einiger Teams entsprechen, die mit dem Projekt OneCycling im Sinne der Vermarktung zuletzt auch eine Serie im Sinn hatten, in der die großen Stars öfter direkt gegeneinander fahren sollten.

Um dem weltweiten Vermarktungswunsch zu entsprechen, könnten ja auch gerne noch das Cadel Evans Great Ocean Road Race Ende Januar, ein Eintagesrennen in den Emiraten im Februar, rund um die Kanada-Rennen im September eines in den USA sowie zum Saisonabschluss ein Eintagesrennen bei der Tour of Guangxi im Oktober in China aufgenommen werden, um auch diese großen Märkte noch einzubeziehen. Überlegenswert wäre dies allemal.

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