RSNplusEin Blick hinter die Kulissen der Zeitfahr-ÖM

Klimt-Idylle, 35 Grad und Rennen auf Oldschool-Material

Von Christoph Matt

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Rainer Kepplinger (Bahrain Victorious) ging als vorletzter Starter ins Rennen | Foto: Christoph Matt

27.06.2026  |  (rsn) - Bis vor einigen Jahren waren nasse Sommer im Salzkammergut keine Seltenheit und an den österreichischen Alpenseen regnete es auch gerne mal mehrere Wochen durch. Trotzdem ist Weißenbach am Attersee seit mehr als hundert Jahren ein österreichischer Sommerfrischeort erster Güte. Gustav Klimt verbrachte hier die warmen Monate und malte vom Boot aus. Klaviervirtuose und Komponist Friedrich Gulda wählte das kleine Dorf am See als Wohnort.

An diesem 27. Juni 2026 präsentiert sich der Ort allerdings weder regnerisch noch mit künstlerischer Aura. Schon bei der Ortseinfahrt machen die Akteure des Tages klar, wer hier das Geschehen bestimmt. Unzählige Radsportler und Radsportlerinnen aller Altersklassen rollen durch das Dorf, fahren sich auf Rollen warm oder versuchen, sich schon vor dem Start für den heißen Tag herunterzukühlen. Immerhin sagt der Wetterbericht mehr als 35 Grad voraus. Wer an diesem Tag kein Rennen fährt, sitzt lieber am See. ___STEADY_PAYWALL___

Vielleicht in weiser Voraussicht hat der Veranstalter deshalb die Strecke der Staatsmeisterschaften ins Weißenbachtal gelegt. Teilweise schattig und von Bergen umringt, verbindet das Tal den Attersee mit Bad Ischl und bildet die Kulisse für den 23 Kilometer langen Wettkampf. Schon am Start des U13 um 9 Uhr ist es dennoch warm. Immerhin weht der Rosenwind, ein lokaler thermischer Wind aus nordöstlicher Richtung, an diesem Sommertag durch das Weißenbachtal.

Radsport in allen Facetten

Bedenken wegen unterschiedlicher Bedingungen zu den verschiedenen Startzeiten muss man sich jedoch keine machen. Zwar stehen knapp 100 Fahrer auf der Startliste, sie verteilen sich aber auf unterschiedliche Klassen, deren Wettbewerbe jeweils in kurzem Abstand beginnen. Der Radsport zeigt an diesem Tag viele seiner Facetten. Es passiert wohl selten, dass eine U13-Schülerin beim gleichen Rennen antritt wie ein World-Tour-Veteran à la Felix Großschartner (UAE - Emirates - XRG).

Vielleicht wurde der fehlende Kettenfänger Tabea Huys zum Verhängnis. | Foto: Christoph Matt

Entsprechend unterschiedlich fallen auch die Vorbereitungen vor dem Start aus. Während ein Vater aus dem Kofferraum seines Kombis das Rad seiner Tochter hebt, steht daneben ein Teamauto von UAE mit fast einem halben Dutzend Rädern am Dach. Ein Mechaniker hält zwei Laufräder in der Hand, deren Wert den der meisten Juniorenräder locker übersteigt.

Immerhin bedeuteen die Zeitfahrmeisterschaften bis in die Juniorenklassen materialtechnisch kein großes Wettrüsten. Zeitfahrräder sind hier nicht erlaubt, gefahren wird ganz klassisch mit dem Straßenrad. Auch in den höheren Klassen ist modernes Zeitfahrmaterial bei nationalen Meisterschaften aber keine Selbstverständlichkeit. KTM, Sponsor vieler Teams in Österreich, hat kein eigenes Zeitfahrrad im Sortiment, weshalb sich viele Fahrer anderweitig umschauen müssen.

