RSNplusMas weckt Erinnerungen an Indurain, Valverde & Co.

Movistar kehrt mit Vuelta-Sieg ins Rampenlicht zurück

Von Guido Scholl

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Das Movistar Team feiert den Vuelta-Sieg von Enric Mas (im Roten Trikot). | Foto: Cor Vos

14.09.2026  |  (rsn) - Der Gesamtsieg von Enric Mas bei der Vuelta a Espana ist einerseits für ihn selbst ein später, kaum noch für möglich gehaltener Coup. Doch auch für seine traditionsreiche Mannschaft hat dieser Erfolg eine besondere Bedeutung. Es bringt eine - zwischenzeitlich im Mittelmaß versunkene - einstige Supermacht zurück in höchste Sphären. Und damit auch deren Teamchef Eusebio Unzue, der einmal zu den Hauptfiguren auf der internationalen Radsportbühne zählte.

Mit dem Vuelta-Sieg im Alter von 31 Jahren hat Mas seinen großen Traum verwirklichen können. Der Spanier, der 2020 mit großen Erwartungen von Quick-Step zu Movistar wechselte, nachdem er bereits als 22-Jähriger Zweiter der Heimatrundfahrt geworden war, hat eineinhalb schwere Jahre mit wenigen starken Resultaten hinter sich. Bei den Grand Tours, eigentlich Mas’ Spezialität, standen 2025 und 2026 bislang nur ein 32. Giro-Platz und ein DNF bei der Tour zu Buche. Es schien, als sei die Zeit der großen spanischen Hoffnung bereits vorbei. ___STEADY_PAYWALL___

Doch Mas zeigte sich bei dieser Vuelta als der – nach Tadej Pogacars Ausscheiden – stärkste Kletterer, und auch im Zeitfahren behauptete er sich gegenüber der Konkurrenz überraschend stark. Letzteres war der Schlüssel zum Gesamtsieg. Viele Beobachter hatten in der Vergangenheit bemängelt, Mas habe nach seinem Wechsel zu Movistar keine Entwicklungsschritte mehr gemacht. Trotz Top-Platzierungen in den Grand Tours – unter anderem zwei weiteren zweiten Rängen bei der Spanien-Rundfahrt.

Mit seinem Sieg auf der 9. Etappe legte Enric Mas frühzeitig den Grundstein zu seinem ersten Vuelta-Triumph. | Foto: Cor Vos

Hätte Mas unter den Fittichen von Quick-Step-Boss Patrick Lefevre wie so viele andere Radprofis seine Qualitäten im Kampf gegen die Uhr deutlich verbessern können? Nach seinem Gesamtsieg dürfte ihm das egal sein, zumal er auch dann in der Ära Pogacar/Vingegaard bei der Tour keine Chance auf Platz eins gehabt hätte. Da muss man realistisch sein. Und die Tour ist das einzige, was den Vuelta-Triumph noch toppen könnte.

Doch nicht nur für Mas, auch für den besagten Unzue ist dieser Rundfahrtsieg eine Genugtuung. Wer den Radsport noch nicht so lange verfolgt, wird gar nicht mehr auf dem Radar haben, dass Unzue einmal der Star unter den Teamchefs war. Der heute etwas aus der Zeit gefallen wirkende Spanier musste zuletzt seit 2019 auf einen Grand-Tour-Sieg warten. Damals hatte Richard Carapaz etwas überraschend den Giro gewonnen. Die Wartezeit danach war ungewöhnlich lang.

Der heute 71-Jährige hatte nach einer Jugendkarriere früh Rollen in Radsport-Mannschaften übernommen, stieg in den achtziger Jahren beim als Amateurteam gestarteten Reynolds-Rennstall ein. 1983 absolvierte Unzue seine erste Tour de France in verantwortlicher Rolle. Anschließend stieg er neben Gründer Miguel Echavarri zur Nummer zwei bei Renyolds auf. Mit dem jungen Kletterstar Pedro Delgado gelang 1984 der erste Gesamtsieg bei der Spanien-Rundfahrt. Delgado ließ nach zwischenzeitlichem Teamwechsel 1988 den Tour-Sieg folgen und gewann ein Jahr später noch einmal die Vuelta.

