“Ich bin froh, dass ich es endlich habe“

Jonas Vingegaard - Souveräner Traumerfüller

Von Tom Mustroph

Foto zu dem Text "Jonas Vingegaard - Souveräner Traumerfüller"
Jonas Vingegaard (Visma - Lease a Bike) hat endlich sein Rosa Trikot. | Foto: Cor Vos

23.05.2026  |  (rsn) - Jonas Vingegaard (Visma - Lease a Bike) kann sich noch freuen. Gewöhnlich hat der Däne nur knappe Antworten parat und hält die Aussagen über seine emotionalen Befindlichkeiten so schmal wie eine schlecht kalibrierte KI. Auf der Skistation Pila, hoch oben in den Hängen gelegen, die das Aostatal einschließen, sprudelte er für seine Verhältnisse geradezu über, als er nach der Bedeutung des Rosa Trikots für ihn gefragt wurde.

"Es ist definitiv eines der ganz besonderen im Radsport, und ich bin froh, dass ich es endlich habe“, sagte er und strahlte über das ganze Gesicht. "Ich habe lange davon geträumt, wie wahrscheinlich viele jungen Burschen, und dass ich es jetzt anhabe, fühlt sich einfach großartig an“, ergänzte er. Seine Freude war schön zu sehen. Er wirkte plötzlich wieder wie der junge Bursche, der bei der Tour de France 2021 Tadej Pogacar am Mont Ventoux ganz überraschend in Schwierigkeiten brachte. Da ging sein Stern auf, da lastete noch kein Druck auf ihm. Er konnte performen, wie er wollte.

Fünf Jahre später, zwei Tour de France-Gesamtsiege und einen bei der Vuelta in der Tasche, hat Vingegaard mittlerweile so gut mit dem Druck, dem er als Siegbringer ausgesetzt ist, umgehen gelernt, dass wieder die Gefühle hochkommen dürfen. Eine neue Qualität in Sachen Souveränität.

Plan(über)erfüllung

Sportlich indes war es vor allem Planerfüllung, was er und sein Team Visma – Lease a Bike auf dem Fünf-Berge-Parcours rings um Aosta ablieferten. "Der Plan sah genau das vor, was wir auch umgesetzt haben. Wir hatten uns vorgenommen, von Anstieg zu Anstieg immer schneller zu werden. Und im Grunde genommen ist es das, was wir taten“, meinte er. Das führte dann auch dazu, dass die prominent besetzte Fluchtgruppe an der kurzen Leine gehalten wurde.

Vor allem der heimische Held Giulio Ciccone (Lidl - Trek) rebellierte dagegen immer wieder. Seine Beschleunigungen ganz vorn konnten den kompromisslosen Zug der gelb-schwarzen Visma-Wespen aber nicht in Verlegenheit bringen. Nur ein Detail lief vielleicht nicht komplett nach Plan an diesem Tag. An einem der Anstiege war zu sehen, wie Visma-Fahrer zu Flaschen anderer Teams griffen. Hatte da die Logistik gepatzt?

"Nein, gar nicht. Heute hat jeder den anderen abgegeben, auch wir haben anderen Teams Flaschen gegeben. Die Jungs fahren ja alle denselben Berg hoch“, sagte einer aus dem Visma-Lager RSN. Schöne Solidarität auf der Königsetappe. Auch das gibt es noch im Profiradsport. Aus seinem eigenen mehrstufigen Teamtriebwerk wollte Kapitän Vingegaard noch den jungen Italiener Davide Piganzoli herausheben.

Super Piganzoli

"Das ganze Team hat heute super gearbeitet. Aber er war großartig. Er riss, als er vorne fuhr, ja schon eine Lücke zu den meisten meiner Kontrahenten. So musste ich selbst gar nicht mehr richtig attackieren, was einfach schön war“, meinte er. Gut, etwas musste er noch selbst arbeiten, um 4,6 Kilometer vor dem Ziel den Österreicher Felix Gall (Decathlon - CMA CGM) in die Schranken zu weisen. Aber es sah leicht und relativ unangestrengt aus, was der Däne da zeigte.

Auf Nachfrage im Interviewwagen bekannte er aber doch, auch selbst an sein Limit gegangen zu sein. Sein Limit lag ganz offensichtlich aber eine Etage über dem von Gall und anderthalb über dem des Red Bull-Duos Jai Hindley und Giulio Pellizzari.

Wo er im Fernvergleich mit Tadej Pogacar steht, wollte er nicht verraten. So erdrückend überlegen wie der Slowene bei dessen Girosieg vor zwei Jahren wirkt Vingegaard bei dieser Ausgabe der Italienrundfahrt nicht. Aber was er auch tut, es reicht, um die Konkurrenz locker in Schach zu halten.

Klares Bild

Als gewonnen sieht er den Giro selbstverständlich noch nicht an, selbst wenn das Bild mit knapp drei Minuten Vorsprung auf den ernsthaftesten Verfolger Gall und mehr als drei auf den Rest ziemlich klar aussieht. "Es kommen noch drei sehr harte Bergetappen in der letzten Woche. Es ist also wirklich nicht vorbei. Und jeder kann mal einen schlechten Tag haben“, sagte er.

Sein Traum sei aber, Rom in Rosa zu erreichen, beteuerte er. Und da tauschte er sein geschäftsmäßiges Gesicht, mit dem er den Etappenverlauf geschildert hatte, wieder mit dem Ausdruck der jungenhaften Freude ein, mit dem er eingangs der Pressekonferenz sein Verhältnis zu Rosa beschrieben hatte. Das Rennen, so scheint es, macht ihm wirklich Freude, auch jenseits aller einprogrammierten Siege.

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