Oldschool-Material für Nachwuchsfahrerin

Tabea Huys (Tirol Women Cycling), die Drittplatzierte des Frauenrennens, fährt ihr Ergebnis auf einem echten Relikt ein, einem ehemaligen Teambike von HTC-Highroad Das Scott Plasma aus dem Jahr 2010 ist zwar mit modernen Reifen, Laufrädern, 1-fach-Kettenblatt und neuen Auflieger ausgestattet, es gibt an diesem Tag aber vermutlich schnellere Setups.

"Prinzipiell lief es sehr gut, die Beine fühlen sich gut an und ich konnte mich voll auf die Watt konzentrieren. Leider ist mir einmal die Kette runtergefallen. Zuerst habe ich noch versucht, sie selber mit der Hand draufzulegen, musste aber schlussendlich doch stehen bleiben“, bilanziert Huys nach dem Rennen gegenüber RSN.

Es lässt sich nur spekulieren, was mit besserem Material möglich gewesen wäre. Zur zweitplatzierten Anna Kiesenhofer (Cookina Graz) fehlen am Ende lediglich 13 Sekunden, auf Siegerin Christina Schweinberger (Fenix - Premier Tech) sind es 24 Sekunden. Doch auch so lässt die Tirolerin zwei World-Tour-Profis hinter sich. "Wenn die mal ein richtiges Radl hat, dann…“, deutet der Vater der Heeressportlerin vielsagend an.

Familiär geht es auch bei der Siegerin zu. Christina Schweinberger wird beim Heimrennen von ihrer Familie betreut. Ihre Zwillingsschwester Kathrin weiß auch ganz gut, wie so eine Betreuung aussieht, immerhin fährt auch sie in der World Tour. Heute reicht sie aber die Kühlweste, während der Vater den Sonnenschirm hält.

Christina Schweinberger wurde in der Heimat familiär betreut. | Foto: Christoph Matt

"Wir haben alle gewonnen, die ganze Familie. Es ist wirklich gut gelaufen. Laut Vorhersage war gar kein Wind gemeldet. Zum Glück hat mir aber Philipp Bachl, der von hier kommt und hinter mir im Auto saß, gesagt, dass hier im Tal immer Gegenwind herrscht. Da dachte ich mir schon, dass ich mir unbedingt noch etwas für den Rückweg aufsparen muss“, erläutert die nun dreimalige Staatsmeisterin im Ziel.

Obwohl die Alpenrepublik auch bei den Männern einige Fahrer in der höchsten Liga des Radsports ausschickt, ließen sich nur zwei an den Attersee locken. Großschartner und Rainer Kepplinger (Bahrain Victorious) machen die ersten beiden Plätze unter sich aus. Am Ende holt sich Großschartner mit 27 Sekunden Vorsprung auf Kepplinger seinen vierten Titel. Adrian Stieger komplettiert das oberösterreichische Podest mit knapp einer Minute Rückstand.

"Es war mein Ziel zu gewinnen und dementsprechend ist die Freude hoch. Die letzten fünf Kilometer stand der Wind und da wurde es richtig zäh“, meint der 32-Jährige im Ziel.

Wenige Hochkaräter beim Männerrennen

Ob Großschartner im Juli bei der Tour de France an den Start geht, will er im Ziel nicht verraten, dazu soll es am Montag konkrete Infos geben. Immerhin war er aber schon mit Tadej Pogacar (UAE - Emirates - XRG) im Höhentrainingslager. Man darf also spekulieren, dass er diese harten Einheiten nicht ausschließlich für den heutigen Kampf gegen Kepplinger absolviert hat.

Nach dem Event zieht der österreichische Radsport-Zirkus schnell wieder ab und überlässt den Ort den gemütlicheren Sommerfrischlern. Die österreichische Straßenmeisterschaft geht schließlich am Sonntag in Schwanenstadt über die Bühne.

Der Attersee selbst bleibt den Zeitfahrern aber erhalten. Im September kommen die Spezialisten zurück, wenn mit dem "King of the Lake“ das größte Amateurzeitfahren Europas ansteht. Dann geht es für die Starter nicht nur ins schattige Tal hinein, sondern einmal komplett rund um den ganzen See. Dort lassen sich dann auch Klimts berühmte Seeansichten deutlich besser erahnen als im Weißenbachtal.

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