Unuze: “Mit Miguel habe ich den Himmel berührt“

Auch wenn er nie wieder einen Gesamterfolg landen konnte, fuhr Delgado viele weitere Podest- und Top-10-Plätze ein. Da hieß Rennolds bereits Banesto. Unter diesem Namen erfolgte ein halbes Jahrzehnt des Dauertriumphs für Unzue. Denn als Delgados Stern zu sinken begann, ging der des legendären Miguel Indurain auf. Fünf Tour-Siege und zwei beim Giro bescherte “Big Mig“ seiner Equipe zwischen 1991 und 1995. Dazu Gold bei der WM und bei Olympia sowie einen Stundenweltrekord, um nur die wichtigsten Erfolge zu nennen. Unzue sagte einmal: “Mit Miguel habe ich den Himmel berührt.“

Tags zuvor hatte der bis dahin überragende Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) nach einem Sturz im Roten Trikot die Vuelta aufgeben müssen.. | Foto: Cor Vos

Einziger Makel dieses Höhenflugs war ausgerechnet die Heimatrundfahrt. Dort trug Indurain, der übrigens wegen seiner herausragenden Zeitfahrqualitäten als erster Radprofi den heute inflationär verwendeten Begriff “Außerirdischer“ verpasst bekam, zwar schon bei seiner zweiten Teilnahme 1985 das Leader-Trikot für vier Tage. 1991 wurde er auch Gesamtzweiter, doch ausgerechnet sein Landsmann Melcior Mauri fuhr das beste Rennen seines Lebens – an diesen Grand-Tour-Sieg sollte er nie wieder anknüpfen können.

Platz eins sprang für Indurain auch nie heraus – nicht einmal auf einer Etappe. 1996 folgte dann sein Ausstieg aus der Vuelta, zu deren Teilnahme er vom Team gedrängt worden war – auf dem Weg zu den Lagos de Covadonga stieg der im Juli bei der Tour entthronte Superstar frustriert vom Rad. Er sollte nie wieder ein Rennen bestreiten.

Doch auch nach der Ära Indurain blieben die Grand-Tour-Siege keineswegs aus. 1998 gewann Zeitfahr-Crack Abraham Olano für Banesto die Vuelta, und das trotz taktisch rätselhafter Entscheidungen. Für manchen Experten war in jenem Jahr Kletterass José Maria Jimenez der stärkste Fahrer des Teams. Doch der musste sich zurückhalten. 

Valverde avancierte nach 2004 zum Erfolgsgaranten

Der Gesamtsieg gab Unzue Recht – damals galt der Spanier noch als ausgewiesener Taktikfuchs, was heute so wohl nicht mehr viele unterschreiben würden. Die Tour und den Giro konnten weder Olano noch Jimenez gewinnen. Immerhin gelangen Olano Weltmeistertitel auf der Straße und im Zeitfahren, womit er bis zu Remco Evenepoels Doppeltriumph ein Alleinstellungsmerkmal besaß.

Eher per Zufall kam Unzues siebter und bislang letzter Tour-Gesamterfolg zustande: Oscar Pereiro, ein ordentlicher Klassementfahrer, aber nie ein Top-Mann, holte auf einer Flachetappe als Ausreißer an der Seite von Jens Voigt eine gute halbe Stunde Zeit heraus und beendete die Tour zunächst als Zweiter. Dann wurde der US-Amerikaner Floyd Landis des Dopings überführt, und Pereiro bekam den Sieg am Grünen Tisch zugesprochen.

Movistar-Chef Eusebio Unzue (li.) bei der Vuelta a Espana 2026, die sein Kapitän Enric Mas gewann. | Foto: Cor Vos

In dieser Phase begann aber eine weitere glorreiche Zeit des Teams, das damals Caisse d’Epargne hieß. Der 2004 von Kelme geholte Alejandro Valverde avancierte zum Erfolgsgaranten. Der Gesamtsieg bei der Vuelta 2009 sollte sein größter Sieg bleiben, trotz des WM-Titels von 2018. Mit 20 Podestplätzen bei Grand Tours hält der in seiner Heimat sehr populäre Spanier die weltweite Bestmarke und überflügelte sogar Delgado deutlich. Bei der Tour und beim Giro fuhr er jeweils aufs Podest.

Und mit Valverde war Unzues Equipe, die 2010 zu Movistar umfirmierte, sogar bei den Eintagesrennen eine Macht – vier Siege bei Lüttich-Bastogne und derer fünf beim Fléche Wallone sind nur ein Beispiel. Selbst Indurain hatte lediglich einmal die Clasica San Sebastian gewonnen. Valverde siegte dort zweimal.

