Sibiu Tour Generaltest für die großen Rennen

Siebenbürgen ist kein Alcatraz für Radprofis

Von Tom Mustroph aus Sibiu

Foto zu dem Text "Siebenbürgen ist kein Alcatraz für Radprofis"
10. Sibiu-Tour, 1. Etappe | Foto: Mustroph

25.07.2020  |  (rsn) - Der Straßenradsport beginnt wieder. Die Stunde Null des Profiradsports in Pandemiezeiten ereignete sich in Siebenbürgen. Etwa 1.000 Personen verfolgten vom Großen Ring, dem zentralen Platz Hermannstadts aus, wie hier am Donnerstag der Prolog zur Sibiu Tour gestartet wurde. Erst schien die Sonne, es herrschte prächtige Stimmung. Einige Fahnen wurden geschwenkt, die Rennfahrer angefeuert. Sie waren durch Barrieren abgetrennt, konnten aber direkt an der Strecke stehen.

Dann kam der Regen, und nur noch einige Dutzende Menschen blieben - die, die einen Platz unter den Schirmen der Restaurants auf dem historischen Marktplatz gefunden hatten. Im Trockenen, auf der überdachten Bühne, die für die Fahrerpräsentation und die Siegerehrung genutzt wurde, saß Nikodemus Holler auf dem sprichwörtlichen heißen Stuhl und verfolgte, wie die Fahrer, die nach ihm kamen, seine Bestzeit verpassten. Holler war vor dem Regen gestartet.

"Das hatten wir so geplant. Es waren ja Gewitter angesagt", meinte er. Auf nassem Parcours kam niemand an ihn heran. Und Holler, Halbprofi bei Bike Aid, und im zweiten Hauptberuf Helfer schwerstinvalidisierter Menschen, konnte sich über seinen bislang größten Karriereerfolg freuen. Seine Kraft, und, ja, auch das glatte Geläuf, hielten die Vollprofis von Bora - hansgrohe und Israel Start-Up Nation auf Abstand.

Es ist das erste Mal in der zehnjährigen Geschichte des Rennens, dass WorldTour-Rennställe hier an den Start gingen. Bislang war die Sibiu Tour eher Fachleuten bekannt. Die schnalzten angesichts der Siegerlisten immerhin mit der Zunge. 2017 gewann Egan Bernal das Rennen, ein Jahr später sein kolumbianischer Landsmann Ivan Sosa. 2014 wurde hier Bernals gegenwärtig wohl härtester Rivale Primoz Roglic Dritter. Der Slowene war da erst im dritten Jahr richtig auf dem Rennrad. Und zum dritten Platz rollte er als Helfer seines damaligen Kapitäns Radoslav Rogina. Das Rennen, vor allem die epische Etappe hoch zum Balea-See, ist also eine Startrampe für Rundfahrerkarrieren.

Passstraße führt über blutigen Boden
Am Freitag kam hier auch echtes Tour de France-Gefühl auf. Einige Hundert Radsportenthusiasten hatten sich auf ihren Rädern auf den 25,2 Kilometer langen und 1.463 Höhenmeter überwindenden Aufstieg gemacht. Andere waren mit ihren Autos hochgefahren. Auch den einen oder anderen Caravan sah man in den Kehren. Klar, die Menschen standen weniger dicht, als man es von Galibier oder Izoard gewöhnt ist, ganz zu schweigen von l'Alpe-d'Huez. Aber es handelte sich nicht um ein Geisterrennen.

Gut, Geister spielten auch eine Rolle. Die Passstraße durch die Karpaten wurde in den 1970er Jahren als Prestige-Projekt des damaligen Herrschers Nicolae Ceaucescu durchgepeitscht und forderte zahlreiche Todesopfer. "Wir stehen auf blutigem Boden", meinte einer der Freizeitsportler traurig, als er den Blick von der Passstraße ins Tal richtete, auf dem sich das Peloton näherte.

Abgesetzt vom Peloton hatte sich da schon das Bora-hansgrohe-Duo Gregor Mühlberger und Patrick Konrad. Nähme Geschichte einen linearen Verlauf, könnte der deutsche Rennstall mit den beiden Österreichern gleich die Kästchen für Rundfahrtpodien ankreuzen. Mühlberger gewann die Königsetappe vor Konrad, der übernahm das Gelbe Trikot. Ja, auch in Siebenbürgen trägt der Gesamtführende ein gelbes Textil.

Der Spitzenreiter muss sich das Gelbe Trikot selber überziehen
Das wurde freilich - es herrscht ja Corona - nicht feierlich überreicht. Konrad nahm sich das Trikot selbst. Er holte es aus der Plastikverpackung heraus und streifte es sich eigenhändig über. Nikodemus Holler hatte am Vortag das gleiche getan. Es wirkte ein wenig wie beim Shoppen in einem der Discounterläden: Auspacken, anprobieren, wieder wegpacken. Bei Holler hatten die Trikots - er zog auch das grüne für den punktbesten Fahrer an - nicht einmal die richtige Größe. Spaßeshalber blies er seinen Bizeps auf, konnte die Luft zwischen Haut und Textil aber nicht zum Entweichen bringen.

