RSNplusWorld-Teams 2026: NSN Cyling Team

Nach massiven Veränderungen die große Unbekannte

Von Tom Mustroph

Foto zu dem Text "Nach massiven Veränderungen die große Unbekannte"
Das Team NSN bei der Tour Down Under | Foto: Cor Vos

18.01.2026  |  (rsn) – Das Team NSN dürfte die große Unbekannte für die kommende Saison 2026 sein. Entstanden aus den Trümmern des von Palästina-Aktivisten massiv angegriffenen Rennstalls Israel - Premier Tech peilt die jetzt in der Schweiz lizensierte und von Spanien aus gesteuerte Formation neben dem Image-l auch einen Wechsel in der sportlichen Ausrichtung an.

“Wir werden uns jetzt stärker auf Etappengewinne bei den Grand Tours und auch auf die Klassiker orientieren. An der Vorbereitung dafür arbeiten wir derzeit“, berichtete der alte und neue Teammanager Kjell Carlström gegenüber RSN. Als ganz besonderes Ziel gab er das Grüne Trikot bei der Tour de France aus.

Den Mann dafür hat er. Biniam Girmay gewann bereits 2024 das prestigeträchtige Wertungstrikot bei der Tour. Und diesen Erfolg soll er möglichst wiederholen, jetzt in den Farben von NSN. “Zunächst fokussieren wir uns auf Etappengewinne. Aber wenn dies gut läuft, ist natürlich auch Grün ein Ziel“, meinte sein Girmays finnischer Teamchef. ___STEADY_PAYWALL___

Carlström war im Telefonat mit RSN hörbar erleichtert, dass es inzwischen wieder mehr um Sport und nur noch rückblickend um Politik ging. “Es war ein kompliziertes Jahr für uns, besonders der Herbst“, meinte der Finne, anspielend auf die Proteste gegen das Team bei der Vuelta, aber später auch bei den Eintagesrennen in Kanada, der Heimat vom damaligen Co-Sponsor Premier Tech.

Proteste in Italien führten sogar dazu, dass der Rennstall auf das Gros der Herbstrennen auf dem Stiefel verzichtete. Diese Situation bezeichnete Carlström als “frustrierend“ und betonte: “Das einzige, was wir wollten, war Rad zu fahren und unseren Sport auszuüben. Aber das wurde zunehmend schwerer.“

Wegen des Gaza-Kriegs stand Israel – Premier Tech in der Saison 2025 immer wieder im Fokus von Protesten. | Foto: Cor Vos

Grund für die Proteste war die Nähe vom damaligen Teameigner Sylvan Adams, einem kanadisch-israelischen Immobilienmilliardär, zu Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und auch das von Adams in der Vergangenheit sehr offensiv verfolgte Branding des Rennstalls als “Botschafter eines guten Israels“. Diese Position wurde aufgrund von Israels brutaler Kriegsführung in Gaza und auch dem Schweigen von Adams zu den zivilen Opfern immer schwerer haltbar.

Carlström versicherte aber, dass aus seiner Perspektive niemand im Rennstall dazu verdonnert wurde, in einer wie auch immer gearteten Rolle als Sympathieträger für Israel auftreten zu müssen. “Da gab es keinerlei Verpflichtung. Wir wollen nicht formen, wie jemand denken soll. Das ist jedermanns ganz persönliche Sache“, sagte.

Ethische Probleme, weiter für den Rennstall zu fahren, deuteten allerdings mehrere Fahrer an. Der Däne Jakob Fuglsang, der mitten in der Saison seine Karriere beendete, bekannte danach, froh zu sein, nicht mehr im Trikot von Israel - Premier Tech zu stecken. Der Kanadische Meister Derek Gee, seit 2022 im Team und eines der sportlichen Aushängeschilder, kämpfte seit dem Sommer vor Gericht um Auflösung seines Vertrags. Er gab ganz ausdrücklich “Gewissensgründe“ für diese Entscheidung an. Mittlerweile steht der Giro-Vierte beim deutschen Team Lidl – Trek unter Vertrag.

Andere prominente Fahrer wie Pascal Ackermann (zu Jayco - AlUla), Hugo Houle (der Kanadier ging mit Ex-Sponsor Premier Tech zu Alpecin) und vor allem Jungstar Matthew Riccitello (Gesamtfünfter und Sieger der Nachwuchswertung bei der Vuelta, jetzt bei Decathlon) verließen ebenfalls den Rennstall.