Doch der Mann aus Murcia war nicht der einzige Protagonist dieser Zeit. Gemeinsam mit ihm verhalf der Kolumbianer Nairo Quintana der Unzue-Truppe zu Ruhm. Einige Jahre war der kleine Kletterer bei der Tour der härteste Widersacher des viermaligen Gesamtsiegers Chris Froome.

Der Dreizack stach im Kampf um Grand-Tour-Podien nie

2014 gelang ihm als erstem Nicht-Spanier in Diensten von Unzue ein Grand-Tour-Sieg – beim Giro d’Italia. 2016 gewann Quintana auch noch die Vuelta – vor Froome. Den entscheidenden Move machte der Movistar-Kapitän mit Alberto Contador, als beide weit vorm Ziel angriffen und den erstmals überforderten Tour-Dominator düpierten.

Nairo Quintana gewann 2009 für Movistar die Vuelta. | Foto: Cor Vos

Zwar war dieser Coup ein Glücksfall, weil Unzue von der Stärke Contadors und dessen Team profitierte. Doch war auch das ein Beleg für Unzues taktische Raffinesse. Ein anderes Beispiel dafür ist eine Etappe der Tour de France 1995 mit Ziel am Flughafen in Mende. Das Team Once hatte mit mehreren Fahrern angegriffen. Edelhelfer Neil Stephens, Laurent Jalabert (Vuelta-Sieger 1995), Ivan Gotti (Sieger des Giro 1997 und 1999) sowie Vuelta-Gewinner Mauri gehörten zu der Kopfgruppe.

Unzue forderte Indurain und seine Helfer auf, bei anderen Teams um Mithilfe bei der Nachführarbeit nachzusuchen. Schließlich hatte seine Equipe mehrmals großzügig anderen Fahrern Etappensiege überlassen, solange der eigene Star nicht in Bedrängnis gebracht worden war. Eine Form des Fairplay, die heute in Vergessenheit zu geraten scheint. “Calling in the Favors“ wurde das Vorgehen bei der Tour 1995 genannt. Am Ende gewann Jalabert die Etappe, doch sein Angriff auf Gelb scheiterte. Jalabert wurde Gesamtvierter, Gotti und Mauri sortierten sich direkt hinter ihm ein. Und “der Außerirdische“ hatte seinen fünften Toursieg in Serie unter Dach und Fach. Bis heute ein Rekord.

Zurück zur Movistar-Ära: Drei Jahre nach Quintanas Vuelta-Sieg gewann Carapaz den Giro für Movistar. Dabei profitierte der Ecuadorianer von einer Fehde zwischen Primoz Roglic und Vincenzo Nibali. Doch am Wert des Erfolgs ändert das nichts. Carapaz bewies in den folgenden Jahren, dass er zu den Top-Rundfahrern zählte. Im Unzue-Team blieb er aber nicht.

2026 ist auch Enric Mas am Ziel seiner Träume: Der Spanier feiert seinen ersten Vuelta-Gesamtsieg. | Foto: Cor Vos

Stattdessen machte die Verpflichtung des Kolumbianers Miguel Angel Lopez 2020 Hoffnung auf weitere Top-Ergebnisse. Dann kam Mas dazu. Ein Dreizack wurde teils im Kampf um Podestplätze in die Grand Tours geschickt. Später wurde Marc Soler dritte Kraft im Team. Fragwürdige taktische Entscheidungen führten bald mit dazu, dass der talentierte Spanier beim Pogacar-Rennstall anheuerte und lieber Helfer wurde statt um eigene Erfolge zu fahren.

Diese Phase markierte den Anfang des Absturzes von Movistar. Selbst Mas konnte dies nur teilweise kompensieren. Bis zu diesem Jahr. Jetzt hat er den 16. Grand-Tour-Erfolg für Unzue perfekt gemacht. Eine Initialzündung für Movistar? Am Ende dieses Satzes müssten mehrere Fragezeichen stehen. Auch wenn sich der Kapitän stark zeigte und seine Helfer prima arbeiteten – der Sieg könnte genauso gut das letzte Aufflammen einer seit langer Zeit verglimmenden Glut gewesen sein.

Andererseits: Unzue ist Unzue.

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