Siegerehrungen werden auch in Zukunft so ablaufen, wenn es denn weiter Radrennen unter Corona-Bedingungen gibt. "Wir machen hier den Generaltest für die großen Rennen. Hier stellt sich heraus, ob Radsport möglich ist, und ob Sportveranstaltungen mit Zuschauern überhaupt möglich sind", meinte Jens Zemke, sportlicher Leiter von Bora hansgrohe, zu radsport-news.com.

Bisher glückt die Generalprobe. In den Bergen, wo es bis auf die letzten 250 Meter gar keine Absperrungen gab, hielten sich die Fans daran, Abstand zu halten. Niemand sprang auf die Straße. Auch beim Prolog kreuzte niemand den Weg, wenn ein Radprofi vorbeifuhr. Dabei war die Strecke nur teilweise mit Gittern abgesperrt. Zwischen ihnen flatterte lediglich Absperrband. Der Parcours war kein Hochsicherheitstrakt, kein Alcatraz für Radprofis.

Aber die Zuschauer, die selbst ja Corona-Erfahrungen haben, in Rumänien stiegen die Infektionszahlen zuletzt wieder an, respektierten die Absperrungen - selbst dann, wenn sie dadurch auf ihren alltäglichen Wegen gehindert wurden. Radrennen in Corona-Zeiten können auch auf allgemein erhöhte Rücksichtnahme setzen. Zumindest hier in Siebenbürgen ist es so. Die unter Ceau?escu gebaute Hochstraße durch die Karpaten hatte ja auch noch keine Holländerkurve wie die berühmte Radsport-Alpe.

Simples, aber bisher wirkungsvolles Hygienekonzept
Das Hygienekonzept, das die Veranstalter hier umsetzen, ist im Grunde recht simpel: weitgehende Trennung der Blasen. Die Teams bleiben noch stärker unter sich als gewohnt. "Wir nehmen das Essen allein ein, haben einen Außenbereich im Hotel, wo wir unter uns sind. Außer zum Rennen verlässt niemand das Hotel, wir müssen auch nichts einkaufen, haben alles mitgebracht", erzählt Zemke. Nicht einmal die Mechaniker gehen zum klassischen Feierabendbier in die Stadt. Teams, die weniger luxuriös untergebracht sind, also keinen Außenbereich für sich haben, müssen in den jeweiligen Zimmern essen. "So machen wir das", bestätigt Wolfgang Oschwald, sportlicher Leiter vom Kontinental-Rennstall SKS Sauerland NRW, radsport-news.com.

Um die Hygieneblase überhaupt bilden zu können, wurden alle Fahrer und Betreuer vor dem Rennen auf Corona getestet. "Hier vor Ort wird zwei Mal am Tag bei uns Temperatur gemessen. Wir müssen auch zwei Mal täglich einen Fragebogen ausfüllen, in dem unser Gesundheitszustand abgefragt wird", erzählt Bora-Profi Mühlberger.

Tauchen Symptome auf, rattert das mit der UCI abgestimmte Räderwerk. "Wenn ein verdächtiger Fall vorkommt, dann wird diese Person isoliert, untersucht und geprüft, inclusive PCR-Test. Und wenn der Test positiv ist, wird laut rumänischem Gesetz das Rennen stillgelegt zur Zeit der epidemiogischen Untersuchung", erläutert Cosmin Costea. Costea ist gewöhnlich Streckendirektor des Rennens. In diesem Jahr ist er auch Covid-19-Verantwortlicher. Eine solche Funktion sehen die Corona-Regeln des Weltverbands UCI vor.

"Tritt ein positiver Fall auf, dann trifft sich auch eine Gruppe aus Teamarzt, Teammanager, einem Covid-Doktor, dem Covid-Verantwortlichen sowie Vertretern der Gesundheitsbehörden und beratschlagt, wie es weiter gehen soll. Vielleicht muss das Team aus dem Rennen genommen werden, vielleicht weitere Teams, vielleicht muss das Rennen auch beendet werden", beschreibt Costea das weitere Procedere. Die letzte Entscheidung auf sportlicher Seite behält sich die UCI vor. Die letzte höchste Entscheidungsgewalt überhaupt haben aber die Gesundheitsbehörden vor Ort. Realistisch ist, dass das Rennen nur bis zum geplanten Ende am Sonntag - mit einem Bergzeitfahren und einer Halbetappe - gehen wird, wenn es keinen positiven Fall gibt.

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