Neun Abgänge hatte das Team zu verzeichnen, darunter Jakob Fuglsang, der mitten in der Saison seine Karriere beendete. | Foto: Cor Vos

Härter noch als der Fahrer-Exodus (neun Abgänge) traf das Management der vorzeitige Ausstieg von Co-Sponsor Premier Tech und Radausrüster Factor. Darüber wirkte Carlström noch jetzt frustriert. “Sie haben öffentlich gefordert, dass wir den Namen und auch die Flagge ändern sollen. Das haben wir gemacht. Trotzdem fanden wir uns dann in der Situation wieder, dass sie gingen“, meinte er.

Ersatz war aber schnell gefunden. Der Eventveranstalter NSN, Kürzel für “Never Say Never“, sprang ein. Die Firma wurde von Ex-Fußball-Star Andres Iniesta mitgegründet. Sie produziert Filme, organisiert Musikfestivals und Kunstausstellungen, richtet aber auch Freundschaftsspiele für Iniestas alten Verein FC Barcelona und Touren für Inter Miami, den aktuellen Arbeitgeber von Lionel Messi aus.

Mit dem Radsport war die Firma zuvor nur über Anteile an der Gravel-Marke Guava verbunden. Mit dem WorldTour-Team ändert sich das aber massiv. Interessant dürfte werden, wie das in Sachen Entertainment erfahrene Unternehmen die Fankultur im Radsport bereichern – oder je nach Sichtweise – auch durchkommerzialisieren wird. Organisiert wurde der finanzielle Relaunch von der in der Schweiz angesiedelten, aber von zwei spanischen Managern gegründeten, Investmentplattform Stoneweg. “Wir haben eine großartige Partnerschaft mit ihnen, und sie haben viele Kontakte. Mit ihren und mit unseren Kontakten zu bestimmten Marken ist es uns dann gelungen, Sponsoren für das neue Projekt zu finden“, sagte Carlström optimistisch.

Beachtlich ist, dass dies in nur wenigen Wochen gelang. Manager anderer Rennställe brauchen oft Jahre, um neue Sponsoren zu gewinnen. In diesem Fall gelang das aber sensationell schnell. “Ganz so einfach, wie es ausschauen mag, war das aber auch nicht. Es war ein Prozess“, ordnete Carlström die Dynamik ein. Wie hoch genau das Budget ist, wollte er RSN nicht verraten. “Es ist aber in etwa in der Höhe, wie wir es vorher hatten“, sagte er.

Der Top-Transfer: Biniam Girmay

Finanziert werden konnte zumindest einer der aktuell besten Sprinter der Welt. Biniam Girmay heuerte bei NSN an. In trockenen Tüchern war der Deal allerdings wohl schon, als der Rennstall noch Israel – Premier Tech hieß. “Er war einfach interessiert an unserer Performance-Kultur, wie wir operieren, wie wir das Niveau heben“, sagte Carlström.

Als “die beste Sache für meine Zukunft“ lobte der Eritreer selbst den Teamwechsel. “Ich bin glücklich, hier zu sein, besonders wegen der neuen Atmosphäre. Es ist ein Neuanfang für mich und auch für das Team“, meinte er und hob nochmals “die sportlichen Fortschritte“ und “den guten Teamgeist“ bei seinem neuen Arbeitgeber hervor.

Dass im Umkehrschluss sein alter Arbeitgeber da eher schlecht bei wegkommt, ist vor allem wegen des Engagements von Intermarché-Chef Aike Visbeek schlichtweg ungerecht. Der Niederländer wendete viel Mühe und Ideen auf, Trainingspläne und Wettkampfkalender für Girmay so zu bauen, dass der auch über längere Zeiten in der Heimat trainieren konnte. Allerdings ging die letzte Saison gründlich in die Hose: Girmay gewann kein einziges Rennen. Für einen Mann seiner Qualitäten einfach indiskutabel.

Der prominente Neuzugang Biniam Girmay soll für NSN in der Saison 2026 Siege einfahren und das Grüne Trikot der Tour de France gewinnen. | Foto: Cor Vos

Beim neuen Arbeitgeber kann Girmay auf solides Afrika-Feeling bauen. Das neue Trikot nimmt Formen afrikanischer Kunst auf. Der Rennstall betreibt in Ruanda auch seit mehreren Jahren ein Nachwuchszentrum. Von den weichen Faktoren her könnte es also passen.

