“Stoßen an die Grenzen des menschlichen Körpers“

Nach der Tour hat die Hitze hat auch die Vuelta fest im Griff

Von Kevin Kempf

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Der Führende im Bergklassement, Santiago Buitrago (Bahrain Victorious) trotzt der Hitze vor dem Start mit einer Kühlweste, | Foto: Cor Vos

07.09.2026  |  (rsn) – Bei der Tour de France war die Hitze bereits ein - man verzeihe den Kalauer – Dauerbrenner. Bei der Vuelta a Espana sieht es nicht anders aus. Auf der Etappe nach Cordoba im sonnenverwöhnten Andalusien wurden durchgängig über 40 Grad gemessen, teils sogar deutlich. Die Strecke wurde in weiser Voraussicht von 190 auf 110 Kilometer gekürzt, doch an den Temperaturen änderte das nichts. Die Maßnahme war ein sprichwörtlicher Tropfen auf den heißen Stein, wie zahlreiche Profis im Ziel erzählten.

“Ich denke, es war eine gute Entscheidung der Organisatoren, diese Etappe zu verkürzen“, lobte Georg Steinhauser (EF Education – EasyPost) zunächst die Organisatoren gegenüber Eurosport. Doch er musste einräumen, dass im Peloton trotzdem außergewöhnlich gelitten wurde. “Man konnte wegen der Hitze im ersten Anstieg schon Fahrer in Schlangenlinien bergauf fahren sehen. Es ist definitiv extrem, aber wir geben unser Bestes.“

Sehr deutlich wurde dagegen Matthew Brennan (Visma – Lease a Bike) Eurosport am Eurosport-Mikrofon. “Hier haben wir 41 Grad im Schnitt. Das ist der Durchschnitt! Auf dem Hügel am Start waren es 44 Grad“, blickte der dreifache Etappensieger zurück. “An dem Punkt denkt man sich - was machen wir hier eigentlich?“, sagte er, bevor er zu einem verbalen Rundumschlag ausholte.

Rundumschlag

“Ein normaler Büroarbeiter muss seine Bürotemperatur auf 20 Grad oder so haben. Ich bin mir sicher, dass die Leute im UCI-Büro ihre auch auf 20 Grad eingestellt haben. Wenn wir uns hier für sie durchschlagen, ist das nicht großartig. Aber wir machen es“, so der 21-Jährige, der allerdings keine Ideen offerierte, die die UCI-Verantwortlichen zur Lösung oder Linderung des Hitzeproblems beitragen könnten. “Es würde mich nicht überraschen, wenn ein paar Körper mit einem Hitzschlag im Krankenwagen abtransportiert werden“, schloss Brennan ab. Von solchen Fällen während des Rennens oder danach ist glücklicherweise - zumindest vom Sonntag - nichts bekannt.

Doch auch wenn der Youngster mit seinem Kommentar vielleicht etwas über das Ziel hinausgeschossen ist, ist seine Frustration über die teils gefährliche Situation verständlich. Im Gespräch mit Cyclingnews berichtete nämlich Ethan Hayter (Soudal – Quick-Step) vor dem Start zur 15. Etappe, wie schlecht es ihm auf den letzten Etappen ergangen war. "Vor drei Tagen war es eigentlich am schlimmsten. Ich war deliriös und fühlte mich krank, musste mich am Auto festhalten und ständig Wasser zu mir nehmen."

Hitzschlag

Damit beschrieb der Zweite des Auftaktzeitfahrens Symptome eines Hitzschlags. “Gestern lief es zwar besser, aber am Tag davor war ich fast die gesamte Etappe über in einer Siebenergruppe unterwegs – und wir haben das Zeitlimit geschafft. Allerdings sind inzwischen einige dieser Fahrer nach Hause gefahren“, erzählte Hayter weiter.

Zu jenem Septett gehörte auch Moritz Kretschy (NSN), der von seinem Team am nächsten Tag aus dem Rennen genommen wurde. Hugo Houle (Alpecin – Premier Tech) und Christophe Laporte (Visma – Lease a Bike), ebenfalls Teil der Sieben, gaben die Vuelta tags drauf auf.

“Ich denke, die Hitze schränkt uns etwas ein, weil wir an die Grenzen des menschlichen Körpers stoßen, was ziemlich gefährlich ist“, sagte Joao Almeida (UAE – Emirates – XRG) diesbezüglich gegenüber Cyclingnews. Er erläuterte auch, wie sich die Hitze in den Alltag der Radprofis integriert hat. “Es ist nicht leicht zu erklären, aber Hitzetraining gehört gewissermaßen zu unserer Vorbereitung, damit wir unter solchen Bedingungen fahren können. Wenn man locker fährt, ist es kein Problem – man trinkt genug und kühlt sich ab. Aber ein Rennen zu bestreiten, ist etwas anderes; das ist eine ganz andere Situation und kann definitiv gefährlich sein. Wir müssen aufeinander achten.“

Etappenverkürzungen und “aufeinander achten“ sind momentan die einzigen Lösungen, die der Radsport auf die sich verändernden Umstände gefunden hat. Gerade Letzteres sind nicht nur leere Worte, denn bei der Vuelta sieht man stets wieder, dass Fahrer von gegnerischen Teams mit Wasser versorgt werden, selbst im tiefen Finale. Solidarität, die es so im Feld nicht immer gibt. Trotzdem bleibt das Grundproblem bestehen.

Lösungsvorschlag

Wie Almeida betonte auch Andreas Leknessund (Uno-X Mobility), der in seiner Heimat in Tromsö gern mal bei -20 Grad trainiert, die Wichtigkeit der Präparation auf extremes Wetter. “Natürlich sind Hydration und Vorbereitung wichtig. Trotzdem: Wenn die Hitze wie heute ist, ist alles einfach viel anstrengender“, verriet er, bevor er eine überraschende Wende nahm. “Wenn die Form gut ist, kommt man aber auch mit der Hitze gut klar. Im Grunde ist es nicht so schlimm, denn alle werden schneller müde. So ist es mir eigentlich lieber.“

Damit war er einer von nur zwei Profis, die sich im Ziel nicht stöhnend über die äußeren Umstände äußerten. Der andere war der tief enttäuschte Etappendritte Thibau Nys (Lidl – Trek). “Es ist warm. Was kann man sonst noch dazu sagen? Es ist verrückt. Aber das ist das Letzte, worüber ich jetzt nachdenke“, ärgerte sich der Belgier, der wie Leknessund durch seine Wintereinsätze im Cross anderes Wetter gewöhnt ist, über den verpassten Sieg.

Und im Grunde ist das - während des Rennens - wohl die beste Einstellung: Vorbereitung auf die Hitze, Akzeptieren und Managen der Hitze und volle Konzentration auf den Wettkampf. Letztendlich stößt der Radsport nicht nur an die Grenzen des menschlichen Körpers. Was Lösungen betrifft, scheint er auch an die Grenzen des menschlich Machbaren zu stoßen. Dieser Radsportsommer macht deutlich, dass ein Umdenken stattfinden muss. Nicht während der Tour oder Vuelta, sondern danach. Irgendwo in einem auf 20 Grad heruntergekühlten Konferenzraum.

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