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18.10.2026 | (rsn) – Bei der Nationalhymne kamen Paulina Grabosch die Freudentränen. Die Sprinterin stand zum ersten Mal in ihrer Karriere ganz allein auf dem obersten Podiumsplatz bei Bahn-Weltmeisterschaften. Zuvor hatte sie in Shanghai den Titel im 1.000-Meter-Zeitfahren geholt. Fünfmal war Grabosch zuvor schon im Teamwettbewerb ins Regenbogentrikot geschlüpft, diese Ehre konnte die 28-Jährige nun allein genießen.
“Normalerweise habe ich diesen Moment immer mit anderen Leuten geteilt, diesmal war ich halt auf mich allein gestellt“, strahlte die Magdeburgerin, die nach einer souveränen Qualifikation auch im Finale der besten acht Fahrerinnen erst die Nerven und dann die Oberhand behielt. ___STEADY_PAYWALL___
“Ich bin jetzt schon einige WM-Finals gefahren, also wusste ich, wie es sich anfühlt, mal kurz die Nerven zu verlieren“, grinste sie. Aber nicht nur das gesamte Team rund um Bundestrainer Jan van Eijden und den Mechanikern von German Cycling, sondern auch ihre Teamkolleginnen und -kollegen versuchten, die 28-Jährige in der Pause nach der Qualifikation zu “erden“, sie solle einfach auf ihre Stärke vertrauen.
Das WM-Podium des 1.000-Meter Zeitfahrens der Frauen, in dem Paulina Grabosch (Mi.) die Goldmedaille gewann. | Foto: Cor Vos
Um sieben Zehntel war Grabosch in der Qualifikation schneller als die Titelverteidigerin und Weltrekordhalterin Hetty van de Wouw aus den Niederlanden, unterbot dabei ihre persönliche Bestleistung um fast zwei Sekunden. Die Rolle der Favoritin wollte sie sich trotzdem auch für das Finale nicht zuschreiben. Für Grabosch zählte nur ein Gedanken: “Ich wollte einfach nur nicht Vierte werden.“
Sie sei da ein gebrandmarktes Kind: “Ich bin dreimal Vierte geworden, als der Wettbewerb noch über 500 Meter ging. Jedes Mal fehlten nur Tausendstelsekunden.“ Als Siegerin der Qualifikation startete sie als Letzte in das Finale, nach einer Pause von rund sechs Stunden, die zwischen ihrem ersten und finalen Auftritt am Samstag lagen. In der unmittelbaren Vorbereitung versuchte sie alles auszublenden, sich durch keine Zwischen- oder Bestzeit der Konkurrenz aus dem Konzept bringen zu lassen.
“Ich habe mir die Ohrstöpseln so tief es ging reingesteckt und im Rennen dann eine neue Fähigkeit freigeschaltet“, sagte Grabosch. Denn dort ging es ohne Musik auf die vier Vollgasrunden, die für die wohl größte Laktatausschüttung im Bahnradsport sorgen. Ähnlich wie bei den Europameisterschaften in Konya im Februar, wo sie im Teamsprint an dritter Position Deutschland zum Titel führte, war es der Stadionkommentator, der Grabosch noch einmal pushte.
“Damals habe ich gehört, dass Großbritannien führen würde, eine Viertelrunde vor dem Ziel. Ich dachte mir, nee, wir wollen schon Gold und es hat noch geklappt. Diesmal war es kurz vor der letzten Runde, wo ich hörte, ich läge nur auf Platz drei“, erzählte Grabosch, die zu diesem Zeitpunkt noch hinter van der Wouw und der Russin Iana Burlakova lag. Doch beide verloren in der Schlussrunde noch ordentlich an Zeit, Burlakova büßte sogar ihren Platz auf dem Podium noch ein. Grabosch hingegen konnte ihr Tempo bis zum Zielstrich voll durchziehen.
Grabosch (Mi.) mit den weiteren deutschen Medaillengewinnern Lisa Klein (li.) und Tim Torn Teutenberg | Foto: Cor Vos
“Ich habe hier echt versucht, mich auf meine Konstanten zu verlassen. Und das sind die Mechaniker, mein Bundestrainer, auch mein Freund, der mich unterstützt hat“, erklärte Grabosch und meinte damit ihren Teamkollegen und Trainingspartner Maximilian Dörnbach, der am Donnerstag im Keirin die Silbermedaille gewonnen hatte.
“Der Titel ist extrem wichtig für mich. Es war immer ein großes Privileg, sich mit den Besten der Welt messen zu können, oft waren sie aber meine Teamkolleginnen. Gemeinsam wurden wir stärker, aber ich bin eher die Bescheidene, verkaufe mich vielleicht auch ein bisschen unter Wert“, schilderte die frischgebackene Weltmeisterin, die nach einer Pause von fast zehn Jahren bei großen Titelkämpfen wieder allein auf dem Podium stand. 2017 wurde sie U23-Europameisterin in Anadia in Portugal, im damaligen 500-Meter-Zeitfahren.
“Das war heute schon ein ganz besonderer Moment. Einer, auf den ich einfach zehn Jahre warten musste und einer, der damit eine ganz eigene Geschichte hat“, meinte Grabosch, die mit ihren fünf WM-Titeln im Teamsprint, ihrer Lieblingsdisziplin, die erfolgreichste Athletin aller Zeiten ist.
Und dann gab sie dann noch ein Statement ab: “Das Wichtigste, und das sollte auch unser Anspruch sein, ist mental gesund zu bleiben, physisch gesund zu bleiben und Spaß dabeihaben. Oft steht man am Start, mit viel Druck, weil jedes Ergebnis dann doch irgendwie existenziell für seine sportliche Zukunft sein kann. Das gilt es abzulegen und dafür will ich Vorbild sein. Ich mag den Sport irgendwann besser verlassen, als ich ihn vorgefunden habe. Das ist mein Anspruch“, betonte sie abschließend.
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