Das Team ist für besonders für die Klassiker gut gerüstet. Corbin Strong, Zwölfter bei Mailand – Sanremo 2025, Alexej Lutsenko, vor zwei Jahren unter den Top 10 bei Lüttich – Bastogne – Lüttich und Riley Sheehan, 2023 Sensationssieger bei Paris -Tours, sorgen für eine beachtliche Breite und können Girmay auch etwas Verantwortung abnehmen. Mit Sprinter Ethan Vernon, mit zwei zweiten Plätzen im letzten Jahr nur knapp am ersten Grand Tour-Coup vorbeigerauscht, steht auch ein interessanter Mann für ein alternatives Sprintprogramm bei Grand Tours und kleineren Etappenrennen parat.

Im Fokus: Pau Martí

Zusätzliche Breite im Klassikeraufgebot bringt Neuzugang Pau Martì mit. Der erst 21jährige Spanier verbrachte die letzten drei Saisons beim hauseigenen Farmteam Israel Academy. Dort setzte er vor allem in der U23-Szene starke Akzente. Er wurde Sechster im WM-Straßenrennen, war 2024 schon Gesamtdritter beim Giro Next Gen und gewann im vergangenen Jahr die prestigeträchtige Friedensfahrt.

“Es ist toll, als erster Spanier diese traditionsreiche Rundfahrt gewonnen zu haben“, sagte Martí danach dem spanischen Sportblatt Marca. Den Triumph holte er allerdings als Kapitän der spanischen U23-Nationalmannschaft. Für Israel – Premier Tech war er bereits bei einigen Rennen der Profis im Einsatz. Sich selbst schätzte er als sehr vielseitigen Fahrer mit Beinen und mit Köpfchen ein: “Ich bin ganz gut in den belgischen Eintagesrennen mit den schmalen Straßen und dem Kopfsteinpflaster. Ich komme aber auch gut mit italienischen Rennen mit vielen Anstiegen wie etwa dem Giro della Valle d’Aosta klar. Ich mag es, offensiv zu fahren und ich denke, ich kann Rennen ganz gut lesen“, sagte er

Einziges Manko sei noch das Zeitfahren, fügte Martí an. Das dürfte er perspektivisch aber beheben. Betreut wird er vom Landsmann und früheren Zeitfahrspezialisten Ruben Plaza. Als einziger Spanier im Rennstall mit spanischem Titelsponsor dürfte er trotz seines noch jungen Alters selbst in seiner Debütsaison einige Freiheiten haben.

Der Spanier Pau Martí sicherte sich die Gesamtwertung der Friedensfahrt 2025 und wird sein erstes Jahr bei der Profis bestreiten. | Foto: Cor Vos

Das Aufgebot:
Lewis Askey (Großbritannien / 24), George Bennett (Neuseeland / 35), Joseph Blackmore (Großbritannien / 22), Guillaume Boivin (Kanada / 36), Simon Clarke (Australien / 39), Pier-André Cotßé (Kanada / 28), Itamar Einhorn (Israel / 28), Marco Frigo (Italien / 25), Brady Gilmore (Australien / 24), Biniam Girmay (Eritrea / 25), Jan Hirt (Tschechien / 34), Hugo Hofstetter (Frankreich / 31), Oded Kogut (Israel / 24), Matis Louvel (Frankreich / 26), Alexey Lutsenko (Kasachstan / 33), Pau Martí (Spanien / 21), Ryan Mullen (Irland / 31), Krists Neilands (Lettland / 31), Alessandro Pinarello (Italien / 22), Nadav Raisberg (Israel / 24), Nick Schultz (Australien / 31), Riley Sheehan (USA / 25), Jake Stewart (Großbritannien / 26), Corbin Strong (Neuseeland / 25), Tom Van Asbroeck (Belgien / 35), Floris Van Tricht (Belgien / 24), Ethan Vernon (Großbritannien / 25), Stephen Williams (Großbritannien / 29)

Davon Neuzugänge:
Lewis Askey (Groupama), Brady Gilmore, Pau Martí (beide Israel Academy), Biniam Girmay (Intermarché Wanty), Ryan Mullen (Red Bull – Bora – Hansgrohe), Alessandro Pinarello (VF Group - Bardiani CSF)

Teamleitung:
Manager: Kjell Carlström
Sportdirektor: >Steve Bauer
Sportliche Leiter:
Alexander Cataford, Aviad Izrael, Dimitri Claeys, Dror Pekatch, Eric Van Lancker, Franceso Frassi, Jonathan Patrick McCarty, Lahav Davidzon, Oscar Guerrero, René Andrle, René Mandri, Rubén Plaza, Sam Bewley, Tim Elverson<

Material:
Rahmenhersteller: Scott
Gruppe: SRAM
Laufräder: Zipp
Reifen: Continental
Trikot: Ekoi
Helm: Ekoi

 
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